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Share Economy : Vom Wert des Teilens

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Gesellschaftspolitisch ist aber ein weiterer, über die rein ökonomische Sicht hinausgehender Aspekt bedeutsamer. Was sich beim Hype um die Ökonomie des Teilens deutlich zeigt, ist ein gewisses Maß an Unbehagen gegenüber einer anonymen Marktgesellschaft und den Prozessen der Globalisierung. Die Menschen fühlen sich sozial entwurzelt und den wirtschaftlichen Kräften ohnmächtig ausgeliefert. Das Leben beschleunigt sich, ohne dass sie darauf Einfluss nehmen können. Die Ökonomie des Teilens kann auch als Versuch verstanden werden, wieder zu überschaubaren Wirtschaftsbeziehungen und persönlichen Austauschprozessen zurückzukehren. Statt sich ein Zimmer bei einer seelenlosen Hotelkette zu mieten, nächtigt man mittels Couchsurfing (einem kommerziellen Netzwerk für die Vermittlung kostenloser Übernachtungsmöglichkeiten) in Privatwohnungen und findet dort sozialen Anschluss. Es entsteht das Gefühl von unmittelbaren Beziehungen, die sich in gewisser Weise den üblichen Marktprozessen entziehen.

„Unproduktive Art von Gemüseproduktion“

Dieser Wunsch nach kleinen Einheiten und persönlichen Beziehungen war auch den ordoliberalen Vordenkern der Sozialen Marktwirtschaft bewusst. Wilhelm Röpke stellte eine Sehnsucht „nach einfacheren und daher zugleich historisch früheren Formen des wirtschaftlichen Lebens“ fest, in der der Einzelne nicht Getriebener der Wirtschaft, sondern Zielpunkt der wirtschaftlichen Aktivität ist. Die Forderung von Alexander Rüstow, dass jede Familie einen eigenen Garten haben sollte, klingt aus heutiger Sicht anachronistisch und romantisch verklärt. Übertragbar ist jedoch der grundlegende Gedanke, dass der Mensch für sein Lebensglück ein Umfeld braucht, das anonyme Märkte nicht bieten. Eine kleine Anekdote, die Rüstow von Röpke erzählt hat, der mit dem marktliberalen Ökonomen Ludwig von Mises einst durch eine Schrebergartensiedlung ging, illustriert diesen Standpunkt. Rüstow schreibt: „Mein Freund Wilhelm Röpke ging einmal in Holland mit einem Kollegen, durch eine solche Schrebersiedlung, ich kann den Namen des Kollegen, den er verschwiegen hat, ruhig verraten, es war der bekannte und verdienstvolle paläoliberale Nationalökonom Ludwig von Mises, und Herr von Mises sagte: ,Unproduktive Art von Gemüseproduktion!’ - Röpke erwiderte: ,Höchst produktive Art von Glücksproduktion!’“

Mit dieser Perspektive gewinnt der Trend zur Share Economy eine neue Lesart. Es müssen demnach nicht allein Fragen der wirtschaftlichen Bewertung und rechtlichen Einstufung einer Ökonomie des Teilens geklärt werden, sondern es ist gesellschaftlich zu diskutieren, welches Potential diese Form des alternativen Wirtschaftens besitzt. Verbote können nicht die Lösung sein, sondern es muss darum gehen, das Anliegen nach überschaubaren, menschlicheren und nachhaltigeren Wirtschaftsformen aufzugreifen. Effizienz ist wünschenswert - aber sie ist nur Mittel zum Zweck. Im Mittelpunkt muss die Lebenslage, muss das Lebensglück des Menschen stehen. Die Ökonomie des Teilens sollte dann auch als Wunsch nach mehr Solidarität, Souveränität und Sinnerfüllung verstanden werden.

Die Autoren

Nils Goldschmidt ist Wirtschaftsprofessor am Zentrum für ökonomische Bildung der Universität Siegen. Geboren 1970 in Ostwestfalen, hat er in Freiburg Ökonomie und katholische Theologie studiert. Die Frage, wie ein guter Ordnungsrahmen für die Marktwirtschaft aussieht, beschäftigt ihn seit langem. Das prädestiniert ihn für den Vorsitz der „Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft“ (ASM), den er Ende vergangenen Jahres übernommen hat. Dieser gemeinnützige Verein wurde 1953 vom Soziologen und Ökonomen Alexander Rüstow gegründet, einem der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft.

Julian Dörr ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von Goldschmidt in Siegen und einer der Geschäftsführer der ASM in Tübingen. Er hat Volkswirtschaft und Politikwissenschaft in Bamberg, Paris und Budapest studiert, sein Interesse gilt moderner Ordnungsökonomik und Theoriegeschichte.

Quelle: F.A.Z.

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