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Sellafield in England Die Atomstadt

Kaum irgendwo hat die Nuklearindustrie so viele trotzige Unterstützer wie in der Gegend um das britische Sellafield. Ein Besuch im größten Plutoniumlager der Welt.

© Marcus Theurer Vergrößern Eng verbunden: Im britischen Sellafield leben die Menschen dicht am Plutoniumlager

Wenn Ihnen eine mögliche Gefahrenquelle auffällt, dann weisen Sie uns bitte darauf hin“, sagt die Begleiterin, bevor wir in den Kleinbus steigen. „Außenstehende sehen ja manchmal mehr.“ Man traut seinen Ohren nicht, aber die Bitte ist wohl ernst gemeint. Willkommen in Sellafield, dem größten Atommülldepot der Welt. Vor uns kommt ein übermannshoher Zaun mit Stacheldrahtrollen obendrauf in Sicht. Der Bus schleicht im Schritttempo durch einen Hindernisparcours aus schweren Betonblöcken vor dem Eingangstor. Ein Sicherheitsmann im signalgelben Regenmantel kontrolliert die Zugangskarten, die um unseren Hals baumeln. Die Kollegen mit den Maschinenpistolen bleiben heute lieber drinnen in ihren Kabinen, wo es trocken und warm ist. Das Wetter ist einfach zu schlecht, um im Regen herumzustehen.

Nirgendwo sonst lagert so viel hochradioaktives Plutonium wie in dieser Atomanlage im nordwestlichsten Zipfel von England an der Irischen See. Eingeatmet sind selbst winzige Mengen Plutonium krebserregend. Für die Atombombe von Nagasaki genügten ganze sechs Kilogramm Plutonium. In Sellafield liegen davon rund 112.000 Kilogramm, eine astronomisch große Menge. Gelbes Pulver, abgefüllt in Metallzylinder. Das Plutonium ist ein Residuum aus der Aufbereitung abgebrannter Atombrennstäbe. Seit fast fünf Jahrzehnten werden hier Brennelemente aus der ganzen Welt aufgearbeitet. Deutschland war bisher einer der größten Kunden.

Im Ausland gilt Sellafield als ein Monstrum des Atomzeitalters. Nachbarländer wie Irland und Norwegen beschweren sich seit Jahrzehnten über die Nuklearfabrik der Briten, weil die auch ihre Küsten vergifte. Die berüchtigte und streng bewachte Anlage in der abgelegenen Region West Cumbria ist sechs Quadratkilometer groß. Rund 1400 Gebäude umfasst dieses größte Industriegelände Großbritanniens. Es ist eines der gefährlichsten der Welt. Im Jahr 2018 soll auch der letzte Teil der Wiederaufbereitungsanlage geschlossen werden, denn die Nachfrage fehlt. Seit der Atomkatastrophe von Fukushima gibt es kaum noch internationale Kunden. Was dann zurückbleibt, ist ein strahlendes Ruinengelände. Eine nukleare Albtraum-Stadt, vollgestopft mit bedrohlichen Altlasten.

Wie ein düsteres Museum der Atomwirtschaft

Der Kleinbus steuert auf einen massigen Betonschlot zu. Es ist der Kamin von Windscale, einem stillgelegten militärischen Atomreaktor, in dem die britische Regierung kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begann, Plutonium für Nuklearwaffen herzustellen. Das ging nicht lange gut. 1957 wütete im Kamin von Windscale ein Feuer, es war der bis heute schlimmste Atomunfall in Großbritannien, und noch immer ragt der 125 Meter hohe Kamin weithin sichtbar in den grauen Himmel über Sellafield - ein nuklear verseuchtes Mahnmal des Kalten Krieges. Dahinter dämmert Calder Hall vor sich hin, das erste kommerzielle Atomkraftwerk der Welt und einst ein technisches Prestigeprojekt. Hightech der fünfziger Jahre, eröffnet 1956, stillgelegt vor zehn Jahren. Wann das Kraftwerk demontiert wird, ist unklar.

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