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Schweiz Der Klimawandel als Touristenattraktion

13.06.2009 ·  Gletscherschmelze, einstürzende Felsformationen, Hochwassergefahren: In der Schweizer Jungfrau-Region sind die Folgen des Klimawandels sichtbar. Das Ferienziel versucht, daraus Kapital zu schlagen. Den Touristen wird der Klimawandel anschaulich vor Augen geführt.

Von Jürgen Dunsch, Grindelwald
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So richtig wissen die Grindelwalder noch nicht, ob der große Gletschersee, der sich oberhalb ihrer Gemeinde gebildet hat, die Touristen nun abschreckt oder anzieht. Die bisher gestauten Wassermassen könnten eine Flutwelle auslösen, eine Art Gletscher-Tsunami, mussten die Einwohner schon hören. Sie selbst geben sich gelassen, sprechen von "etwas mehr oder weniger Wasser", das in Richtung Interlaken rauscht. Neuralgische Punkte lägen weiter abwärts die Schwarze Lütschine entlang, sagen sie. So klammern sich die Leute in diesem Teil des Berner Oberlandes an die Einschätzung, dass der Gletschersee vor allem für Aufmerksamkeit in ganz Europa sorgt, wie Daniel Frei, der Chef der regionalen Tourismusorganisation Jungfrau Region Marketing AG, formuliert.

Die zahlreichen Wanderer zur Bäregg-Hütte scheinen Frei zu bestätigen. Die spektakuläre Route verläuft oberhalb des Sees und eröffnet atemberaubende Blicke auf den Unteren Grindelwaldgletscher, der langsam, aber sicher dem Wärmetod entgegensieht.

Wandern auf dem „Klimapfad“

Bis zum Sommer 2005 stand hier die Stieregg-Hütte, die aber auf dem immer loseren Untergrund abzurutschen drohte und aufgegeben wurde. Die Aufnahmen von großen Felsabbrüchen im Jahr darauf waren auf vielen Fernsehkanälen zu sehen. Die Gesteinsmassen stauten den schon lange bestehenden See zu der heutigen Touristenattraktion, dessen unterirdischer Abfluss bei großen Regenmengen zu klein ist. Um die Überflutungsgefahr zu bannen, wird jetzt ein künstlicher Stollen gegraben. "Hier spürt man den Klimawandel schon deutlich", sagt Kaspar Meuli, Klimaforscher an der Universität Bern, inmitten des größten, aber kaum mehr zu rettenden Gletschersystems in Mitteleuropa.

Die Grindelwalder haben sich mit dem wohl Unvermeidlichen abgefunden. Aber sie wollen das Beste aus dem Klimawandel machen. Dies heißt einerseits Zeichen setzen, vor allem aber heißt es, das Thema für den Tourismus in dieser Bilderbuchlandschaft zu nutzen. Denn die Jungfrau-Region mit ihren gut 7000 Einwohnern zwischen Mürren und Grindelwald lockt jedes Jahr rund 6 Millionen Fremde an. Das Bettenangebot beläuft sich auf 18000, die Zahl der Übernachtungen erreicht 1,8 Millionen. Da kommen rasch 150 Millionen Euro und mehr an Umsatz zusammen. Angesichts dessen lohnt es sich, über die Themen der Zeit nachzudenken und sie wirtschaftlich zu nutzen. Das Solarkraftwerk auf dem Jungfraujoch bringt in dieser Hinsicht nichts. Aber von den neu eingerichteten "Klimapfaden" erhoffen sich die Initiatoren - die Tourismusorganisation, die Universität Bern und die Bernischen Kraftwerke BKW, dass sie Grindelwald und Umgebung eine zusätzliche Anziehungskraft verleihen. Der Clou auf den insgesamt sieben Routen ist dabei ein iPhone. Das Gerät können die Touristen seit Anfang Juni für 20 Franken am Tag leihen.

Bestückt ist der Open-Air-Führer mit einer Fülle von Informationen einschließlich elektronischer Karten, Standortbestimmung mit Hilfe des Satellitensystems GPS und abrufbarer Informationen an Schlüsselpunkten der jeweiligen Routen. Selbst Alpenblumen lassen sich mit des Wanderers kleinem Helfer bestimmen. Aber die Kernthemen stellen die sichtbaren Folgen des Klimawandels entlang der Pfade, andere Gefahren für die Natur und Klimatipps dar. Sie seien die Ersten auf der Welt mit einem solchen System, glauben die iPhone-Initiatoren im Berner Oberland. Den Kindern des Computerzeitalters sollen sie Aha-Erlebnisse in der Natur ermöglichen. Aber das System birgt kleinere Tücken: Die steilen Felswände entlang der Bäregg-Route führen das GPS immer wieder in die Irre. Die Karte verschwindet leicht vom Bildschirm, die Blumenbestimmung ist auch mit der geballten Kraft der Elektronik schwieriger als gedacht.

Echter Antrieb vermischt sich mit plakativen Gesten

Der "Klimaguide" solle Verständnis wecken für möglicherweise dramatische Entwicklungen in unserer Umwelt, werben Emanuel Schläppi und Peter Wälchli, die Gemeindepräsidenten von Grindelwald und Lauterbrunnen. Aber auch die Kommunen selbst wollen handeln. Dabei vermischt sich echter Antrieb mit plakativen Gesten und dem Anpreisen von Ladenhütern aus der Ökoszene. Rund um die Kleine Scheidegg sind schon einzelne Gemeinden autofrei. Das Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln ist vorbildlich, und bei den Autobussen sollen künftig vermehrt Hybridfahrzeuge zum Einsatz kommen. Die Aufforderung an die Gäste, Handtücher mehrmals zu benutzen, fehlt natürlich nirgends. Dass das Angebot einzelner Hotels an die Touristen, mit einer Abgabe die Kohlendioxidbelastung ihres Aufenthalts zu kompensieren, großen Anklang findet, darf indes bezweifelt werden. Und die Empfehlung, möglichst wenig zu fliegen, mutet merkwürdig an angesichts der Tatsache, dass mehr als 20 Prozent der Übernachtungsgäste am Fuß von Eiger, Mönch und Jungfrau aus Übersee kommen.

Dessen ungeachtet haben vier Gemeinden, zahlreiche Organisationen, Unternehmen und Privatleute Anfang Juni eine "Klima-Charta" unterzeichnet. Die Ziele sagen zunächst noch nicht viel. Sie umfassen "die wissenschaftlich gestützte Bewusstseinsbildung, die freiwillige Kohlendioxidreduktion sowie die Kommunikation darüber in der Region und über die Landesgrenzen hinaus". Zum Festakt kamen die vier Gemeindepräsidenten im ersten serienmäßigen Elektroauto, einem kleinen Mitsubishi, das dem Stromversorger BKW gehört. Eine direktere Wirkung dürfte das Holzkraftwerk zur Wärmeversorgung von Grindelwald entfalten, mit dessen knapp 12 Millionen Euro teurem Bau in den kommenden Monaten begonnen werden soll. Es ergänzt die Energieerzeugung der Region, die sich bisher auf Wasserkraft stützt. Holz statt Heizöl - die Alternative klingt als Ökobaustein verlockend. Der regenerative Brennstoff wächst vor Ort, das neue Kraftwerk bringt Arbeitsplätze, und Grindelwald spart sich die Belieferung durch 80 Tanklastwagen im Jahr.

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Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

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