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Birgit Steinborn : Die stille Macht

Birgit Steinborn: Wer glaubt, er treffe auf eine schwache Kontrahentin, der irrt. Bild: Andreas Müller

Birgit Steinborn überlegt, bevor sie spricht- und passt mit ihrer diplomatischen Art so gar nicht in die Tradition der Arbeitnehmervertreter im Siemens-Aufsichtsrat.

          Birgit Steinborn erweckt nicht den Eindruck, als würde sie sich ihrer Rolle als mächtigste Arbeitnehmervertreterin Deutschlands bewusst sein. Die aber wird sie von nun an spielen. Wenn die Hauptversammlung von Siemens an diesem Dienstag zu Ende ist, wird die 54 Jahre alte Gesamtbetriebsratsvorsitzende des Münchner Technologiekonzerns auch den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitz übernommen haben, der den Arbeitnehmervertretern als die Nummer zwei hinter Gerhard Cromme zusteht. Nur eine Frau in Deutschland hat eine ähnlich, aber nicht die gleiche Machtfülle: Monika Brandl ist „nur“ Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Deutschen Telekom und Aufsichtsratsmitglied, nicht aber stellvertretende Chefin.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Die Machtfrage stellt sich zwangsläufig; nicht nur wegen der Position. Birgit Steinborn tritt schließlich ein schweres Erbe an, ersetzt sie doch im Siemens-Gremium Berthold Huber, den einstigen IG-Metall-Vorsitzenden, ohne den in der deutschen Metallindustrie nichts zu laufen schien. Steinborn hat nichts von den Allüren eines Funktionärs à la Huber an sich. Auch das Machtgehabe von Lothar Adler, der ihr Vorgängers als Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Siemens war, ist ihr fremd. Ruhig, zurückhaltend, die Worte vor dem Aussprechen zweimal überlegt, das ist Steinborn. Der Kontrast kann nicht größer sein.

          Birgit Steinborn, die im Siemens-Stammhaus in Berlin ihre Lehre gemacht hat und seit 36 Jahren im Unternehmen arbeitet, schaut eher verwundert, als sie auf ihre Machtposition als Frau angesprochen wird. „Ich möchte irgendwann nicht mehr die Debatten erleben, dass dieses oder jenes von einer Frau oder einem Mann gemacht wird“, sagt sie. „Erst wenn es nur noch um die fachlichen Themen geht und nicht ums Geschlecht, haben wir die wirkliche Chancengleichheit erreicht.“ Seit langem setzt sie sich für die Frauenquote ein. „Aber auf allen Ebenen, nicht nur im Vorstand und im Aufsichtsrat.“

          Keine Rollenspielchen oder Funktionärsgehabe

          Steinborn - den Eindruck erweckt sie in einem Gespräch wenige Tage vor der Hauptversammlung - will sich nicht in das althergebrachte Rollenspielchen und Funktionärsgehabe einlassen. „Mir geht es nicht um den Aufbau von Fronten oder um eine Fundamentalopposition.“ Natürlich sei Opposition wichtig, aber am Ende müsse ein Ergebnis stehen. „Das erwarten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Gesamtbetriebsrat.“ Sie ist eher der Typ Diplomatin denn ein Haudrauf, wie es in der Gewerkschaftsszene hier und da vorkommt. Wer darin Weichheit oder gar Schwäche sehen will, dürfte irren.

          Dazu ist die Industriekauffrau und Diplomsoziologin nicht nur zu sehr ein Siemens-Gewächs, sondern auch seit vielen Jahren als Arbeitnehmervertreterin im Konzern verankert; seit 1990 als Betriebsrätin und später als Betriebsratsvorsitzende am Standort Hamburg, danach von 2008 an als stellvertretende Gesamtbetriebsratsvorsitzende. Nachdem sie im Februar vergangenen Jahres den Gesamtbetriebsratsvorsitz übernommen hatte und seitdem Interessen der 108.000 von insgesamt 115.000 in Deutschland beschäftigten Siemensianer vertritt, sollte sich jeder ihres Einflusses bewusst sein.

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