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Schwerpunkt Vollbeschäftigung : Sind die Alten noch zu gebrauchen?

Ganz entspannt in der Fabrik Bild: Juergen Schwarz

Wenn Arbeiter fehlen, müssen die Älteren die Lücken füllen. Aber schaffen die das? Ja, sagt Demographie-Forscher Axel Börsch-Supan. Selbst am Band bestehen die Alten gegen die Jungen. Und mehr Lebensfreude haben sie auch, wenn sie länger arbeiten.

          Das sind doch alles keine alten Leute, die da mit 60 oder 62 Jahren in Rente gehen“, sagt Axel Börsch-Supan. Der Professor für Wirtschaftswissenschaften sitzt in seinem Büro an der Amalienstraße in München, direkt an der Rückseite der Ludwig-Maximilians-Universität im Stadtteil Schwabing.

          Inge Kloepfer

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Forscher hat eine Mission: Er will den Leuten beibringen, dass man mit 60 Jahren nicht alt ist. Für das Gros der Bevölkerung gebe es deshalb überhaupt keinen Grund, mit dem Erreichen des runden Geburtstages daran zu denken, die Arbeit alsbald niederzulegen. „Alt ist man erst 15 Jahre vor seinem Tod“, setzt er hinzu. „Wenn die Menschen später sterben, dann verschiebt sich auch der Beginn des Alterns.“

          Börsch-Supan befasst sich seit vielen Jahren mit den zentralen Fragen des demographischen Wandels. Seit 2011 sitzt sein Forschungsinstitut MEA (Munich Center for the Economics of Aging), das von ihm 2001 in Mannheim gegründet wurde, in der bayerischen Hauptstadt und gehört inzwischen zum Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik. Man könnte das Institut auch als Labor bezeichnen, in dem 23 Forscher unterschiedlichster Disziplinen unter der Regie Börsch-Supans den demografischen Wandel und seine ökonomischen Auswirkungen erforschen.

          Ältere Mitarbeiter machen mehr Fehler, jüngere aber schwerwiegendere

          Die Arbeit des Professors ist mühsam. Einmal wegen der Vorurteile: Es herrscht die Meinung vor, jenseits der 60 nähmen körperliche Fitness und die kognitiven Fähigkeiten derart rapide ab, dass selbst Menschen, die gerne noch arbeiten würden, längst nicht mehr produktiv genug seien. Dafür fehlt jeder empirische Beleg.

          Die andere Mühsal des Professor liegt darin, dass er so viel und so lange beobachten und messen muss. Er misst unentwegt. Mit seinen Forschern und einem Heer von freien Mitarbeitern.

          Besonders aussagekräftig für die ungebrochene Kraft der Alten sind Untersuchungen des Instituts bei Daimler/Chrysler und bei der BASF. Vier Jahre lang haben die Forscher alte und junge Arbeiter in der Automobilproduktion beobachtet und 1,2 Millionen Daten zusammengetragen. „Da kann man sehr genau herausbekommen, was ein Arbeiter auf welcher Altersstufe kann“, sagt Börsch-Supan. Am Band in der Automobilproduktion, wo alle im gleichen Tempo arbeiten müssen, man also nicht sagen kann, wer schneller und wer langsamer ist, hat sich sein Forscherteam unter anderem auf die Fehler konzentriert. „Wir haben Fehler gezählt.“

          Der Demographie-Forscher Axel Börsch-Supan Bilderstrecke
          Der Demographie-Forscher Axel Börsch-Supan :

          Die älteren Mitarbeiter machen tatsächlich mehr Fehler als ihre jüngeren Kollegen. Gewichtet man die Fehler mit den daraus entstehenden Verzögerungen und Schäden für die Produktion, dann haben die Fehler der jüngeren die schwerwiegenderen Folgen.

          Resultat: „Die Produktivität der älteren Mitarbeiter ist am Ende höher als die der jungen.“ Mehr noch: Menschen, die mit 63 Jahren noch arbeiten, seien im Durchschnitt auch nicht unproduktiver als die Altersnachbarn von 55 oder 58 Jahren. Natürlich nähmen die körperliche Fitness und die messbaren kognitiven Fähigkeiten mit fortschreitendem Alter ab. „Aber eben nur sehr, sehr langsam. Im normalen Arbeitsalltag, in dem keiner Spitzensportler sein muss, fällt diese Abnahme überhaupt nicht ins Gewicht.“

          Den Höhepunkt seiner körperlichen Fitness und messbaren Intelligenz habe der Mensch im Übrigen in der Regel schon im Alter von 30 Jahren überschritten. Von da an geht es bergab. Aber nicht immer schneller, sondern langsam. Dabei ist es keinesfalls so, dass sich die Abnahme beschleunigt, je älter man wird. „Es wird immer behauptet, dass Arbeitnehmer mit zunehmendem Alter nicht mehr so produktiv sind“, sagt Börsch-Supan. „Aber das sind pure Behauptungen, denen überhaupt keine Messungen zugrunde liegen.“

          Was für die Fabrik gilt, ist für das Büro nicht anders. Derzeit misst das MEA die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern einer großen Versicherungsgesellschaft, um Aussagen über die Produktivität älterer Arbeitnehmer bei ganz anderen Tätigkeiten zu treffen. Auch diese Studie wird über mehrere Jahre laufen. Und auch hier sind bisher keine Produktivitätseinbußen der Arbeitnehmer jenseits der 60 zu erkennen.

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