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Schwere Vorwürfe  : „Die Deutsche Bank wollte ihre Verluste nicht ausweisen“

Rechtsanwalt Jordan Thomas von der Kanzlei Labaton Sucharow (links) und Analyst Eric Ben-Artzi Bild: Nedden, Kai

Ein ehemaliger Analyst der Deutschen Bank und sein Anwalt, der einst für die amerikanische Finanzaufsicht SEC arbeitete, werfen der Deutschen Bank eine schwere Verletzung des amerikanischen Wertpapierrechts vor.

          Herr Ben-Artzi, Sie haben die amerikanische Börsenaufsicht SEC über angebliche Verletzungen des Wertpapierrechts durch die Deutsche Bank informiert, für die Sie bis Ende 2011 als Analyst tätig waren. Was werfen Sie der Bank vor?

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Ben-Artzi: Ich werfe der Deutschen Bank vor, ihr Portfolio von Kreditderivaten zu hoch bewertet zu haben. Konkret geht es um die Bewertung von sogenannten „Leveraged Super Senior Tranches“ - das sind Teile von komplexen Finanzinstrumenten, mit denen die Ausfallrisiken von Anleihen gehandelt werden können, eine Art Kreditversicherung. Als ich im Juni 2010 von der Investmentbank Goldman Sachs zur Deutschen Bank kam, gehörte es zu meiner Aufgabe, das Risiko dieser Wertpapiere zu bewerten.

          Senior-Tranchen gelten als die Wertpapierteile mit dem geringsten Risiko, weil sie im Fall von Zahlungsausfällen vorrangig bedient werden. Wodurch unterscheiden sich die Papiere?

          Ben-Artzi: Die Papiere unterscheiden sich von regulären Senior-Tranchen dadurch, dass der Verkäufer des Papiers weniger Sicherheiten bieten muss. Wenn man eine Super-Senior-Tranche im Nennwert von 1 Milliarde Dollar zehnfach hebelt, muss der Verkäufer der Kreditversicherung nur 100 Millionen Dollar Sicherheit stellen. Damit sind die Papiere aber auch weniger wert als reguläre Tranchen. Die Deutsche Bank betätigte sich als Käufer der gehebelten Kreditversicherungen und hatte zeitweise ein Portfolio im Nennwert von 120 bis 130 Milliarden Dollar.

          Was genau war an der Bewertung der gehebelten Papiere falsch?

          Ben-Artzi: Die Deutsche Bank bewertete die Papiere während der Kreditkrise - zwischen Mitte 2007 und 2010 - wie reguläre Tranchen, also zu hoch. Den Unterschied zwischen diesen Wertpapieren nennt man Gap-Option. Das ist ein Begriff für das vertraglich festgelegte Recht des Verkäufers, der ja nur für einen kleinen Teil der Transaktion haftet, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Es steht außer Frage, dass man diese Option bewerten muss. Das kann man mit Modellen machen oder indem man im Markt nach Angeboten nachfragt. Die Deutsche Bank hat diesen entscheidenden Teil der Transaktionen ignoriert.

          Warum?

          Ben-Artzi: Der Einsatz von Bewertungsmodellen wurde als „nicht wirtschaftlich“ bezeichnet. Die Bank wollte ihre Verluste nicht ausweisen.

          Aber gab es während der Krise nicht eine gewisse Flexibilität bei der Bewertung, weil teilweise gar kein Handel mehr stattfand und es daher keine Preise gab? Die Deutsche Bank hat die Vorwürfe als unbegründet zurückgewiesen.

          Thomas: Unter amerikanischem Wertpapierrecht war die Deutsche Bank verpflichtet, die gehebelten Papiere zum jeweils fairen Marktwert auszuweisen, und hat das in ihrer Bilanz auch so dargestellt. Nachdem sich die Bank entschieden hatte, ein Bewertungsmodell für die Gap-Option aufzugeben, hat sie eine Reihe von Übergangslösungen verwendet. Aber keiner dieser Schritte beinhaltete die Bewertung der Gap-Option zum Marktwert.

          Welche Konsequenzen hätte es für die Deutsche Bank gehabt, wenn die Papiere so bewertet worden wären, wie Sie es fordern?

          Ben-Artzi: Die Bank wäre während der Finanzkrise in sehr viel schwächerer Verfassung gewesen.

          Hätte sie auf Staatshilfen zurückgreifen müssen wie andere Banken?

          Thomas: Vielleicht. Aber die Bank hätte sicherlich ihre Gewinnprognosen deutlich verfehlt, selbst wenn man konservative Annahmen zugrunde legt. Es hätte für die Deutsche Bank Verluste in Milliardenhöhe bedeutet.

          Warum gehen Sie mit Ihrer Klage an die Öffentlichkeit, Herr Ben-Artzi? Das neue Whistleblower-Programm der SEC erlaubt es doch auch, dass Informanten ihre Tipps anonym geben können.

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