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Schwarzweißdenken Glaubenskampf um Grüne Gentechnik

20.05.2009 ·  Die Argumente für und wider die Gentechnik sind weitgehend bekannt, Gegner und Befürworter verteidigen ihre Positionen mit fast religiösem Eifer - und manchem Etikettenschwindel. Doch der wohlige Ekel vor der Gentechnik ist nicht allein dem Mangel an politischer Ehrlichkeit geschuldet. Die Branche selbst hat Fehler gemacht.

Von Konrad Mrusek
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Das wird eine schöne Plauderstunde. Erst reden zwei Ministerinnen über die Grüne Gentechnik, dann kommen die Wissenschaftler an die Reihe, und schließlich dürfen sich diverse Vertreter aus Wirtschaft und Umweltverbänden zu Wort melden. Man wird wohl nicht viel Neues hören an diesem "Runden Tisch", zu dem CDU-Forschungsministerin Annette Schavan an diesem Mittwoch nach Berlin geladen hat. Die Argumente für und wider die Gentechnik sind weitgehend bekannt, Gegner und Befürworter haben sich eingemauert in ihren Positionen und verteidigen diese mit fast religiösem Eifer.

Wenn Politiker nicht wissen, was sie wollen sollen, bilden sie Kommissionen oder organisieren Tischgespräche. Da darf jeder auch etwas politischen Dampf ablassen. Frau Schavan war empört, als ihre CSU-Kollegin, Agrarministerin Ilse Aigner, jüngst den Anbau des Monsanto-Genmaises "Mon 810" verbot. Die Forschungsministerin war dagegen machtlos, denn Frau Aigner ist sachlich zuständig. Die Forschungsministerin will nun aber für die CDU zumindest einen politischen Kontrapunkt setzen, ohne CSU-Chef Horst Seehofer allzu sehr zu reizen. Also lud sie wenigstens zu diesem Runden Tisch.

Vor der Europawahl im Juni und der Bundestagswahl im Herbst wird keine wie auch immer geartete Tischformation die erstarrten Fronten lockern. Die Parteien können nicht missachten, dass eine Mehrheit der Bürger gegen "Genfood" ist. Das ist kein Populismus, sondern ein plausibler Selbsterhaltungstrieb der Politiker. Den zeigt derzeit besonders Seehofer, er treibt aber auch die SPD um und reicht weit hinein in die CDU.

Politiker, Missionare, Aufklärer

Weil der Streit um die Grüne Gentechnik einem Glaubenskampf gleicht, hat es keinen Sinn, die Leute bekehren zu wollen. Politiker können nicht Missionare, sie sollten aber zumindest Aufklärer sein. Ehrlichere Information könnte irgendwann mehr Wahlfreiheit schaffen und das Schwarzweißdenken überwinden. Wer also verschweigt, wie es die Gegner tun, dass etwa die Hälfte der Lebensmittel in den Vorstufen der Produktion schon jetzt mit genmodifizierten Substanzen aus Futtermitteln, Enzymen, Vitaminen und Arzneimitteln in Berührung kommt, der verschärft die Gegensätze. Daher ist das Label "ohne Gentechnik", das die SPD mit dem damaligen Agrarminister Seehofer vereinbarte, ein Etikettenschwindel, weil es nur den Verzicht auf genmodifizierte Futtermittel anzeigt, nicht aber auf andere Substanzen.

Politiker sollten ehrlicherweise auch einräumen, dass Deutschland sich von dem globalen Trend nicht abkapseln kann, der nach Medikamenten nun auch Pflanzen erfasst, von der Roten zur Grünen Gentechnik mutiert. In Amerika und Asien werden biotechnisch veränderter Mais, Soja und Baumwolle inzwischen auf Flächen angebaut, die so groß sind wie die europäischen Äcker. Es wird daher immer schwieriger und teurer, Hühner oder Schweine mit "sauberen" Futtermitteln zu versorgen.

Der wohlige Ekel vor der Gentechnik, der viele Bürger eint, ist indes nicht allein dem Mangel an politischer Ehrlichkeit geschuldet. Die Branche selbst hat Fehler gemacht. Sie weckte Misstrauen, weil sie ewig haltbare Tomaten als das Nonplusultra dessen pries, was der moderne Mensch ersehnt. Solche Frankenstein-Früchte will man nicht. Man mag auch nicht den Versprechungen von Saatgut-Konzernen glauben, dass die Gentechnik wundersame Gewächse gebiert, die Wüsten erblühen lassen. Mehr Ehrlichkeit auch von dieser Seite wäre hilfreich.

Maiszünsler und Manager

Die Rote Gentechnik, gegen die es anfangs auch viel Widerstand gab, ist akzeptiert, weil sie in vielen Medikamenten ihren Nutzen erwiesen hat. Diesen Vorteil kann ein Konsument an Pflanzen nicht erkennen, die etwa gegen Schädlinge resistent sind - wie etwa der Genmais gegen den Maiszünsler. Insofern wäre es gut, wenn die Manager weniger über die Politiker klagten, die vor den Ängsten der Bürger kapitulieren, sondern Pflanzen oder Früchte entwickelten, die Konsumenten mehr Nutzen stiften.

Damit solche Organismen entstehen und - hoffentlich - ihre Unbedenklichkeit erweisen, muss man indes forschen dürfen. Je leichter deutsche Saatgut-Hersteller dies tun können, umso geringer ist die Gefahr, dass der amerikanische Monsanto-Konzern zum Monopolisten wird, der Bauern ausbeutet. Forschung und Anbau können aber nicht getrennt werden, wie es die CSU gerne hätte. Kein Wissenschaftler forscht gerne für die Schublade. Es geht auch nicht alles im Labor, gerade Pflanzen brauchen Freiland.

Wenn es um die Ernährung und damit um den Bauch geht, entscheiden Menschen nicht allein mit dem Kopf. Das ist vernünftig. Bei aller Emotionalität sollte man aber nicht vergessen, dass unser täglich Brot kein Natur-Produkt mehr ist, der Weizen nach langer Züchtung nicht mehr viel gemein hat mit der einstigen Wildpflanze. Auch das war ein Eingriff in die Schöpfung. Ähnlich ist es mit der Gentechnik - nur auf andere Weise. Vielleicht trauen sich nach den Wahlen auch CSU-Politiker, dies ehrlich zu sagen.

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Jahrgang 1950, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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