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Schweiz Volksentscheid über sechs Wochen Mindesturlaub

19.02.2012 ·  Im europäischen Ländervergleich arbeiten die Schweizer länger und haben weniger Ferien als Arbeitnehmer in anderen Ländern. Bald stimmen die Schweizer darüber ab, ob sie weniger arbeiten müssen.

Von Jürgen Dunsch, Zürich
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Schweizer arbeiten länger und haben weniger Ferien. Nach Erhebungen der Unternehmensberatung Mercer haben die Eidgenossen zumindest 28 Ferien- und Feiertage im Jahr, also weniger als sechs Wochen. Deutschland zählt demgegenüber 33 Tage, Österreich gar 38 Tage. Darüber hinaus, so hat der schweizerische Gewerkschaftsdachverband Travail Suisse ermittelt, arbeiten die Schweizer durchschnittlich 44 Stunden in der Woche, 3 Stunden länger als die Menschen im übrigen Europa. Diese Zahlen ließen die Gewerkschaften nicht ruhen: Sechs Wochen für alle, fordern sie. Am 11. März dieses Jahres wird es ernst. Dann stimmen die Schweizer über diesen Antrag ab.

Die Grenze zwischen Befürwortern und Gegnern zieht sich entlang bekannter Linien: auf der einen Seite stehen Arbeitnehmervertreter, Sozialdemokraten und Grüne, auf der anderen die bürgerlichen Parteien und die Arbeitgeber. Sie haben die Unterstützung der Regierung und der Parlamentsmehrheit. Die Gewerkschaften ficht das nicht an. Sie argumentieren mit der wachsenden Belastung in der modernen Arbeitswelt. Für Martin Flügel, den Präsidenten von Travail Suisse, liegen die Folgen auf der Hand: "Die Leute können nicht mehr bis zur Pensionierung arbeiten, weil sie krank werden. Es braucht einen Ausgleich, es braucht mehr Ferien", sagt er. Gesetzlich stehen den Schweizern seit 1984 nur mindestens vier Wochen Urlaub zu. Schon vor knapp drei Jahren reichten die Gewerkschaften die Volksinitiative ein.

Bisher gibt es vier Wochen Mindesturlaub

Bisher regeln Betriebe und Branchen den Urlaub unterschiedlich und gehen dabei auch vielfach über das gesetzliche Minimum hinaus. So erhalten die Angestellten im Maschinenbau derzeit fünf und ab einem Alter von 50 Jahren sechs Wochen. Dasselbe gilt für die Bauwirtschaft, die Druckindustrie und die Uhrenhersteller. Die Arbeitgeber warnen vor gut 2 Prozent höheren Kosten für die Betriebe durch jede zusätzliche Ferienwoche. Gesamtwirtschaftlich koste das Ferienvergnügen mindestens 6,3 Milliarden Franken oder umgerechnet 5,3 Milliarden Euro, sagen sie. Falsch, meinen die Befürworter der Vorlage. Die Initiative sehe eine Übergangsfrist von sechs Jahren und eine gestaffelte Ausdehnung der freien Tage vor. Die Wirtschaft werde daher nur mit 0,3 Prozent mehr Lohn belastet. Abgesehen davon verursache der Stress am Arbeitsplatz Kosten von 10 Milliarden Franken im Jahr, werfen die Gewerkschaften als zusätzliches Argument ein.

Der Vorschlag klingt vielen in der Schweiz prekär. Sie kommt zu einer Zeit, in welcher eine nachlassende Konjunktur, der starke Franken und die Umsteuerung der Energiepolitik auf die Wirtschaft drücken. In einer Umfrage des Schweizer Fernsehens wollten daher Anfang des Monats nur 39 Prozent der Befragten ein Ja in die Urne werfen. Ein Kommentator der Zeitung "NZZ am Sonntag" hingegen war voller Lob: "Zu den Wundern der Schweizer Demokratie zählt, dass das Volk über Steuern und Ferien selbst bestimmen darf. Und zu den Wundern dieses Systems gehört, dass bis heute die Selbstzerstörung des Landes nicht erfolgt ist."

Rasch fällt in vielen Gesprächen das Stichwort Griechenland. Hier liegt das Minimum laut Mercer bei 37 Ferien- und Feiertagen. Doch es gibt keinen klaren statistischen Zusammenhang zwischen den Mindest-Urlaubstagen und der wirtschaftlichen Prosperität: Im wirtschaftlich angeschlagenen Großbritannien gibt es nur 28 freie Tage, während das Vorzeigeland Finnland 39 bereithält. Im Hochlohnland Schweiz spricht denn auch Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt lieber von einem "Gesamtarbeitspaket" in den Betrieben, bei dem die Ferien nur einen Teil darstellen. Zu denken ist des Weiteren an die Brutto- und Nettolöhne sowie die betrieblichen Sozialleistungen, an die Altersversorgung und die angebotenen Teilzeitmodelle. Mehr als 85 Prozent der Schweizer Arbeitnehmer erklärten derweil in einer Umfrage, sie könnten Arbeit und Freizeit gut miteinander vereinbaren. Wer zurzeit den anstrengenden Run auf die Skipisten an den Wochenenden verfolgt, hegt daran keinen Zweifel.

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Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

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