Herr Ben-Artzi, Sie haben die amerikanische Börsenaufsicht SEC über angebliche Verletzungen des Wertpapierrechts durch die Deutsche Bank informiert, für die Sie bis Ende 2011 als Analyst tätig waren. Was werfen Sie der Bank vor?
Ben-Artzi: Ich werfe der Deutschen Bank vor, ihr Portfolio von Kreditderivaten zu hoch bewertet zu haben. Konkret geht es um die Bewertung von sogenannten „Leveraged Super Senior Tranches“ - das sind Teile von komplexen Finanzinstrumenten, mit denen die Ausfallrisiken von Anleihen gehandelt werden können, eine Art Kreditversicherung. Als ich im Juni 2010 von der Investmentbank Goldman Sachs zur Deutschen Bank kam, gehörte es zu meiner Aufgabe, das Risiko dieser Wertpapiere zu bewerten.
Senior-Tranchen gelten als die Wertpapierteile mit dem geringsten Risiko, weil sie im Fall von Zahlungsausfällen vorrangig bedient werden. Wodurch unterscheiden sich die Papiere?
Ben-Artzi: Die Papiere unterscheiden sich von regulären Senior-Tranchen dadurch, dass der Verkäufer des Papiers weniger Sicherheiten bieten muss. Wenn man eine Super-Senior-Tranche im Nennwert von 1 Milliarde Dollar zehnfach hebelt, muss der Verkäufer der Kreditversicherung nur 100 Millionen Dollar Sicherheit stellen. Damit sind die Papiere aber auch weniger wert als reguläre Tranchen. Die Deutsche Bank betätigte sich als Käufer der gehebelten Kreditversicherungen und hatte zeitweise ein Portfolio im Nennwert von 120 bis 130 Milliarden Dollar.
Was genau war an der Bewertung der gehebelten Papiere falsch?
Ben-Artzi: Die Deutsche Bank bewertete die Papiere während der Kreditkrise - zwischen Mitte 2007 und 2010 - wie reguläre Tranchen, also zu hoch. Den Unterschied zwischen diesen Wertpapieren nennt man Gap-Option. Das ist ein Begriff für das vertraglich festgelegte Recht des Verkäufers, der ja nur für einen kleinen Teil der Transaktion haftet, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Es steht außer Frage, dass man diese Option bewerten muss. Das kann man mit Modellen machen oder indem man im Markt nach Angeboten nachfragt. Die Deutsche Bank hat diesen entscheidenden Teil der Transaktionen ignoriert.
Warum?
Ben-Artzi: Der Einsatz von Bewertungsmodellen wurde als „nicht wirtschaftlich“ bezeichnet. Die Bank wollte ihre Verluste nicht ausweisen.
Aber gab es während der Krise nicht eine gewisse Flexibilität bei der Bewertung, weil teilweise gar kein Handel mehr stattfand und es daher keine Preise gab? Die Deutsche Bank hat die Vorwürfe als unbegründet zurückgewiesen.
Thomas: Unter amerikanischem Wertpapierrecht war die Deutsche Bank verpflichtet, die gehebelten Papiere zum jeweils fairen Marktwert auszuweisen, und hat das in ihrer Bilanz auch so dargestellt. Nachdem sich die Bank entschieden hatte, ein Bewertungsmodell für die Gap-Option aufzugeben, hat sie eine Reihe von Übergangslösungen verwendet. Aber keiner dieser Schritte beinhaltete die Bewertung der Gap-Option zum Marktwert.
Welche Konsequenzen hätte es für die Deutsche Bank gehabt, wenn die Papiere so bewertet worden wären, wie Sie es fordern?
Ben-Artzi: Die Bank wäre während der Finanzkrise in sehr viel schwächerer Verfassung gewesen.
Hätte sie auf Staatshilfen zurückgreifen müssen wie andere Banken?
Thomas: Vielleicht. Aber die Bank hätte sicherlich ihre Gewinnprognosen deutlich verfehlt, selbst wenn man konservative Annahmen zugrunde legt. Es hätte für die Deutsche Bank Verluste in Milliardenhöhe bedeutet.
Warum gehen Sie mit Ihrer Klage an die Öffentlichkeit, Herr Ben-Artzi? Das neue Whistleblower-Programm der SEC erlaubt es doch auch, dass Informanten ihre Tipps anonym geben können.
Ben-Artzi: Aus dem gleichen Grund, warum ich das Problem zunächst intern zur Sprache gebracht habe. Ich glaube, dass die Deutsche Bank das Gesetz gebrochen hat und dass die Öffentlichkeit darüber informiert werden muss. Ich hatte zunächst gehofft, dass sich die Bank selbst anzeigen würde. Es wurde aber schließlich klar, dass das nicht geschehen würde. Ich suche zudem eine neue Arbeitsstelle und konnte in Vorstellungsgesprächen bisher nicht erklären, warum jemand mit meiner Ausbildung und Berufserfahrung arbeitslos ist. Seitdem die Sache öffentlich ist, kann ich glaubwürdig berichten, was geschehen ist. Die Leute sollen wissen, was die Deutsche Bank während der Finanzkrise gemacht hat. Damit die Wahrheit herauskommt, würde ich auch die Chance begrüßen, mit Mitgliedern des Aufsichtsrats der Deutschen Bank, mit Aufsichtsbehörden und Bundestagsabgeordneten zu sprechen.
Waren Sie bereits in Kontakt mit den deutschen Aufsichtsbehörden?
Thomas: Nein, aber wir würden es begrüßen, mit den deutschen Behörden bei jeglichen Ermittlungen zu kooperieren.
Wie hat die Deutsche Bank Ihre Entlassung im November 2011 begründet?
Ben-Artzi: Es hieß, dass mein Job mit der ganzen New Yorker Abteilung nach Berlin verlegt werden sollte. Das war hanebüchen, weil ich seit Monaten einen Wechsel nach Berlin diskutiert hatte. Wir hatten uns schon nach Schulen für unseren ältesten Sohn umgesehen. Ich hatte sogar eine Gehaltskürzung angeboten, weil das Leben in Berlin billiger ist als in New York. Die Entlassung war ganz klar eine Vergeltungsmaßnahme.
Rechnen Sie damit, wieder eine Stelle in der Finanzbranche zu finden, immerhin sind Sie promovierter Mathematiker?
Ben-Artzi: Idealerweise würde ich meinen Job bei der Deutschen Bank zurückbekommen. Da das jetzt unwahrscheinlicher wird, bewerbe ich mich auf andere Stellen innerhalb und außerhalb der Finanzbranche.
Das Informanten-Programm der SEC bietet Tippgebern 10 bis 30 Prozent Belohnung, wenn die Geldstrafen für Banken und Unternehmen über 1 Million Dollar liegen. Hat Sie das motiviert, zur SEC zu gehen?
Ben-Artzi: Nein. Wenn das der Fall wäre, hätte ich nicht zuerst monatelang intern Alarm geschlagen. Erst als ich überall auf taube Ohren stieß, bin ich zur SEC gegangen. Selbst dann fühlte ich mich verpflichtet, die Bank über mein Vorhaben zu informieren. Wäre ich an einer schnellen Belohnung interessiert, hätte ich die SEC viel früher und zudem anonym informiert. Meine Familie und ich haben schon einen hohen Preis für diesen Schritt gezahlt. Wir mussten New York verlassen, unseren Sohn von der Privatschule nehmen und von unseren Ersparnissen leben.
Herr Thomas, Sie haben früher für die SEC gearbeitet und das Informanten-Programm mit aufgebaut. Kennen Sie den Stand der Ermittlungen?
Thomas: Ermittlungen der SEC sind vertraulich und nicht öffentlich. Wir müssen alle warten, bis wir wissen, wie die Behörde reagiert.
In Kreisen der Bank wird kolportiert, dass die Ermittlungen der SEC keine Hinweise auf Bilanzmanipulation erbracht hätten, weil bisher noch kein Subpoena, also ein Auskunftsersuchen unter Androhung von Zwangsmaßnahmen, eingegangen sei.
Thomas: Das ist Fiktion. Banken unterliegen der Regulierung und müssen deswegen Dokumente auf Anfrage sowieso zur Verfügung stellen, auch ohne Subpoena. Ich kann Ihnen versichern, dass die Angelegenheit von der SEC genau untersucht werden wird. Vorgänge in Zusammenhang mit der Finanzkrise genießen dort hohe Priorität. Es handelt sich bei der Deutschen Bank zudem um ein wichtiges Unternehmen mit vielen Aktionären, und es geht um Multi-Milliarden-Dollar-Portfolios von Risikopapieren. Es ist einer der ersten Fälle im Whistleblower-Programm, und es haben drei Leute unabhängig voneinander ähnliche Beschwerden eingelegt.
Man darf aber nicht vergessen,
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 10.12.2012, 18:52 Uhr
Bitte mehr Details...
Hans-Georg Schwarz (Hans-Georg_Schwarz)
- 10.12.2012, 15:12 Uhr
Theater
Eberhard Berger (ebhberger)
- 10.12.2012, 14:09 Uhr
Mutiger Mann
Alexander Berndt (tizian2011)
- 10.12.2012, 13:26 Uhr
In der Sache vermutlich richtig, aber eine sinnlose Kritik.
Otto Meier (DerQuerulant)
- 10.12.2012, 12:37 Uhr