Home
http://www.faz.net/-gqe-77ha1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Schwedische Stadt Kiruna Auf Erz gebaut

Mit dem Erzabbau wuchs in Lappland eine Stadt, wo früher nur Schnee und Eis waren. Jetzt wird die halbe Stadt abgetragen, weil das Bergwerk sonst schließen müsste. Und in Kiruna protestiert niemand.

© Franz Bischof Vergrößern Blick über Kiruna: Der Erzberg Kiirunavaara bestimmt das Stadtbild

Der Boden reißt auf. Meist kaum sichtbar, aber manchmal spalten sich sogar die Straßen. Denn tief unter der frostigen Erde von Kiruna wird gegraben. Bald muss die Stadt dem Schacht weichen, denn das Bergwerk soll wachsen. Zuerst soll der Bahnhof abgebaut werden, in spätestens einem halben Jahr. Etwas später wird das Museum umgesiedelt, danach das Rathaus geräumt, das der Provinzstadt im Norden von Schweden einige Architekturpreise eingebracht hat. Die Kirche, die im ganzen Land auf Briefmarken zu sehen ist, darf etwas länger stehen bleiben, etwa bis 2030. Spätestens im Jahr 2040 aber werden sich auch im Boden unter ihr die ersten Risse zeigen, dann ist sie dran.

Sebastian Balzter Folgen:    

Das Bergwerk liegt direkt am Stadtrand, die Abraumhalde ist von überall sichtbar. Unter Tage soll der Schacht nun ins Herz der Stadt wachsen - und fast niemand hat in Kiruna etwas dagegen. Die einzige Partei in der Stadtverordnetenversammlung, die aus Prinzip gegen die Umsiedlung ist, sind die Grünen. Bislang hat ihnen diese Position keinen Erfolg gebracht: Bevor die Pläne für den Ausbau des Bergwerks bekanntwurden, stimmten 5,2 Prozent der Wähler für sie, danach waren es nur noch 2,5 Prozent.

Ohne Bergwerk keine Stadt

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als Kiruna gegründet wurde, prägte die Schwerindustrie mit ihren Hochöfen und Fabrikschloten Europa. Heute sind Wutbürger und Umweltschützer modern, in Deutschland gibt es Proteste, wenn ein Bahnhof abgerissen werden soll. Die letzte deutsche Siedlung, die wegen der Braunkohle aufgegeben wurde, war ein Dorf mit 350 Einwohnern in der Lausitz, die Entscheidung dazu liegt mehr als dreißig Jahre zurück. Kiruna dagegen zählt rund 22000 Einwohner; im Umkreis von 300 Kilometern gibt es keine größere Siedlung. Dass ganze Städte sich nach den Wünschen der Industrie richten, klingt heute nach DDR, nach China, nach Diktatur. In Kiruna geschieht es freiwillig, in einer Demokratie.

SWEDEN-MINING-ARCHITECTURE-HOUSING-KIRUNA © AFP Vergrößern Symbol der Stadt: Kirunas Kirche ziert Schwedens Briefmarken

Denn ohne Bergwerk keine Stadt, das ist die wichtigste Gleichung in Kiruna. Das Erz war der einzige Grund dafür, dass aus den Baracken der ersten Bergleute 150 Kilometer nördlich des Polarkreises eine feste Siedlung wurde - ohne Zugang zum Meer, in der Weite Lapplands, in der vorher nur Nomaden lebten, die samische Urbevölkerung. Es gäbe hier ohne das Erz auch heute noch keine Arbeit für Tausende Menschen, sondern Schnee, Eis, Fels und Rentiere. Acht Monate Winter und vier Monate schlechte Wintersportbedingungen, so scherzen die Einheimischen.

„Eine Möglichkeit, die Stadt neu aufzubauen“

Nordschweden wählt traditionell links. Niklas Sirén, der Chef der Linkspartei und stellvertretende Bürgermeister von Kiruna, kommt in ausgewaschenen Jeans, mit Lederweste und Dreitagebart ins Rathaus. Seine Partei bildet mit den Sozialdemokraten und der Samischen Wählergruppe eine Koalition. Zusammen mit dem Betreiber des Bergwerks, dem Konzern LKAB, hat sich die Stadtverwaltung darauf geeinigt, nicht von einem Umzug der Stadt zu sprechen. Sie haben dem Projekt den Namen „Gemeindewandel“ gegeben. Das hört sich an, als gehe es um ein neues Jugendzentrum - und nicht darum, den gesamten Stadtkern mit Behörden, Schulen, Geschäften und Wohnungen für ein Fünftel aller Einwohner aufzugeben.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fast-Food-Kette Burger King kündigt 89 Filialen

Die Fastfoodkette Burger King hat sich nach Berichten über Hygienemängel von ihrem größten Franchisenehmer in Deutschland getrennt. 89 Standorte mit insgesamt rund 3000 Arbeitnehmern sind betroffen. Mehr

19.11.2014, 09:19 Uhr | Wirtschaft
Hygieneprobleme Frankfurter Burger-King-Filialen vor dem Aus

Mangelnde Hygiene und schlechte Arbeitsbedingungen haben den Betreiber vieler Burger-King-Filialen im Rhein-Main-Gebiet in Verruf gebracht. Nun hat der Konzern sich fristlos von dem Franchisenehmer getrennt. Noch werden dort Burger verkauft. Mehr Von Tim Kanning, Frankfurt

20.11.2014, 17:30 Uhr | Rhein-Main
Misere in Italien Wenn der Edelstahl zu teuer ist

Die mittelitalienische Industriestadt Terni ist in der Krise – und legt eine Autobahn lahm. Damit hat sie das Interesse des ganzen Landes geweckt. Mehr Von Jörg Bremer, Terni

15.11.2014, 21:27 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.03.2013, 21:48 Uhr

Griechische Widersprüche

Von Tobias Piller, Rom

Die Griechen sind zermürbt und wollen das Wort Reform nicht mehr hören. Ministerpräsident Antonis Samaras würde die Troika deshalb am liebsten los werden – und ist doch auf ihr Sicherheitsnetz angewiesen. Mehr 13 18


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Deutsche fühlen sich für Unternehmerdasein nicht gerüstet

Nur 34 Prozent der Deutschen glauben, ihre Ausbildung habe ihnen die Fähigkeit vermittelt, ein eigenes Unternehmen zu führen. Mehr 4