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Nach 17 Jahren : Der Gotthard ist eröffnet - ein Tunnel für Europa

Der erste Zug fährt am Mittwoch in den neu eröffneten Gotthard-Tunnel. Bild: dpa

17 Jahre haben sie gebaut, nun ist er eröffnet: Der Gotthard-Tunnel steht vorbildhaft für die Idee, die inneren Banden des Kontinents zu festigen. Die Kanzlerin und der französische Präsident sind mit dabei.

          Gerade erst haben Angela Merkel und François Hollande einander in Frankreich die Hand gereicht. Die Bundeskanzlerin und der französische Präsident gedachten am Sonntag Hunderttausender Soldaten, die im Jahr 1916 in der Schlacht von Verdun ihr Leben verloren haben, und betonten damit die Bedeutung der europäischen Einigung. Nun sind die beiden wieder aufeinander getroffen: Sie haben zusammen mit dem Schweizer Bundespräsidenten Johann Schneider-Amman den Gotthard-Eisenbahntunnel in der Schweiz mit eröffnet. Auf den ersten Blick könnten die Anlässe kaum unterschiedlicher sein. Doch auch die Feier in den Alpen symbolisiert das Bemühen, die inneren Bande Europas zu stärken.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Als Teil des so umfassenden Transitabkommens von 1992 zwischen der EU und der Schweiz ist der neue Tunnel das handfeste Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung Europas zum Ausbau der öffentlichen Infrastruktur – das stolze Einigungswerk eines Europas, das mehr ist als die EU. Dank kürzerer Fahrzeiten rücken die Staaten dieses derzeit in etlichen politischen Fragen auseinanderstrebenden Kontinents am Gotthard im wörtlichen Sinne enger zusammen. Von Zürich nach Mailand dauert die Fahrt nur noch drei Stunden.

          Der neue Gotthard-Tunnel ist das Herzstück der wichtigen Transportachse zwischen Rotterdam und Genua und der Schlüssel für eine beschleunigte Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene. Die Eidgenossen haben sich hierfür 17 Jahre durch ein unzugängliches Massiv aus Granit und Gneis gefräst und den längsten Eisenbahntunnel der Welt geschaffen. Die Schweiz, deren Bürger bis heute mehrheitlich keine EU-Mitgliedschaft anstreben, hat umgerechnet elf Milliarden Euro in den Tunnel investiert, der den Nachbarländern Deutschland und Italien mindestens so viel bringen dürfte wie ihr selbst. Im Gegenzug dafür bekam sie andere Verkehrserleichterungen im Rahmen bilateraler Verträge.

          Die Schweiz macht es vor

          Die kleine Schweiz beschämt den Rest Europas dabei wieder einmal mit ihrer Professionalität: Ihr Beispiel zeigt, dass es kein Naturgesetz gibt, nach dem sich die Kosten für große Bauvorhaben der öffentlichen Hand vervielfachen müssen. Die planlosen Planer des Berliner Großflughafens und der Hamburger Elbphilharmonie hätten gut daran getan, Anschauungsunterricht in der Schweiz zu nehmen. Zwar ist auch der neue Gotthard-Tunnel um ein gutes Drittel teurer geworden als ursprünglich kalkuliert. Aber wo in bis zu 2300 Metern Tiefe buchstäblich natürliche Unwägbarkeiten lauern und die Regierung in der Zwischenzeit die Sicherheits- und Brandschutzmaßnahmen verschärft, ist ein solcher Anstieg fast „normal“. Zeitlich lief es sogar besser als vorgesehen. Gegenüber dem 2007 neu aufgestellten Plan haben die Eidgenossen sogar ein Jahr gutgemacht.

          Im Tunnel: Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi, der Schweizer Bundespräsident Johann Schneider-Ammann, Angela Merkel und Francois Hollande (v.l.n.r.) Bilderstrecke

          Dabei halfen zwei schweizerische Spezialitäten: der Mythos vom Gotthard und die direkte Demokratie. Die Bergregion im Herzen der Schweiz war im Zweiten Weltkrieg das Herzstück der Landesverteidigung. Von dort aus wollte man sich mit Zähnen und Klauen verteidigen, hätte Hitler den Angriff befohlen. Der Gotthard steht aber auch für den Wandel der Schweiz vom armen Bauernland zum blühenden Industriestaat. Mit dem Bau des ersten Gotthard-Tunnels 1882 fand das Tessin Anschluss an den nördlichen Teil der Schweiz.

          Vor allem aber öffnete die Gotthardbahn das Land ökonomisch: Als Verbindung zwischen dem Norden und dem Süden Europas wurde sie zur Lebensader der Schweizer Exportwirtschaft. Weil man für den Bau der Eisenbahn Fachkräfte benötigte, entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts außerdem neue Ausbildungsstätten für Ingenieure, Mathematiker und Geologen. Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich hat bis heute dank der vielen renommierten Forscher aus aller Welt einen exzellenten Ruf.

          Deutschland im Verzug

          Die Schweizer wissen, dass ihr Wohlstand mit dem Gotthardbahntunnel eng verbunden ist. Ihnen ist klar, dass gegenüber dem von der EU seinerzeit gewünschten Autobahnausbau nur ein Bahntunnel die Chance bot, die Lastwagen-Karawane durch die Alpen einigermaßen in Schach zu halten. Auch deshalb haben sie sich in den neunziger Jahren in mehreren Volksabstimmungen klar für den Bau des Basistunnels ausgesprochen, der nur halb so hoch liegt wie die alte Röhre und daher schneller und mit mehr Last zu durchfahren ist. Diese breite Legitimation, verbunden mit der Einbindung der von Baustellen und Mehrverkehr betroffenen Kommunen und Bürger, hat dafür gesorgt, dass es nur wenig Widerstand gab.

          In Deutschland hingegen haben zahllose Bürgerinitiativen die in einem Staatsvertrag mit der Schweiz ausgehandelten Arbeiten an der Zubringerstrecke zwischen Karlsruhe und Basel in Verzug gebracht. Der viergleisige Ausbau der Rheintalstrecke wird wohl erst 2035 fertig sein – zehn Jahre später als geplant. Auch die Italiener hinken mit ihrer Streckenertüchtigung hinterher – zu Lasten der eigenen Häfen am Mittelmeer, die am stärksten von einer durchgehend flotten Verbindung von Süd nach Nord profitieren würden. Gut, dass Europa in der Schweiz ein kleines Vorbild hat.

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