Die Lage an Europas Anleihemärkten ist vertrackt. Griechenland kämpft weiter verzweifelt gegen die Pleite - an diesem Montag muss der Staat eine milliardenschwere Anleihe tilgen, nur mit allerhand Tricks wird man die Summe gerade so zusammenbekommen. Deutschland dagegen zahlt selbst für Bundesanleihen mit langer Laufzeit aktuell nur 1,5 Prozent Zinsen - der Kontinent ist zweigeteilt.
Minirenditen aus dem Norden oder Megarisiken im Süden? Auf die Frage gibt es für die meisten Privatanleger nur noch eine Antwort: keines von beidem. Lieber parken sie ihr Geld bei der Bank, die Rekordsumme von 785 Milliarden Euro horten die Deutschen derzeit auf Tagesgeldkonten. Von Staatsanleihen wollen sie nichts mehr wissen.
Sichere Papier aus Brasilien oder Indonesien
Das ist verständlich angesichts der Dauerkrise - und doch aus Sicht vieler Experten keine gute Entscheidung. Denn es gibt Staatsanleihen, die genau jene Eigenschaften aufweisen, die man im Euroraum vergeblich sucht: Sie werfen ordentliche Renditen ab. Und sie sind gleichzeitig weitgehend ausfallsicher. Papiere aus Brasilien zum Beispiel, aus Indonesien oder der Türkei: alles Schwellenländer, die den Staaten des Euroraums eines voraushaben - ihre Schulden sind viel niedriger. Zudem bieten sie krisengebeutelten Anlegern einen zweiten Vorteil: Ihre Anleihen notieren in der Regel nicht in Euro. Geht das Währungschaos hierzulande weiter, sind die Papiere dabei außen vor.
Wie deutlich die Schwellenländer mittlerweile an Europa vorbeigezogen sind, zeigen zwei Zahlen: Im Schnitt beträgt der Schuldenstand der aufstrebenden Staaten gemessen an der Wirtschaftsleistung 40 Prozent. Die Europäer sind dagegen bereits bei der Schwelle von 100 Prozent angelangt - ein himmelweiter Unterschied.
Noch drastischer wird das Bild, wenn man Europa am eigenen Anspruch misst, an den Maastricht-Kriterien. Die legen eigentlich fest, dass sich kein Eurostaat ein jährliches Haushaltsminus von mehr als drei Prozent leisten darf. Zudem verbieten sie einen Anstieg der Staatsverschuldung auf mehr als 60 Prozent der Wirtschaftsleistung. In der Praxis schafft es aber nicht einmal Deutschland, beide Vorgaben zu erfüllen. Vielen Schwellenländern jedoch gelingt dies mühelos: Indonesien beispielsweise nimmt die Hürde ohne Mühe, genauso wie die Türkei oder Mexiko.
Wie konnten diese Länder nur so stark werden? „Sie haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt“, sagt Michael Mewes vom Investmenthaus JP Morgan Asset Management. Vor allem in den neunziger Jahren schlitterten viele Schwellenländer von einer Schulden- und Währungskrise in die nächste. Was sie damals an den Rand des Kollapses brachte, ist heute ein Vorteil: Die Erfahrungen, die die Europäer nun durchleben, haben die Schwellenländer bereits hinter sich. Längst konnten sie gegensteuern und ihre Verschuldung zurückfahren. Lohn der Mühen: Seit 2004 kennen ihre Noten bei den Ratingagenturen eigentlich nur eine Richtung - sie steigen. Im Schnitt sind sie bei der Bewertung „BBB-“ angekommen, ab da zählen die Agenturen einen Staat zu den sicheren Schuldnern.
„Das sind Klagen auf hohem Niveau“
Allein mit Sparen ist den sogenannten Emerging Markets dieser Aufschwung allerdings nicht gelungen. Sie haben gegenüber Europa einen weiteren Vorteil: Ihre Bevölkerung ist jung, das Wachstum der Wirtschaft darum vergleichsweise hoch. Muss es da nicht bedenklich stimmen, dass viele der Schwellenländer zuletzt trotzdem niedrigere Zuwächse auswiesen? JP-Morgan-Experte Mewes winkt ab: „Das sind Klagen auf hohem Niveau.“ In der Tat: In Indonesien beispielsweise wird das Plus in diesem Jahr mit rund sechs Prozent zwar niedriger ausfallen als 2011, und in Brasilien werden gar nur 1,8 Prozent erwartet. Trotzdem schlagen beide Länder den Euroraum um Längen. Dort ist bestenfalls mit einer Stagnation zu rechnen.
Weniger Schulden, mehr Wachstum - klingt fast nach einer Zauberformel ohne Risiken. Doch die neue Anleihewelt hat vor allem einen Makel: Einige europäische Großinvestoren trauen ihr noch nicht so recht. Sie betrachten Schwellenländeranleihen weiter als riskante Investments, die die Rendite aufpeppen sollen und aus denen sie sich schnell zurückziehen, sobald die Euro-Krise wieder stark entflammt. Ihre größte Sorge rührt aus der Zeit der Lehman-Pleite 2008 her: Damals wollten die meisten Anleger so schnell wie möglich raus aus den Schwellenländern, fanden aber für ihre Anleihen so gut wie keine Käufer.
Diese Furcht sehen Fachleute jedoch heute als unbegründet an: Denn die Schwellenländer begeben nun eine Vielzahl ihrer Anleihen in Dollar, der Markt ist auf ein Volumen von 500 Milliarden Dollar angewachsen - die Furcht vor einem Käuferstreik ist da passé.
Die Dollar-Anleihen starker Schwellenländer wie Brasilien sind darum auch für Privatanleger interessant. Denn sie bieten zum einen attraktive Renditen: Im Schnitt bringen sie bei längerer Laufzeit rund drei Prozentpunkte mehr ein als Bundesanleihen. Und zum anderen sind sie die beste Versicherung gegen einen Absturz des Euro, weil der Dollar in einem solchen Fall an Wert zulegen würde.
Noch mehr verdienen lässt sich mit Anleihen, die in der jeweiligen Landeswährung notieren. Hier liegen die Renditen für lang laufende Papiere derzeit im Schnitt bei fast sechs Prozent. Hinzu kommt die Aussicht auf Währungsgewinne: Langfristig führt das starke Wachstum der Schwellenländer nämlich auch zu einer Aufwertung ihrer Währungen. Da der Kauf von Einzelpapieren für Privatanleger schwierig ist, sollten sie besser auf spezialisierte Anleihefonds setzen.
Dass die neue Beliebtheit der Schwellenländeranleihen schnell wieder abebben wird, ist nicht zu erwarten. Mexiko beispielsweise konnte sich unlängst kaum der Nachfrage nach einer seiner Anleihen erwehren. Der Ansturm zeigt, wie groß das Vertrauen der Investoren mittlerweile ist: Das Papier hat eine Laufzeit von 100 Jahren.
Im Extrem könnte ein Staat bei seinen Anleihen sogar manipulieren.
Hans Edelmann (aktienfluechtling)
- 19.08.2012, 13:58 Uhr
Es ist immer ein Risiko,...
Hans Edelmann (aktienfluechtling)
- 19.08.2012, 13:19 Uhr