Home
http://www.faz.net/-gqe-77ha1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.03.2013, 21:48 Uhr

Schwedische Stadt Kiruna Auf Erz gebaut

Mit dem Erzabbau wuchs in Lappland eine Stadt, wo früher nur Schnee und Eis waren. Jetzt wird die halbe Stadt abgetragen, weil das Bergwerk sonst schließen müsste. Und in Kiruna protestiert niemand.

© Franz Bischof Blick über Kiruna: Der Erzberg Kiirunavaara bestimmt das Stadtbild

Der Boden reißt auf. Meist kaum sichtbar, aber manchmal spalten sich sogar die Straßen. Denn tief unter der frostigen Erde von Kiruna wird gegraben. Bald muss die Stadt dem Schacht weichen, denn das Bergwerk soll wachsen. Zuerst soll der Bahnhof abgebaut werden, in spätestens einem halben Jahr. Etwas später wird das Museum umgesiedelt, danach das Rathaus geräumt, das der Provinzstadt im Norden von Schweden einige Architekturpreise eingebracht hat. Die Kirche, die im ganzen Land auf Briefmarken zu sehen ist, darf etwas länger stehen bleiben, etwa bis 2030. Spätestens im Jahr 2040 aber werden sich auch im Boden unter ihr die ersten Risse zeigen, dann ist sie dran.

Sebastian Balzter Folgen:

Das Bergwerk liegt direkt am Stadtrand, die Abraumhalde ist von überall sichtbar. Unter Tage soll der Schacht nun ins Herz der Stadt wachsen - und fast niemand hat in Kiruna etwas dagegen. Die einzige Partei in der Stadtverordnetenversammlung, die aus Prinzip gegen die Umsiedlung ist, sind die Grünen. Bislang hat ihnen diese Position keinen Erfolg gebracht: Bevor die Pläne für den Ausbau des Bergwerks bekanntwurden, stimmten 5,2 Prozent der Wähler für sie, danach waren es nur noch 2,5 Prozent.

Ohne Bergwerk keine Stadt

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als Kiruna gegründet wurde, prägte die Schwerindustrie mit ihren Hochöfen und Fabrikschloten Europa. Heute sind Wutbürger und Umweltschützer modern, in Deutschland gibt es Proteste, wenn ein Bahnhof abgerissen werden soll. Die letzte deutsche Siedlung, die wegen der Braunkohle aufgegeben wurde, war ein Dorf mit 350 Einwohnern in der Lausitz, die Entscheidung dazu liegt mehr als dreißig Jahre zurück. Kiruna dagegen zählt rund 22000 Einwohner; im Umkreis von 300 Kilometern gibt es keine größere Siedlung. Dass ganze Städte sich nach den Wünschen der Industrie richten, klingt heute nach DDR, nach China, nach Diktatur. In Kiruna geschieht es freiwillig, in einer Demokratie.

SWEDEN-MINING-ARCHITECTURE-HOUSING-KIRUNA © AFP Vergrößern Symbol der Stadt: Kirunas Kirche ziert Schwedens Briefmarken

Denn ohne Bergwerk keine Stadt, das ist die wichtigste Gleichung in Kiruna. Das Erz war der einzige Grund dafür, dass aus den Baracken der ersten Bergleute 150 Kilometer nördlich des Polarkreises eine feste Siedlung wurde - ohne Zugang zum Meer, in der Weite Lapplands, in der vorher nur Nomaden lebten, die samische Urbevölkerung. Es gäbe hier ohne das Erz auch heute noch keine Arbeit für Tausende Menschen, sondern Schnee, Eis, Fels und Rentiere. Acht Monate Winter und vier Monate schlechte Wintersportbedingungen, so scherzen die Einheimischen.

„Eine Möglichkeit, die Stadt neu aufzubauen“

Nordschweden wählt traditionell links. Niklas Sirén, der Chef der Linkspartei und stellvertretende Bürgermeister von Kiruna, kommt in ausgewaschenen Jeans, mit Lederweste und Dreitagebart ins Rathaus. Seine Partei bildet mit den Sozialdemokraten und der Samischen Wählergruppe eine Koalition. Zusammen mit dem Betreiber des Bergwerks, dem Konzern LKAB, hat sich die Stadtverwaltung darauf geeinigt, nicht von einem Umzug der Stadt zu sprechen. Sie haben dem Projekt den Namen „Gemeindewandel“ gegeben. Das hört sich an, als gehe es um ein neues Jugendzentrum - und nicht darum, den gesamten Stadtkern mit Behörden, Schulen, Geschäften und Wohnungen für ein Fünftel aller Einwohner aufzugeben.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hessentag In Korbach wird 2018 der Hessentag gefeiert

In zwei Jahren wird in Hessens einziger Hansestadt das Hessenfest begangen. Doch Korbach ist nicht das erste Mal Hessentagsstadt. Harte Kritik teilt der Bund der Steuerzahler gegen das Landesfest aus. Mehr

02.02.2016, 14:06 Uhr | Rhein-Main
Auf Futtersuche Elefant wütet durch indische Stadt

Die Einwohner der indischen Stadt Siliguri staunten nicht schlecht am Mittwochmorgen. Durch die Straßen lief ein Elefant. Offenbar stammte er aus einem nahe gelegenen Wald. Das Tier zerstörte mehrere Häuser, Menschen kamen allerdings nicht zu Schaden. Der Elefant war offenbar auf der Suche nach Futter. Mehr

10.02.2016, 11:35 Uhr | Gesellschaft
Europas Arktis No-go-Zone für Eisberge und Windparks

Ende des Ölbooms, zurück zur Natur? In Hammerfest, nicht weit vom Nordpol,denkt man gar nicht dran, die fossilen Brennstoffträume aufzugeben. Die Industrie in der Arktis will expandieren und nicht nur die norwegische. Mehr Von Matthias Hannemann

30.01.2016, 16:22 Uhr | Wissen
China Emotionale Rettung eingeschlossener Minenarbeiter

An Weihnachten vergangenen Jahres sind zahlreiche Arbeiter eines Bergwerks verschüttet worden. Mehr als 700 Rettungskräfte waren an ihrer Bergung beteiligt, berichtete das staatliche Fernsehen. In der Nacht zum Samstag konnten die Männer schließlich befreit werden. Mehr

31.01.2016, 12:24 Uhr | Gesellschaft
Frankfurter Zeitung 29.01.1916 Eine amerikanische Munitionsstadt

Das Geschäft mit dem Krieg: Neutralität zahlt sich aus. In Amerika wachsen über Nacht Fabrikgebäude aus dem Boden, wie die Frankfurter Zeitung am 29. Januar 1916 berichtet. Mehr

29.01.2016, 00:00 Uhr | Politik

Renzi auf der Titanic

Von Tobias Piller

Italiens Ministerpräsident Renzi will höhere Schulden machen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das zeigt vor allem, dass er die Wirtschaftsprobleme seines Landes nur ausschnittsweise versteht. Mehr 3 9


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“