20.04.2007 · Die Siemens-Aktie ist mit Abstand der größte Gewinner im Dax, nachdem Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer seinen Rücktritt angekündigt hat. Pierer gibt sich „außerordentlich betroffen“ und schreibt in einer E-Mail von „pauschalen Vorverurteilungen“.
Mit einem deutlichen Kursanstieg hat die Börse auf den Rücktritt von Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer reagiert. Das Siemens-Papier war mit einem Plus von fast vier Prozent am Freitagvormittag der mit Abstand größte Gewinner im Dax.
Von Pierer verabschiedete sich nach seiner Rücktritts-Ankündigung in einer Email von den Mitarbeitern des Konzerns. „Die prekäre Situation, in die unser Unternehmen in den letzten Monaten trotz seiner hervorragenden wirtschaftlichen Entwicklung geraten ist, hat auch mich außerordentlich betroffen gemacht“, schrieb Pierer.
„Pauschale Vorverurteilungen“
Es könne im Zusammenhang mit der Schmiergeldaffäre nicht hingenommen werden, wenn „gegen geltende Gesetze und gegen die einschlägigen, unmissverständlich formulierten internen Regeln verstoßen wird“.
Betroffen machten ihn aber auch die „pauschalen Vorverurteilungen in der Öffentlichkeit, die oftmals ohne Rücksicht auf die Faktenlage erfolgen, und das Vorgehen einzelner Behörden gegenüber verdienten Mitgliedern unseres Hauses“, kritisierte Pierer. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel scheine ihm dabei zuweilen in Frage gestellt.
Alleiniger Anlass und Beweggrund für seine Entscheidung sei das Interesse von Siemens und seiner mehr als 400.000 Mitarbeiter. „Eine persönliche Verantwortlichkeit mit Blick auf die laufenden Ermittlungen war nicht Grundlage meiner Entscheidung“, betonte der 66 Jahre alte Manager.
Aktionärsschützer begrüßen den Rücktritt
Aktionärsschützer bezeichneten die Ankündigung von Pierers, sein Amt am 25. April zur Verfügung zu stellen, als konsequent. Allerdings hätte der Manager schon früher erkennen können, dass er als ehemaliger Vorstandschef des Konzerns an der Aufklärung der Affären nicht mitarbeiten könne, meinte Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.
„Er war in wichtigen Fragen nicht mehr handlungsfähig, insofern ist der Rücktritt nur konsequent“, sagte Kurz. „Pierer zieht Konsequenzen, bevor das Ansehen seiner Person und Siemens weiter beschädigt werden.“ Die geplante Berufung des Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschefs Gerhard Cromme an die Spitze des Siemens-Kontrollgremiums nannte Kurz folgerichtig. Cromme sei als Chef des Prüfungsausschusses praktisch ein „natürlicher Nachfolger“.
IG Metall: Pierers Rücktritt war überfällig
Für Pierers Rücktritt war es auch nach Auffassung der IG Metall höchste Zeit. „Der Rücktritt war überfällig“, sagte ein Gewerkschaftssprecher am Freitag. Es sei merkwürdig, dass Pierer sich im Januar noch von der Hauptversammlung im Amt bestätigen lasse und dann im April zurücktrete. Dennoch müsse es mit der Aufklärung der Korruptionsaffären weitergehen. „Das kann jetzt aber kein Schlussstrich sein, es muss schon alles auf den Tisch.“
Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer begrüßte in einem Radio-Interview, dass Pierer die Verantwortung für die Skandale um Schmiergelder bei Siemens übernommen habe. „Es geht ja nicht nur um die Frage der persönlichen Verantwortung, sondern auch um eine moralische Verantwortung“, sagte der Gewerkschafter im Hessischen Rundfunk. Obwohl Pierer eine Mitwisserschaft von den schwarzen Kassen noch in seinem Rücktrittschreiben zurückwies, zweifelt Neugebauer weiterhin daran, dass der frühere Siemens-Chef von nichts gewusst haben will. „Das nicht zu wissen, glaubt vielleicht jemand, der sich bei Siemens nicht auskennt. Ich glaube es nicht.“
Pierer hatte in der Nacht zum Freitag seinen Rücktritt angekündigt und damit die Konsequenzen aus den verschiedenen Korruptionsvorwürfen gegen Siemens-Mitarbeiter gezogen (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Pierer dankt ab). Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sagte als stellvertretender Siemens-Aufsichtsratschef, er bedaure Pierers Rücktritt.
Pierer soll Regierungsberater bleiben
Pierer soll ungeachtet seines Rücktritts weiterhin enger Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel bleiben. „Die Qualität seiner Arbeit ist unbestritten“, sagte Regierungssprecher Thomas Steg am Freitag in Berlin. Pierer habe seine Beratertätigkeit stets mit Leidenschaft „und zu großer Zufriedenheit der Kanzlerin“ wahrgenommen. Die Regierung habe keinen Zweifel an den Aussagen des Managers, dass er seine Entscheidung aus eigenem Antrieb und aus freien Stücken getroffen habe, sagte Steg. Diese Haltung und Entscheidung verdiene Respekt. Von Pierer habe wie sonst auch nach seinem Motto gehandelt, die eigene Person nicht in den Vordergrund zu stellen, sondern im Interesse des Unternehmens zu handeln. Dies habe der scheidende Aufsichtsratschef in seiner Erklärung zum Ausdruck gebracht.
Die Regierung begrüße, dass sich der Technologiekonzern bemühe, aus den Schlagzeilen zu kommen, sagte Steg. Nur wenige Personen könnten für sich in Anspruch nehmen, Siemens so zu verkörpern wie es von Pierer tue. Er habe auch ehrenamtliche Funktionen mit großem Einsatz ausgeübt. Dazu zähle die Leitung des Innovationsrates der Bundesregierung.
Und wieder bestätigt sich die alte Börsenregel ...
Andreas Neubert (Citizen_Kane)
- 20.04.2007, 14:05 Uhr
Pierer wusste mit Sicherheit alles über die Korruptionspraxis bei Siemens
Manfred Koch (MKochBS)
- 20.04.2007, 14:11 Uhr
Heinrich von Pierer
Ivan Poppov (poppov)
- 20.04.2007, 14:24 Uhr
Börse fröhlich, Pierer traurig
Klaus Benthaus (klaus.benthaus)
- 20.04.2007, 17:20 Uhr
Wenn er nichts wußte,...
Martin Enzinger (FlorianGeyer)
- 20.04.2007, 19:16 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,25 $ | −0,56% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
Anonym bewerben? Ist das gut?