Der Boden reißt auf. Meist kaum sichtbar, aber manchmal spalten sich sogar die Straßen. Denn tief unter der frostigen Erde von Kiruna wird gegraben. Bald muss die Stadt dem Schacht weichen, denn das Bergwerk soll wachsen. Zuerst soll der Bahnhof abgebaut werden, in spätestens einem halben Jahr. Etwas später wird das Museum umgesiedelt, danach das Rathaus geräumt, das der Provinzstadt im Norden von Schweden einige Architekturpreise eingebracht hat. Die Kirche, die im ganzen Land auf Briefmarken zu sehen ist, darf etwas länger stehen bleiben, etwa bis 2030. Spätestens im Jahr 2040 aber werden sich auch im Boden unter ihr die ersten Risse zeigen, dann ist sie dran.
Das Bergwerk liegt direkt am Stadtrand, die Abraumhalde ist von überall sichtbar. Unter Tage soll der Schacht nun ins Herz der Stadt wachsen - und fast niemand hat in Kiruna etwas dagegen. Die einzige Partei in der Stadtverordnetenversammlung, die aus Prinzip gegen die Umsiedlung ist, sind die Grünen. Bislang hat ihnen diese Position keinen Erfolg gebracht: Bevor die Pläne für den Ausbau des Bergwerks bekanntwurden, stimmten 5,2 Prozent der Wähler für sie, danach waren es nur noch 2,5 Prozent.
Ohne Bergwerk keine Stadt
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als Kiruna gegründet wurde, prägte die Schwerindustrie mit ihren Hochöfen und Fabrikschloten Europa. Heute sind Wutbürger und Umweltschützer modern, in Deutschland gibt es Proteste, wenn ein Bahnhof abgerissen werden soll. Die letzte deutsche Siedlung, die wegen der Braunkohle aufgegeben wurde, war ein Dorf mit 350 Einwohnern in der Lausitz, die Entscheidung dazu liegt mehr als dreißig Jahre zurück. Kiruna dagegen zählt rund 22000 Einwohner; im Umkreis von 300 Kilometern gibt es keine größere Siedlung. Dass ganze Städte sich nach den Wünschen der Industrie richten, klingt heute nach DDR, nach China, nach Diktatur. In Kiruna geschieht es freiwillig, in einer Demokratie.
Denn ohne Bergwerk keine Stadt, das ist die wichtigste Gleichung in Kiruna. Das Erz war der einzige Grund dafür, dass aus den Baracken der ersten Bergleute 150 Kilometer nördlich des Polarkreises eine feste Siedlung wurde - ohne Zugang zum Meer, in der Weite Lapplands, in der vorher nur Nomaden lebten, die samische Urbevölkerung. Es gäbe hier ohne das Erz auch heute noch keine Arbeit für Tausende Menschen, sondern Schnee, Eis, Fels und Rentiere. Acht Monate Winter und vier Monate schlechte Wintersportbedingungen, so scherzen die Einheimischen.
„Eine Möglichkeit, die Stadt neu aufzubauen“
Nordschweden wählt traditionell links. Niklas Sirén, der Chef der Linkspartei und stellvertretende Bürgermeister von Kiruna, kommt in ausgewaschenen Jeans, mit Lederweste und Dreitagebart ins Rathaus. Seine Partei bildet mit den Sozialdemokraten und der Samischen Wählergruppe eine Koalition. Zusammen mit dem Betreiber des Bergwerks, dem Konzern LKAB, hat sich die Stadtverwaltung darauf geeinigt, nicht von einem Umzug der Stadt zu sprechen. Sie haben dem Projekt den Namen „Gemeindewandel“ gegeben. Das hört sich an, als gehe es um ein neues Jugendzentrum - und nicht darum, den gesamten Stadtkern mit Behörden, Schulen, Geschäften und Wohnungen für ein Fünftel aller Einwohner aufzugeben.
„Das ist eine großartige Möglichkeit, die Stadt neu aufzubauen“, schwärmt Sirén in seinem Büro. Dann breitet er eine Karte auf seinem Schreibtisch aus. Die drei farbigen Linien darauf zeigen die Grenzen des von Bodendeformationen bedrohten Gebiets, das sich nach den Berechnungen der Geologen von Jahr zu Jahr ausdehnt, weil der Erde mehr und mehr Erz entnommen wird. Zu jeder Farbe gehört ein Datum: 2013, 2018, 2023. Eine vierzig Hektar große Brachfläche am Stadtrand ist grün schraffiert. Dort soll der neue Stadtkern entstehen, 2016 das neue Rathaus eingeweiht werden. „Das Terrain ist super, mit sanften Hügeln“, sagt Sirén. Zehn Architekturbüros haben Vorschläge für die Gestaltung des neuen Zentrums erarbeitet. „Wir konnten unter vielen phantastischen Ideen auswählen. Und LKAB ersetzt jedes Gebäude, das hier abgerissen und dort neu gebaut werden muss.“ Juristisch ist die Angelegenheit unkompliziert. Fast alle betroffenen Häuser gehören ohnehin schon der Stadt oder dem Konzern.
Ein als Naherholungsgebiet genutzter See wurde abgepumpt
Wie aber passt die Zustimmung zu dem Umzug zum Parteiprogramm der Linken, dem zufolge Marktwirtschaft und Kapitalismus Auslaufmodelle sind? Niklas Sirén schiebt sich Kautabak hinter die Oberlippe, die Antwort fällt ihm leicht. Denn der Bergwerkskonzern hat zwar nach den im Kapitalismus gängigen Regeln im vergangenen Jahr gut 3,2 Milliarden Euro umgesetzt und knapp ein Drittel davon als Nettogewinn verbucht, indem er die wachsende Nachfrage nach Eisenerz auf dem Weltmarkt befriedigt hat. Aber er gehört zu hundert Prozent dem schwedischen Staat. „Damit ist eigentlich das Volk der Eigentümer“, sagt Sirén.
Durch die Fenster des Rathauses haben die Lokalpolitiker die Abraumterrassen des Bergwerks stets im Blick, nur eine Senke von einem Kilometer Breite liegt zwischen ihnen und der Stadt. In ihr glitzerte früher ein als Naherholungsgebiet genutzter See; er wurde abgepumpt, sonst wäre das Wasser in den Stollen gelaufen. Soll in Deutschland für eine Stromleitung ein Baum gefällt oder für ein Pumpspeicherwerk ein Stausee gebaut werden, laufen Tierschützer Sturm. In Kiruna gab es auch dagegen keinen Protest. Jetzt klafft ein kilometerlanger, rund 300 Meter tiefer Krater zwischen der Stadt und ihrem Hausberg.
Grenze des Wachstums ist nicht in Sicht
Vier Kilometer lang und achtzig Meter breit ist die Erzader von Kiruna, sie gilt als die größte ihrer Art auf der Welt. Einst ragte sie sogar aus dem Berg heraus, das Erz wurde im Tagebau gewonnen. Längst ist diese Spitze abgetragen, der Berg ausgehöhlt, aber im Stollen gilt die einstige Höhe seines Gipfels von 743 Metern über dem Meeresspiegel immer noch als der Nullpunkt, an dem sich alle Vorstöße ins Innere der Erde ausrichten. Mindestens zwei, vielleicht sogar vier Kilometer tief bohrt sich die Rohstoffplatte in den Grund, mit einer Neigung von 60 Grad Richtung Stadtkern.
Die Grenze des Wachstums ist für den Bergwerksbetreiber LKAB noch nicht in Sicht. 1045 Meter unter dem Nullpunkt der Stadt sind schon erreicht, im Sommer soll in 1365 Metern Tiefe die nächste Fördersohle in Betrieb genommen werden. An der Oberfläche werden die Folgen davon zuerst mit bloßem Auge kaum wahrzunehmen sein. Aber die im ganzen Stadtgebiet verteilten Seismographen zeichnen längst die Erschütterungen auf. Später werden millimetergroße Risse daraus, und irgendwann bricht am Rand des Kraters ein Loch auf. Eine schnurgerade Straße verband noch bis vor wenigen Jahren das Rathaus mit dem Verwaltungsgebäude von LKAB. Dann splitterte der Asphalt. Jetzt führt die Trasse in einem weiten Bogen hinüber.
Menschen und Industrie sind über Jahrzehnte verwachsen
Geht es dem Bergwerk gut, prosperiert Kiruna; hat LKAB Schwierigkeiten, leidet auch die Stadt - diesen Merksatz lernt jeder Schüler spätestens dann, wenn der Konzern im Sommer gutbezahlte Ferienjobs anbietet. Es gab aber auch schon schwere Zeiten: Als die Profitabilität der Miene in den siebziger Jahren nachließ, zogen die Einwohner in Scharen nach Süden, in den Achtzigern stand das Bergwerk kurz vor der Schließung. Jetzt florieren die Geschäfte wieder. Der Bevölkerungsrückgang ist aufgehalten worden, die Immobilienpreise steigen, die Arbeitslosenquote ist weit unter den schwedischen Durchschnitt auf 3 Prozent gefallen. Auf den Bergbau entfällt jeder sechste Arbeitsplatz, die vielen Zulieferbetriebe nicht eingerechnet.
So sind Menschen und Industrie über Jahrzehnte verwachsen. Die harte Arbeit im Bergwerk und die rauhen äußeren Bedingungen hätten die Stadt und die Mentalität ihrer Bewohner geprägt, sagt der britische Soziologe Allan Douglas King, der an einer Promotion über die Industrialisierung Nordschwedens arbeitet. Das Kollektiv zähle in Kiruna deshalb mehr als das Individuum, Pragmatismus sei die wichtigste Tugend. „Die Stadt wurde zu einem Symbol für die gesamte schwedische Arbeiterbewegung“, erläutert King - denn hier gingen technischer und sozialer Fortschritt Hand in Hand, Unternehmen und Arbeiter zogen an einem Strang.
Stadt pflegt grimmigen Stolz
Auf die Ideen des ersten Bergwerksdirektors geht die Anlage der Stadt zurück, die auch den Bergleuten von Anfang an ein relativ gutes Leben ermöglichen sollte. Die Wohnungen für die Arbeiterfamilien hatten Gärten und waren nach damaligen Verhältnissen großzügig; die Straßen wurden mit Bedacht kurvig angelegt, damit die Häuser als Windfang dienen können; die meisten Gebäude sind nach Südwesten ausgerichtet, um viel Licht einfangen zu können. Die Straßenbahn, die bis 1958 durch das Zentrum ratterte, war eine Attraktion.
Eine Idylle sollte die Stadt aber nie sein. Bis heute pflegt sie vielmehr ihren grimmigen Stolz als Vorposten der Zivilisation in einer widrigen Umgebung. Auf dem zugigen Marktplatz werden aus Anhängern Fleisch und Fisch verkauft, im klotzigen Gemeindezentrum gibt es einen Kinosaal, ein Restaurant bietet Elchgeschnetzeltes mit Preiselbeeren an, die Buchhandlung gegenüber historische Bildbände mit Stadtansichten. Und während am Frankfurter Flughafen für ein längeres Nachtflugverbot demonstriert wird, käme in Kiruna niemand auf die Idee, sich darüber zu beschweren, dass hier in jeder Nacht die Wände der Häuser wackeln, weil tief unten im Bergwerk Dynamit gezündet wird, um weiter in die Tiefe vorzustoßen - immer um Viertel nach eins.
„Das Bergwerk und die Einwohner lebten schon immer in einer Symbiose“, beschreibt der Soziologe King die Situation. Kein Eingriff in das Gemeinwesen habe dieses Zusammenleben bisher aber derart auf die Probe gestellt wie die nun bevorstehende Veränderung. „Wir werden sehen, ob Kiruna auch danach noch eine lebendige Stadt sein wird - oder ein Arbeitslager.“
Fördervolumen verdreifacht
Timo Vilgats ist die Opposition. Der einzige grüne Abgeordnete in der Stadtverordnetenversammlung von Kiruna; der einzige, der den Umzug rundweg ablehnt. „Abriss wäre das richtige Wort“, schimpft er. Sein Atem dampft in der Kälte, während er seinen Hund durch den kniehohen Schnee über den Bahndamm am Rand des Kraters führt. Zu wenige denkmalgeschützte Bauten würden nach den vorliegenden Plänen bewahrt, kritisiert er, zu wenig werde auf die Qualität der Neubauten geachtet. Er habe sehr wohl Respekt vor der in mehr als hundert Jahren gewachsenen Verbindung von Stadt und Bergwerk, betont Vilgats.
Er lebt seit dreißig Jahren in Kiruna und unterrichtet am örtlichen Gymnasium, er ist kein Träumer, auch kein Fundi. Er will das Bergwerk nicht stilllegen, aber das Tempo drosseln. Es liege doch auf der Hand, dass sich endliche Ressourcen nur mit vermindertem Tempo langfristig ausbeuten ließen, sagt er. Tatsächlich hat LKAB das Fördervolumen in den vergangenen dreißig Jahren verdreifacht. Mehr als zwanzig Millionen Tonnen Erz hat der Konzern 2012 verkauft, vor allem nach Deutschland und Nahost.
Am Bahndamm liegt der eine See, der Kiruna geblieben ist. Hier sitzen im Winter Eisfischer, im Sommer wird sogar gebadet, wenn die Temperatur einmal hoch genug dafür ist. Eine Kompensation dafür, dass nun auch dieses Gewässer trockengelegt werden soll, ist bislang nicht vorgesehen - nach Meinung des Grünen Vilgats ein typisches Versäumnis. Die Stadt gehe weitreichende Verpflichtungen ein, der LKAB sei dagegen nur zu schwammigen Versprechungen und knickerigen Gegenleistungen bereit. Vilgats poltert: „Wir lassen uns über den Tisch ziehen!“
Rund 700 Millionen Euro hat der Konzern bislang für das Projekt „Gemeindewandel“ zurückgestellt. Eine Gesamtsumme will niemand nennen. Aber auf der Internetseite warnt der Konzern: Wenn die Kosten zu hoch würden, lohne sich der Bergbau in Kiruna nicht mehr. Nur wenige alte Häuser werden deshalb den Umzug überstehen. Von dem Ensemble der gelben, roten und grünen Arbeiterhäuser aus den Gründerjahren etwa sollen zwölf an einer anderen Stelle wieder aufgebaut werden. „LKAB ist das profitabelste Unternehmen des ganzen Landes“, klagt Harald Ericson, der Sprecher des örtlichen Geschichtsvereins. „Früher hätte man einen Teil der Gewinne für die Kultur ausgegeben. Heute begeht man kulturellen Selbstmord.“ In anderen Städten stünden solche Sätze vielleicht auf Transparenten, es würden Trillerpfeifen ausgeteilt. In Kiruna sind Leserbriefe an die Lokalzeitung die lauteste Form des Protests. Und spätestens in hundert Jahren, schätzen Geologen, steht der nächste Umzug an.
vor 5 Jahren war letzte Umsiedlung in Deutschland
Frank-Roland Fließ (frfliess)
- 10.03.2013, 17:29 Uhr
Ggf. ist die Planung älter als 30 Jahre.
Johann Dr. Paul (lasse1607)
- 10.03.2013, 16:23 Uhr
"Aber er [der Bergwerkskonzern] gehört zu 100% dem
schwedischen Staat"
Gottfried Lobeck (golo7)
- 10.03.2013, 14:27 Uhr
Volvo fahren, geht gar nicht. Strom aus Schweden auf keinen Fall !
klaus keller (klkeller)
- 10.03.2013, 14:10 Uhr
„Gemeindewandel“
Herbert Ferstl (maltschik)
- 10.03.2013, 09:56 Uhr