21.02.2012 · Auf das im Januar genannte Jahresergebnis werden nun noch Abschreibungen auf Griechenland fällig. Die Lücke in der Kapitaldecke vergrößert sich zwar nicht. Aber die Commerzbank machte 2011 nach HGB wohl Verlust. Der Staat wird daher wieder keine Zinsen auf die stille Einlage erhalten.
Von Hanno MußlerWochenlang war spekuliert worden, die Commerzbank werde wieder Staatshilfe benötigen, um den von der europäischen Bankenaufsicht EBA geforderten Kapitalpuffer für die europäische Staatsschuldenkrise aufzubringen. Doch am 19. Januar präsentierte Martin Blessing zur Begeisterung der Börsianer einen Plan, der ohne Staatshilfe auskommt. Die von der EBA bemängelte Lücke in der Kapitaldecke habe die Commerzbank bis Jahresende 2011 durch den Abbau von Risiken und einem Gewinn im vierten Quartal von 1,2 Milliarden Euro schon von 5,3 auf 2,3 Milliarden Euro verringert, sagte der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank damals. Wenn Blessing nun fünf Wochen später an diesem Donnerstag das Jahresergebnis der Commerzbank und den Gewinn im vierten Quartal präsentiert, werden die Zahlen anders aussehen. Denn die Umschuldung Griechenlands schlägt ins Kontor.
Schon Mitte Januar hatte Blessing betont, der von ihm für 2011 genannte Jahresgewinn von 1,6 Milliarden Euro sei ein vorläufiges Ergebnis, in dem mögliche weitere Abschreibungen auf Griechenland nicht enthalten seien. Da erst seit Dienstag feststeht, wie hoch der Gläubigerverzicht genau ausfällt, durfte die Commerzbank bisher gar nicht über das schon vorgenommene Ausmaß hinaus Wertberichtigungen bilden. Ihre Griechenland-Anleihen von im Nennwert 2,9 Milliarden Euro sind derzeit auf 1,4 Milliarden Euro abgeschrieben. Das ist eine Wertkorrektur um 52 Prozent. Verständigt hat man sich aber nun auf eine Umschuldung, die bei den privaten Gläubigern eine Abschreibung von bis zu 74 Prozent erfordern können. Damit muss die Commerzbank nun wohl weitere rund 0,7 Milliarden Euro abschreiben. Der Gewinn des vierten Quartals dürfte daher auf etwa 0,5 und der Jahresgewinn auf 0,9 Milliarden Euro gesunken sein. Ohne Beteiligungsverkäufe und Anleiherückkäufe, die den Gewinn um 0,9 Milliarden Euro in die Höhe treiben, hätte die Bank im vierten Quartal wegen Griechenland wohl sogar Verlust gemacht.
Mit Verlust arbeitet die Commerzbank nach den deutschen Bilanzregeln HGB wohl ohnehin. Analysten und Anleger sind zwar gewohnt, ausschließlich auf die Ergebnisse zu schauen, die börsennotierte Gesellschaften nach den internationalen Bilanzregeln IFRS ausweisen. Doch im Fall der Commerzbank ist auch die HGB-Bilanz von großer Bedeutung. Denn entscheidend dafür, ob der Staat die vereinbarten 9 Prozent Zinsen auf die verbliebene stille Einlage von 1,9 Milliarden Euro erhält, ist ein Jahresgewinn nach HGB. Da die Commerzbank im zweiten Quartal 2011 für die vorzeitige Rückzahlung des Großteils der bisher nie mit Zinsen bedienten stillen Einlage von ursprünglich 16,4 Milliarden Euro dem staatlichen Bankenrettungsfonds Soffin eine Entschädigung von 1 Milliarde Euro zahlte, ist so gut wie sicher, dass die Bank nach HGB auch im Jahr 2011 einen Verlust ausweist. Denn die Zahlung von 1 Milliarde Euro an den Soffin ist nicht IFRS-, aber HGB-relevant. Daher wird das HGB-Jahresergebnis im Vergleich zum IFRS-Ergebnis um 1 Milliarde Euro stärker belastet. Die Commerzbank wird daher nach HGB einen Jahresverlust ausweisen. Und der Soffin wird wegen dieses Verlustes nicht 170 Millionen Euro an Zinsen erhalten.
Mit Blick auf die Kapitaldecke dagegen muss Blessing wohl von der Botschaft "Wir schaffen es aus eigener Kraft" zumindest am Donnerstag noch nichts zurücknehmen. Denn der Kapitalbedarf der Commerzbank hat sich in den Augen der Aufseher nicht vergrößert. Das wäre zumindest plausibel, wenn man sich in Erinnerung ruft, warum überhaupt eine Kapitallücke bemängelt wurde: Die EBA hatte - im Gegensatz zu geltenden Bilanzregeln - von den Banken im Stresstest verlangt, alle europäischen Staatsanleihen zu Marktpreisen zu bewerten, die Verluste mit dem Eigenkapital zu verrechnen und dann eine Mindestquote von 9 Prozent Kernkapital zu risikogewichteten Aktiva zu erreichen. Da im November die Kurse der griechischen Staatsanleihen schon in der Nähe des jetzt beschlossenen Schuldenschnitts notierten, haben sich die Aufseher offenbar entschlossen, die nun bei allen Banken erforderlichen weiteren Abschreibungen auf Griechenland nicht als höheren Kapitalbedarf zu werten, sondern als ein "Zugreifen auf den verlangten Kapitalpuffer". Damit wäre die Griechenland-Abschreibung in Bezug auf die Kapitallücken weitgehend neutral: Die Commerzbank hat im Stresstest für Griechenland einen zusätzlichen Kapitalbedarf von 0,9 Milliarden Euro bilden müssen. Tatsächlich braucht sie nun davon 0,7 Milliarden Euro. Damit hat sich die Kapitallücke in Abweichung zu Marktpreisen bis Jahresende auf die von der Commerzbank im Januar genannten 2,3 Milliarden, vielleicht sogar auf 2,1 Milliarden Euro verkleinert.
Gleichwohl fragen sich Analysten, wie realistisch die Annahme ist, die verbleibende Kapitallücke durch Risikoabbau (1,5 Milliarden Euro), Kapitalmanagement (0,6) und mit im ersten Halbjahr 2012 zu erzielenden und dann einzubehaltenen Gewinnen zu schließen. Blessing kalkuliert mit 1,2 Milliarden Euro Halbjahresgewinn. "Das ist weit über unseren Prognosen. Wir rechnen für das Gesamtjahr mit kaum mehr, nämlich mit 1,4 Milliarden Euro", sagt Eugenio Cicconetti von JP Morgan. Die Deutsche Bank traut der Commerzbank in einer Studie im ersten Halbjahr 2012 einen Gewinn von 0,9 Milliarden Euro zu. Daher könnte am Donnerstag eine Diskussion darüber beginnen, ob die Commerzbank nicht auf ihren Plan B zum Füllen der Kapitallücke zurückgreifen muss.
Zwar ist Blessings "Wir-schaffen-es-aus-eigener-Kraft-Plan" keineswegs auf Kante genäht, sieht er doch auf dem Papier ein Überfüllen der Kapitallücke um 1 Milliarden Euro vor. Doch es ist unbestritten, dass gerade der zu forcierende Abbau von 17 Milliarden Euro an Risiken mit Unwägbarkeiten verbunden ist. So ist es möglich, dass Wertpapiere und Kredite in diesem Ausmaß nur verringert werden können, wenn die Commerzbank bei Verkäufen Verluste hinnimmt. Durch den Risikoabbau würde dann zwar gebundenes Eigenkapital freigesetzt, gleichzeitig aber durch die Verluste auch wieder Eigenkapital aufgezehrt. Daher schien es vernünftig von Blessing, mit einem Spielraum von 1 Milliarde Euro zu planen.
Dieser Spielraum könnte nun wegen der geringen Profitabilität der Commerzbank geringer werden. Schließlich sinkt das Ertragspotential vom derzeit kaum auskömmlichen Niveau durch den Abbau von Geschäft weiter. Daher wird Blessing vielleicht doch noch auf Plan B zurückgreifen müssen, um die Kapitaldecke zu schließen. Die Allianz, die der Commerzbank seinerzeit die Dresdner Bank verkaufte, könnte eine stille Einlage von 0,75 Milliarden Euro in Kernkapital wandeln. Das wäre dann nicht mehr "Wir schaffen es aus eigener Kraft", aber immerhin ohne weitere Hilfe vom Staat.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,25 $ | −0,56% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
Anonym bewerben? Ist das gut?