26.01.2004 · Im weltgrößten Unternehmen für Direktvertrieb von Wein hat die Familie Pieroth nach 15 Jahren die Nachfolge geregelt. Nach dem Glykolskandal Mitte der 80er Jahre sah das lange anders aus. Teil 13 der F.A.Z.-Serie über den Stabwechsel in Familienunternehmen.
Von Christian von HillerNein, ein Stabwechsel im strengen Sinn des Wortes sind die jüngsten Veränderungen bei der WIV Wein International AG in Burg Layen bei Bingen nicht. Genau genommen zog sich der Übergang gut 15 Jahre lang hin. Erst seit dem Jahreswechsel ist er abgeschlossen. Da wurde neben Johannes Pieroth auch sein Vetter Andreas Pieroth in den Vorstand berufen. Erstmals seit dem Ende der achtziger Jahre sind somit wieder zwei Vertreter der Familie an der Unternehmensspitze.
Daß die Familie Pieroth überhaupt wieder im weltgrößten Unternehmen im Direktvertrieb von Wein operative Verantwortung übernimmt, war nicht selbstverständlich. Zu tief war die Zäsur, die der 1985 ausgebrochene Glykolskandal verursacht hatte. Doch der Reihe nach: Schon 1969 hatte sich Elmar Pieroth aus dem Geschäft zurückgezogen. Er wechselte in die Politik. Zuletzt war er bis Herbst 1998 für die CDU Finanzsenator in Berlin. Mitte der Fünfziger führte er ein völlig neues Konzept im Direktvertrieb ein, die "Weinprobe in der Wohnung des Kunden". Anschließend leitete er die Expansion nach Großbritannien, Frankreich, Österreich, der Schweiz und Japan ein. Die internationale Position hatte dann vor allem sein jüngerer Bruder Kuno ausgebaut, bis auch dieser sich 1985, notgedrungen diesmal, zurückzog. Nach ihrem Ausscheiden übten erst Elmar und dann Kuno Pieroth im Familienbetrieb nur noch eine Kontrollfunktion als Eigentümer aus.
Frostschutzmittelskandal wirkt nach
Schuld daran war der Glykolskandal, der bis heute nachwirkt. In Pieroth-Weinen wurde das Frostschutzmittel Diethylenglykol, kurz Glykol, entdeckt, das österreichische Winzer ihren Weinen zur Zuckerung zusetzten und unter anderem an Pieroth verkauften. Es war der größte Weinskandal im Deutschland der Nachkriegszeit. Als die beiden Brüder Pieroth den Generationswechsel einleiteten und das Unternehmen 2001 in eine Aktiengesellschaft umwandelten, wählten sie WIV Wein International AG.
Dennoch ist es den Pieroth-Brüdern gelungen, das Unternehmen in geordneten Verhältnissen zu übergeben: 2002 erzielte die WIV ein Ergebnis von 6,9 Millionen Euro nach Steuern bei einem Umsatz von knapp 540 Millionen Euro. Nun wollen Johannes und Andreas Pieroth das Werk fortführen, das ihre Väter zwangsweise unterbrechen mußten. Seit Jahresanfang ist Andreas Pieroth im Vorstand für Marketing und Vertrieb verantwortlich. Sein Vetter Johannes, Sohn von Kuno Pieroth, wurde schon im Sommer vergangenen Jahres Vorstand Großhandel International.
Für den Vetter schwerer
Seit 1997 ist der heute 37 Jahre alte Johannes Pieroth im Unternehmen. Nach Jura-Studium, Promotion und ersten Berufsstationen kam er zur WIV. Zunächst ging er für zwei Jahre nach China. Es folgte ein Jahr in Japan, einem der wichtigsten Absatzmärkte der WIV. Seinem Vetter fiel der Weg in das Familienunternehmen schwerer: "Für mich war ein Eintritt in die Firma lange Zeit kein großes Thema", bekennt er. 1969 in Berlin geboren, studierte er Politikwissenschaft und Geschichte und zählte zu den Pionieren der New Economy. Er war einer der ersten Angestellten des Internet-Dienstleisters Pixelpark.
Trotz des Wiedereintritts der Familie bleiben externe Führungskräfte im fünfköpfigen Vorstand in der Überzahl. "Das soll auch so bleiben", sagen Johannes und Andreas Pieroth. "Zwei Pieroths sollten möglichst im Unternehmen aktiv sein und sich in der Führung engagieren", führt Andreas Pieroth aus. "Alle andere Lösungen bergen nur Konfliktpotential", beschreibt Andreas Pieroth die für WIV ideale Konstellation.
Anteile per Poolvertrag gebündelt
Um diese Lösung zu finden, bedurfte es sicher vieler Diskussionen. Denn Johannes und Andreas haben sieben Geschwister, die auf eine Rolle im Unternehmen verzichten mußten. Zudem haben alle Familienmitglieder ihre Anteile per Poolvertrag gebündelt, um eine Zersplitterung der Anteile zu verhindern. Deren Interessen werden zunächst weiter von der Elterngeneration repräsentiert: Kuno Pieroth bleibt Mitglied des Aufsichtsrats, dem sein Bruder Elmar weiter vorsitzt. Mehr Familienmitglieder zählt das Kontrollgremium nicht.
In den siebziger Jahren hatte sich Pieroth schon einen Ruf als experimentierfreudiges Unternehmen erworben: So führte Pieroth eine freiwillige Sozialbilanz ein und die stufenweise Verkürzung der Arbeitszeit für ältere Beschäftigte, die als "gleitender Übergang in den Ruhestand" bekannt wurde. Auch schuf Pieroth das Programm "Kinder in den Betrieb", bei dem die Mütter ihre Kinder mit an den Arbeitsplatz bringen konnten. Schließlich machte das "Pieroth-Modell" zur Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmenserfolg damals Furore.
Diese Ansätze sind nicht alle vergessen: Vor zwei Jahren lancierte die WIV ein Programm, das den Angestellten den vergünstigten Erwerb von WIV-Aktien ermöglicht. Noch ist die Resonanz am Anfang. Zwar kauften die rund 5600 Mitarbeiter (inklusive Weinberater) bisher mehr als 60 000 Aktien, aber ihr Anteil am Kapital macht bisher nur ein Prozent aus. 10 Prozent sollten es schon sein, wünscht sich Johannes Pieroth. Auch gibt es nach wie vor keine Hierarchie im Vorstand. "Wir haben weder einen Vorsitzenden noch einen Vorstandssprecher", sagt Johannes Pieroth. "Wir wollen die wichtigen Entscheidungen im Konsens treffen."
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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