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Schwellenländer Argentinien steht an der Schwelle zu einer neuen Krise

04.06.2008 ·  Sechs Jahre nach der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte herrscht in Argentinien abermals Krisenstimmung. Die Angst vor einer steigenden Inflation und einer Abwertung des Peso geht um, Anleger schaffen ihr Kapital aus dem Land.

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Sechs Jahre nach der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte herrscht in Argentinien abermals Krisenstimmung. Die Angst vor einer steigenden Inflation und einer Abwertung des Peso geht um, Anleger schaffen ihr Kapital aus dem Land. Dabei erscheinen die fundamentalen Wirtschaftsdaten bestens.

Argentiniens Wirtschaft blickt auf den stärksten Aufschwung seit 100 Jahren zurück. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst seit fünf Jahren um durchschnittlich 9 Prozent. Staatshaushalt und Leistungsbilanz verzeichnen satte Überschüsse. Angesichts der rekordhohen Devisenreserven erscheint die Flucht aus dem Peso ziemlich unverständlich. Auch die globalen Krisen kann Argentinien mit ziemlicher Gelassenheit betrachten. Faule Hypothekenkredite gibt es kaum. Mit Erdöl kann sich das Land - bisher zumindest - selbst versorgen. Und die in aller Welt steigenden Nahrungsmittelpreise, die vielerorts zu Furcht vor neuen Hungerkatastrophen führen, sollten für Argentinien eigentlich ein Segen sein. Denn das Land produziert Fleisch und Weizen, Milch und Honig im Überfluss. Für Soja, Mais und Pflanzenöle zählt Argentinien zu den größten Exportländern der Welt.

Dennoch sind die Konjunkturerwartungen plötzlich eingebrochen. Nach Umfragen von TNS Gallup erwartete im Januar nur einer von zehn Argentiniern eine Verschlechterung der Konjunktur in den nächsten sechs Monaten. Im April waren es schon 29 Prozent, die Mai-Daten könnten noch schlechter ausfallen. Die Kurse von argentinischen Staatsanleihen sanken auf den tiefsten Wert seit der Umschuldung vor drei Jahren. Die steigenden Risikoprämien in den Renditen signalisieren die zunehmende Gefahr neuer Zahlungsausfälle.

Ausgerechnet die bislang boomende Agrarwirtschaft steht im Mittelpunkt der neuen Krisenszenarien. Seit nunmehr fast drei Monaten protestieren die Landwirte gegen die Agrarpolitik der Regierung. Drei Wochen lang blockierten die Bauern die Straßen, bis den Supermärkten Milch, Fleisch und andere Frischwaren ausgingen. Auslöser der Proteste: Am 11. März hatte die Regierung die Exportsteuern zum wiederholten Mal drastisch angehoben. Für Soja, das wichtigste Exportprodukt, stieg die Belastung von 35 auf 44 Prozent der Bruttoeinnahmen. Zudem sollte der Steuersatz mit höheren Weltmarktpreisen auf bis zu 95 Prozent von jedem zusätzlichen Exportdollar weiter steigen. Die Ausfuhr von Weizen und Rindfleisch hatte die Regierung zeitweise sogar ganz verboten. Die Maßnahmen sollten einen Anstieg der Preise auf dem Inlandsmarkt verhindern. Doch tatsächlich drosseln sie die Produktion und könnten Knappheit erzeugen, wo bisher Überfluss herrscht. Fachleute rechnen schon mit einem deutlichen Rückgang des Weizenanbaus in der gerade beginnenden neuen Anbausaison. Für Milch gelten amtliche Höchstpreise, die das Geschäft unrentabel machen. Entnervt bringen die Viehzüchter ihre Kühe zum Schlachter - ein Rückgang der Bestände ist vorprogrammiert, obwohl kein anderes Land bessere Voraussetzungen für die Viehzucht bietet.

Nach bald drei Monaten Dauerprotest stellte die Regierung jetzt eine Absenkung der Steuerprogression in Aussicht. Doch bei dem derzeitigen Niveau der Weltmarktpreise ändert sich an der Höhe der Steuern nichts. Die Landwirte wollen darum weiter streiken und an den Landstraßen protestieren. "So lange wie nötig", bekräftigt Bauernführer Eduardo Buzzi. Allerdings beschränken sich die Landwirte jetzt auf einen Stopp des Exports, um sich die Sympathien der eigenen Bevölkerung nicht zu verscherzen. Zu einer Bauerndemonstration in der Agrarindustrie-Metropole Rosario kamen am Nationalfeiertag des 25. Mai mindestens 200 000 Menschen.

Der Ausfuhrstopp trifft die Regierung an ihrer empfindlichsten Stelle. Rund 15 Prozent der Staatseinnahmen kommen aus den Exportsteuern. Die Regierung bleibt dennoch hart. Staatspräsidentin Cristina Kirchner sieht in Hunderttausenden Bauern die gleichen "Oligarchen" am Werk, die in früheren Jahrzehnten Militärputsche unterstützt hätten. Ihr Ehemann und Amtsvorgänger, Néstor Kirchner, der als Chef der regierenden Peronisten-Partei weiterhin die Fäden zieht, will die Landwirte "auf die Knie" zwingen.

Der Rest des Landes schaut derweil fassungslos zu, wie der Wirtschaftsboom einzubrechen droht, weil die Regierung und die Landwirte keinen Kompromiss finden. Die Agrarindustrie ist das Rückgrat der argentinischen Wirtschaft. Sie erbringt mehr als die Hälfte der Exporterlöse. Mindestens ein Drittel aller Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von der Landwirtschaft ab. Ob Transportunternehmen, Saatgut- und Düngemittelhersteller oder der Maschinenbau - überall kommt das Geschäft zum Erliegen. Auch der Konsumrausch ist verflogen, vor allem in den Kleinstädten und Dörfern auf dem Land.

"Das ist ein dämlicher Konflikt, bei dem alle nur verlieren", schimpft Jorge Forsthuber, Präsident der Maschinenbau-Kammer Carmahe. Für die seit September völlig ausgebuchte Investitionsgütermesse Fimaqh Ende Mai in Buenos Aires hatten die Veranstalter extra drei Riesenzelte angebaut, um nicht noch mehr Aussteller abweisen zu müssen. Doch auf der Messe herrschte jetzt großer Frust. "Wir hatten ein weiteres Wachstumsjahr erwartet, doch jetzt steht alles still", sagte Jorge Alonzo von dem argentinischen Maschinenbauer Iturrospe. "Argentinien ertrinkt in einer Wasserpfütze", beschreibt Tomás Pförtner, der in Buenos Aires eine Kette von Optikergeschäften betreibt. "Bis vor ein paar Monaten war ich noch sehr optimistisch. Doch die Zuspitzung der politischen Konflikte besorgt mich sehr. Das kann den Aufschwung schnell abwürgen."

Auch ohne den Agrarkonflikt wäre ein Abkühlen der Konjunktur aber wohl kaum vermeidbar gewesen. Die Inflation steigt rasant. An die offiziell ausgewiesene Preissteigerungsrate von knapp 9 Prozent glaubt außer der Regierung niemand. Nach Schätzung der Beratungsfirma Broda beträgt die Inflation schon 30 Prozent. Der Staatshaushalt wird durch die immer höheren Subventionen belastet, mit denen die Regierung die Preise für Strom und Gas oder Bahn- und Busfahrkarten auf einem Bruchteil des international üblichen Niveaus hält.

Für 2008 erwarten Ökonomen der Bank JP Morgan wegen der Überhangeffekte aus dem jüngsten Boom zwar noch ein Wachstum des BIP um 6,5 Prozent. Im ersten Quartal betrug das Wachstum sogar noch fast 9 Prozent. Doch 2009 werde das Wachstum auf 3 Prozent sinken, prognostiziert die Bank. In den vergangenen Jahrzehnten ist Argentiniens Wirtschaft nach diversen Höhenflügen nie eine weiche Landung gelungen. Warum sollte es diesmal anders sein?

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Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
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