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Schwälbchen-Vorstand Berz-List „Dem Milchmarkt droht ein bleibender Schaden“

16.04.2009 ·  Molkereien zahlen ein Drittel weniger je Liter Milch als vor einem Jahr – Bauern ziehen deswegen mit Fackeln vor Molkereien und drohen mit einem neuen Lieferboykott. Schwälbchen-Chef Günter Berz-List spricht von komplett geänderten Vorzeichen am Milchmarkt.

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Molkereien zahlen ein Drittel weniger je Liter Milch als vor einem Jahr – Bauern drohen deswegen mit einem neuen Lieferboykott. Der Chef der Schwälbchen-Molkerei in Bad Schwalbach, Günter Berz-List, spricht im Interview mit der Rhein-Main-Zeitung mit Blick auf die vergangenen Monate von komplett geänderten Vorzeichen am Milchmarkt.

Wie vor knapp einem Jahr beschweren sich Bauern über zu niedrige Milchpreise. Wie viel zahlt die Schwälbchen-Molkerei derzeit den Landwirten je Liter?

Zwischen heute und seinerzeit liegen fast 15 Cent. Wir haben zuletzt um die 25 Cent gezahlt, sogar ein bisschen mehr. Vor einem Jahr waren es 36 bis 37 Cent. Damals haben Milchbauern die Milch weglaufen lassen und gesagt, bei solchen Preisen nicht mehr existieren zu können.

Vor Jahresfrist sagten Sie, Schwälbchen zahle mehr als andere Molkereien in Hessen und Rheinland-Pfalz. Trifft das weiter zu?

Ja. In unserem näheren Umfeld zahlen andere etwa ein bis anderthalb Cent weniger je Liter – das ist relativ viel. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 22 bis 23 Cent, in Norddeutschland sind es sogar unter 20 Cent, die die Bauern erhalten.

Wie viele Liter liefert denn ein Bauer im Schnitt bei Ihnen an?

So um die 300.000 Liter im Jahr, wobei die Tendenz steigend ist.

Unter dem Strich erlöst ein Lieferant bei Ihnen also im Jahr gut 3000 Euro mehr als bei der Konkurrenz?

So ist es. 3000 Euro im Jahr, das klingt nicht sehr üppig, ist für Bauern aber viel Geld. Zumal viele Kosten auf den Höfen nicht entsprechend gesunken sind. Zwar sind Futtermittel und Diesel günstiger als vor einem Jahr, aber Düngemittel nicht.

Aus welchen Gründen ist der Milchpreis derart in den Keller gerauscht?

Das hat mehrere Gründe. Vor etwas mehr als einem Jahr war er umso mehr in die Höhe geschossen. Seitdem haben sich alle Vorzeichen am Milchmarkt geändert.

Was heißt das im Einzelnen?

Nun, die Molkereien, die rund 40 Cent je Liter gezahlt haben, sind von den Lieferanten kräftiger bedient worden. Das Volumen ist gestiegen, das gilt für ganz Europa. Andererseits haben sich die Verbraucher am Kühlregal angesichts der gestiegenen Preise zurückgehalten und weniger Milch, Käse, Quark und anderes gekauft. Dass der Verbraucher bereit ist, mehr als zuvor für Milchprodukte zu zahlen, wenn das Geld bei den Bauern ankommt, waren Lippenbekenntnisse.

Wie hat die Industrie reagiert?

Bäckereien und Eiscremehersteller haben tierische Fette vermehrt durch pflanzliche Fette ersetzt. Im Ausland sind weite Teile der Märkte für deutsche Molkereien zum Erliegen gekommen. Käse nach Russland, Milchpulver nach Nordafrika oder Kondensmilch nach Saudi-Arabien: Da sind Marktanteile an Erzeuger aus den Vereinigten Staaten verloren worden, da die günstiger anbieten können. Hinzu kommt die allgemeine Wirtschaftskrise. Wir haben innerhalb von nur anderthalb Jahren die historisch höchsten und niedrigsten Milchpreise erlebt.

Was können Molkereien und Erzeuger angesichts dieser Schwankungen tun?

Das ist die große Frage. Es gibt dazu keine Erfahrungsprozesse und keine Lernkurven. Da greift jede Kalkulation zu kurz. Wenn es so rasch abwärts geht wie zuletzt, erwischt es auch gut aufgestellte Betriebe. Wenn, was jetzt droht, weite Teile der Milchviehhalter aufgeben müssen, richtet das einen Flurschaden an, der nicht reparabel ist. Ich weiß nicht, ob das Verbraucher und Handel schon realisiert haben.

Die Fragen stellte Thorsten Winter.

Quelle: F.A.Z.
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