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Serie (10) Licht und Schatten bei der Erbteilung der Quandts

13.01.2004 ·  Die Milliardärsfamilie Quandt hat schon vor Jahren ihren eigenen Weg eingeschlagen, um das größte private Industrievermögen in Deutschland aufzuspalten - steuerfrei wohlgemerkt. Teil zehn der F.A.Z.-Serie über den Stabwechsel in Familienunternehmen.

Von Jürgen Dunsch
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Übertragung des Unternehmens auf einen oder mehrere Erben, Auszahlung einzelner Familienstämme, Stiftungslösung oder Trennung zwischen Gesellschaftern und externem Management: so lauten die gängigen Formeln der familieninternen Übergabe.

Die Bad Homburger Milliardärsfamilie Herbert Quandt hat schon vor Jahren einen anderen Weg eingeschlagen, nämlich den der echten Aufspaltung des größten privaten Industrievermögens in Deutschland - steuerfrei wohlgemerkt. Was unter dem Stichwort Realteilung läuft und damals wegen der Größe des Besitzes und angesichts fehlender gesetzlicher Grundlagen ein Wagnis war, hat bis heute zahlreiche Nachahmer gefunden.

Bahlsen als Nachahmer des Quandt-Modells

Ein Beispiel aus jüngerer Zeit in den Familienunternehmen ist der Gebäckhersteller Bahlsen, der sich 1999 in die drei Teile Süßgebäck, Salzgebäck und Auslandsgeschäfte trennte. Eine Erfolgsgarantie für das unternehmerische Weiterleben bietet allerdings auch die Vermögensaufspaltung nicht, wie gerade der Fall Quandt lehrt.

Wer die wichtigsten Erben des 1982 gestorbenen Herbert Quandt, die Witwe Johanna Quandt und ihre beiden Kinder Susanne Klatten (Jahrgang 1962) und Stefan Quandt (Jahrgang 1966) zusammen erlebt, erkennt ungeachtet ihrer engen persönlichen Verbundenheit drei höchst unterschiedliche Menschen: die unkomplizierte und viel mütterliche Wärme ausstrahlende Witwe, die in sich ruhende Tochter Susanne und den lebhaften, ja bis heute jugendlich wirkenden Sohn Stefan.

20 Milliarden Euro Familienvermögen

Eigenständig ist auch der Industriebesitz. Susanne besitzt die Mehrheit von 50,1 Prozent am Pharmakonzern Altana. Stefan gehört zu hundert Prozent die Delton AG mit dem gegenwärtigen Schwerpunkt Logistik. Die Mutter nennt wie die Kinder ein bedeutendes Aktienpaket am Automobilhersteller BMW ihr eigen. Zusammen kommen sie auf einen Kapitalanteil von rund 46 Prozent, Marktwert knapp 11 Milliarden Euro. Alles in allem wird das Vermögen der Quandts auf rund 20 Milliarden Euro geschätzt.

In einem der seltenen öffentlichen Auftritte der Industriellenfamilie sagte der diplomierte Wirtschaftsingenieur Stefan Quandt auf der Diplomfeier seiner ehemaligen Hochschule in Karlsruhe im Juni 2001: "Meinem Vater war sehr wichtig, daß meine Schwester und ich nach unserer Ausbildung unabhängig voneinander unsere eigenen unternehmerischen Ideen entwickeln und verwirklichen können." Er und seine Schwester tun dies als "unternehmerische Aufsichtsräte" - Ausfluß des maßgeblichen Anteilsbesitzes in den jeweiligen Unternehmen. Aufsichtsratsmandate ohne entsprechende Aktienpakete schätzen die Quandts hingegen nicht, das Mandat von Stefan Quandt in der Dresdner Bank ist historischer Natur.

Langer und quälender Teilungsprozeß

Was sich heute so klar strukturiert darstellt, ist das Ergebnis eines langen und zum Teil quälenden Teilungsprozesses. Bis zum Unfalltod des Halbbruders Harald 1967 konnte selbst Herbert Quandt nicht völlig unabhängig handeln. "Aufgeteilt in zwei Zuständigkeitskreise der operativen Federführung, herrschte letztlich das Prinzip der gemeinschaftlichen Verantwortung" für die vom Vater vererbten Teile, schreibt Hans Konradin Herdt, einer der besten Kenner des Hauses Quandt.

Sechs Kinder aus drei Ehen

Auch nach der ersten Bereinigung war die Lage kompliziert genug: Herbert Quandt hatte sechs Kinder aus drei Ehen, die neben der dritten Ehefrau Johanna Erbansprüche besaßen. Dennoch wollte er sein Imperium klarer gliedern und an die nächste Generation weitergeben. In der 2002 erschienenen Quandt-Biographie bemerkt Rüdiger Jungbluth: "Einen Großteil seiner Zeit und Arbeitskraft verwandte Herbert Quandt in den siebziger Jahren darauf, sein Firmenreich fachgerecht zu zerlegen" - die Riesenaufgabe eines Mannes, dessen Augenlicht immer schwächer wurde.

Der erste Schritt war noch vergleichsweise einfach. Silvia Quandt, das älteste Kind, erhielt in den siebziger Jahren umfangreiche Wertpapierbestände und ein bedeutendes Immobilienvermögen. In einem zweiten Schritt bekamen die drei Kinder aus zweiter Ehe in einer vorweggenommenenen Erbfolge im Juli 1978 zu gleichen Teilen die Mehrheit an der Varta Batterie AG, die ursprünglich Teil des gleichnamigen Konzerns war.

Wie sich zeigen sollten, konnten sie das Erbe trotz einiger Bemühungen in dem zugegeben schwierigen Markt nicht halten, geschweige denn mehren. Es fehlte die kraftvolle unternehmerische Persönlichkeit. Im Dezember 2000 übernahm die Deutsche Bank Varta mehrheitlich. Die Bank setzte den Ausverkauf bis Juni vergangenen Jahres fort; schon im Herbst 2002 landeten die Autobatterien als wesentlichster Teil von Varta beim amerikanischen Automobilzulieferer Johnson Controls.

Altana und Delton - zwei ungleiche Erbstücke

So sind heute die Familienmitglieder aus der dritten Ehe die wahren Erben von Herbert Quandt. Ihr Industrievermögen wurde im Zuge der Testamentsvollstreckung in seine heutige Form gebracht. Aber auch hier gibt es Unterschiede. Die Altana AG hat sich mit dem Schwerpunkt Pharma und dem weiteren Geschäftszweig Spezialchemie in den Dax 30 emporgearbeitet. Der Verkauf der Traditionssparte Kindernahrung (Milupa) 1995 entpuppte sich ebenso als Glücksfall wie die Berufung von Nikolaus Schweickart zum Vorstandsvorsitzenden fünf Jahre zuvor.

Die Delton AG von Stefan Quandt hingegen ist den klaren Erfolgsbeweis bisher schuldig geblieben. Die Tochtergesellschaft Ceag ist zwar Weltmarktführer bei Ladegeräten für Mobiltelefone. Aber insgesamt ist die Delton immer noch margenschwach und der Zukauf Thiel Logistik bisher eine Belastung. Die Vergleichszahlen des Jahres 2002 sprechen Bände. Während die Altana bei einem Konzernumsatz von 2,6 Milliarden Euro eine Vorsteuerrendite von 20 Prozent erwirtschaftete, kam die Delton auf 1,1 Milliarden Euro Umsatz und erlitt einen Verlust von 61 Millionen Euro.

In vielen Unternehmerfamilien wäre unter solchen Umständen Zwist entstanden. Bei den Quandts ist dies offenbar nicht der Fall. Dies mag schon in der Ausgangslage begründet sein: Zwar war die Altana bereits am Beginn der Vermögensteilung stärker, dafür erhielten Johanna und Stefan Quandt größere Anteile aus dem BMW-Aktienpaket. Dort ist der junge Quandt auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender.

Sachverwalter eines gemeinsamen Erbes

Herbert Quandt und der spätere Testamentsvollstrecker Hans Graf von der Goltz haben vorgesorgt. Jeder der drei Quandts könnte heute einen völlig unabhängigen Weg gehen. Es gibt gemeinsam berührende Fragen, an vorderster Stelle die BMW-Beteiligungen, aber auch Probleme, so die 1993 eingegangene 20-Prozent-Beteiligung am lange verlustreichen Kartenunternehmen Gemplus mit Sitz in Luxemburg. Jeder der drei Erben ist darüber hinaus an der amerikanischen Datacard beteiligt; zusammen hält die Familie 100 Prozent.

Aber Rat suchen die Quandts lieber bei wenigen Vertrauten als in den Stäben der großen Unternehmensberatungen. Das "Family Office" in Bad Homburg arbeitet für alle Familienmitglieder - mit drei getrennten Berichtslinien, wie versichert wird. Das wahre Band jedoch ist die gemeinsame Überzeugung, nicht so sehr Inhaber als vielmehr Sachwalter eines großen Erbes zu sein.

Steuerfreie Realteilungen und Abspaltungen von Industrievermögen sind im Zuge der Restrukturierung der deutschen Industrie in den neunziger Jahren zu gängen Mustern geworden. 1992 faßte das Bundesfinanzministerium die bis dahin herangezogene Rechtsprechung zu einem "Spalterlaß" zusammen, zwei Jahre später folgte das Umwandlungssteuergesetz. Jüngster Fall einer großen Abspaltung ist die Immobilienfinanzierung der Hypo Real Estate von der Hypo-Vereinsbank im Oktober vergangenen Jahres. Für Familienunternehmen besonders im Mittelstand hat aber weiterhin die ungeteilte Weitergabe des Erbes Vorrang.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.01.2004, Nr. 11 / Seite 17
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Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

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