08.01.2012 · Richard Wagner kritisiert im „Ring“ nicht nur den Kapitalismus, sondern auch die Politik. Sein Drama wird zur Allegorie der Staatsschuldenkrise.
Von Rainer HankAm Anfang war die Staatskrise, dann kam die Finanzkrise. Staaten geben Geld aus, das sie nicht haben: Das macht sie abhängig vom Kapitalmarkt. Häufig geht es in der wirklichen Welt zu wie im Mythos. Auch heute.
Wotan erwacht (zu Beginn der zweiten Szene des „Rheingolds“, dem ersten Teil der Ring-Tetralogie Richard Wagners), und der Blick des göttlichen Staatsoberhauptes fällt auf seine mit blinkenden Zinnen im hervorbrechenden Tag erglänzende Burg Walhall, ein überdimensionierter Staatspalast, der gerade erst vollendet wurde: Prächtig prahlt der prangende Bau. Stark und schön, steht er zur Schau. Aus dem Orchestergraben gibt es sattes, tiefes Blech, das Walhall-Motiv. Wotan ist stolz und zufrieden.
Das Problem: Der Staat Wotans hat sich schwer übernommen; man lebt über seine Verhältnisse und gibt mehr Geld aus, als man hat. Die Finanzierung der prächtigen, aber überdimensionierten Burg Walhall hängt völlig in der Luft. Männlichen „Leichtsinn“ unterstellt Fricka ihrem Gemahl Wotan: „Was ist euch Harten doch heilig und wert, giert ihr Männer nach Macht.“ Wotan will den Vorwurf der Machtgier nicht auf sich sitzen lassen und dreht den Spieß um: „Gleiche Gier war Fricka nicht fremd, als selbst um den Bau sie mich bat.“ Fricka reagiert beleidigt, gibt zu Protokoll, sie habe in den Palastbau nur eingewilligt, um den Gemahl - einen notorischen Hallodri und Herumtreiber („Wandel und Wechsel liebt, wer lebt“) - an sich zu binden und zu größerer Sesshaftigkeit und Treue zu verführen.
Einerlei, ob männliche oder weibliche Gier: Der Götterstaat ist hoffnungslos überschuldet, sein Kapitalbedarf enorm und guter Rat teuer. Staatliche oder halbstaatliche Großprojekte laufen finanziell notorisch aus dem Ruder. Die teure Baufirma (zwei Riesen namens Fasold und Fafner) dringen auf alsbaldige Begleichung ihrer Rechnungen. Wie üblich haben sie vor Baubeginn vertraglich für den Fall staatlicher Liquiditätsschwierigkeiten vom Schuldner eine Sicherheit verlangt, worauf Wotan - nicht sonderlich feinfühlig - seine Schwägerin Freia als Pfand bot, die verständlicherweise Zeter und Mordio schrie, als sie zu ahnen begann, dass die Riesen nun auf Vertragserfüllung drangen.
Loge, ein „amoralischer Intellektueller außerhalb der Legalität“ (Vicco von Bülow alias Loriot), aber auch Halbgott, der Wotan einiges verdankt und der bei den Vertragsverhandlungen als eine Art Anwalt oder Notar fungierte, hatte versprochen, das Pfand auszulösen, Freia vor ihrem Schicksal bei den Riesen zu bewahren und den Gläubigern dafür Kompensation zu verschaffen. Jetzt musste er liefern. Das Rheingold, so Loges Idee, ein großes Kapital, welches, den Rheintöchtern entwunden, sich widerrechtlich in den Händen der Nibelungen befand, könnte man den Räubern klauen und den Riesen zum Ersatz anbieten. Die Straftat, welche der Raub darstellt, wäre moralisch minder verrucht und als legaler Besitz zu deklarieren, weil auch die Nibelungen das Gold durch Raub erworben hatten: „Was ein Dieb stahl, das stiehlst du dem Dieb - ward leichter ein Eigen erlangt?“
Auch wenn bis hierher allenfalls eine der insgesamt rund achtzehn Stunden (inklusive Pausen) der Ring-Tetralogie verstrichen sind: Das meiste ist gelaufen; das Unheil nimmt seinen Lauf. Geldgier ist Kehrseite und Folge der Machtgier - das Ring-Motiv spiegelt in Moll das in Dur gesetzte Walhall-Motiv.
Unersättlicher staatlicher Macht-, Repräsentations- und Selbstdarstellungshunger ist der Ausgangspunkt eines unstillbaren staatlichen Kapitalbedarfs. Kein Wunder, dass Wotan nicht ruht, dem Riesen Fafner (Fasold, der andere Riese, wurde zwischendurch erschlagen) den Schatz wieder abzunehmen, um selbst in den Besitz des Rheingolds zu gelangen, eine Aufgabe, die, um den rechtsstaatlichen Schein zu wahren, er vom unschuldigen Siegfried ausführen lässt, seinem Enkel, dem Nachkommen eines seiner zahlreichen unehelichen Abenteuer.
Doch am Gold hängt Alberichs des Nibelungen Fluch, und am Ende zieht Geld- und Machtgier das Reich und seine mehr oder weniger göttlichen Akteure in den Abgrund. Wotan, Machtpolitiker, dem die Macht abhandenkommt, wähnt sich wie Christian Wulff immer mehr als Opfer der Verhältnisse denn als Staatsoberhaupt, freilich mit wachsender Lust am unausweichlichen Untergang. „Zusammenbreche, was ich gebaut! Auf geb ich mein Werk; eines nur will ich noch: das Ende - das Ende“, lässt der Gott die Zuhörer schon in der „Walküre“ wissen, dem zweiten Teil des Rings. Am Ende, in der „Götterdämmerung“, verschwindet Walhall in der Feuersbrunst eines großen Brandes. „Nicht Gut, nicht Gold, nicht Haus noch Hof, noch herrischer Prunk“, nichts davon löst sein irdisches Glücksversprechen ein. Die Götterdämmerung wird zur Staatendämmerung.
Richard Wagners Ring, diese Einsicht verdanken wir nicht erst Loriot, ist eine der gewaltigsten Kritiken am modernen Staat und seinem Recht und zugleich eine eindrucksvolle Analyse des Zusammenhangs von staatlicher Ausgabenlust und ihren ruinösen finanziellen Folgen. Kein Wunder: Das Textbuch stammt aus der revolutionären, libertär-anarchistischen Zeit des Komponisten, als er noch nicht als offiziöser Staatskünstler des Bayernkönigs Ludwig II. auftrat. Eine Fußnote im Lehrbuch der Finanzwissenschaft hätte Wagner früher schon gebührt; aus Anlass der Euro- und Staatsschuldenkrise wäre ein eigenes Kapitel angemessen. Wagners dramatische Dichtung, welche die Provinz ob ihrer stabreimenden Alliterationen verspottet, verdient es, genau gelesen zu werden. Zum Glück scheuen heutige Inszenierungen nicht, den Text als Übertitel an die Bühne zu projizieren. Das hilft.
„Die Macht, die gegenwärtig das Leben beherrscht, die wir stündlich als die mächtigste, entscheidendste und alles durchdringendste fühlen - diese Macht ist nichts anderes als das Geld“, schreibt Wagner in einem Brief an Ferdinand Heine vom 4. Dezember 1849. Doch die Gier, die alle wie blind übermannt, ist Folge einer Leidenschaft, die am Ende zum Verhängnis wird: Menschen wie Staaten wollen mehr besitzen, als sie sich leisten könnten, mehr Macht, als ihnen zusteht. Vehikel dafür ist der Kredit, gegen den nichts einzuwenden wäre, würden die Schuldner nicht die Notwendigkeit aus dem Auge verlieren, das geliehene Geld zurückzuzahlen. Walhall im Mythos und die Griechen aller Länder von heute sind des gleichen Geistes Kind.
Mehr noch: Ungestüme Ausgabenlust, welcher nicht erst die heutigen Wohlfahrtsstaaten verfallen sind, und die damit verbundene Geldgier führen zu einer Erosion des Rechts und des Rechtsstaats und einem schleichenden Verfall der gesellschaftlichen Ordnung. Wotan, seinem Anspruch nach Garant des Rechts und Wahrer der Verträge, bricht diese nicht erst, als das Inkasso zur Finanzierung seines Luxusschlosses Walhall fällig wird: Schon den Vertrag selbst, der die Schwägerin zum Pfand einsetzt, hätte, weil offenkundig sittenwidrig, kein Notar durchgehen lassen dürfen.
Die Folgen sind verheerend: Der Vertragsbruch geht einher mit einem Vertrauensverlust in die Stabilität staatlicher und sozialer Institutionen. Wer als Staat über seine Verhältnisse lebt, kommt nicht nur in den Strudel der Finanzmärkte (und ins Fadenkreuz der Spekulanten), sondern zerstört jene Rechtsordnung, die zu garantieren einzig ihm obliegt. „Die Ordnung der Götter“, schreibt der Bielefelder Rechtsphilosoph und Strafrechtslehrer Wolfgang Schild in einem klugen Wagner-Buch mit dem Titel „Staatsdämmerung“, „beruht auf Betrug, der nur der Form nach das Recht anerkennt, sich daher eines Unrechts nach außen hin enthält (und sich daher auch an Verträge gebunden gibt), aber im Grund nur den eigenen Willen zur Macht, genauer: zum schieren Zeigen der Macht im Symbol der Burg (und auch des Ringes) verwirklicht.“
Ist es Zufall, dass mit Christian Wulff eine Art kleinbürgerlicher Wotan-Imitator in Schloss Bellevue an der Spitze Deutschlands steht, dem weder zur europäischen Schuldenkrise in Brüssel noch zur privaten Schuldenkrise in Großburgwedel eine vernünftige Erklärung einfallen will? Ist es allzu frivol, Züge dieses „Schein-Rechts-Staates“ (Wolfgang Schild) aus dem Wagnerschen Mythos auch in der heute erodierenden Gemeinschaft der Euro-Staaten wiederzufinden? Gleich dreifach haben die Mitgliedsländer sich über ihre Verträge hinweggesetzt und Maastrichtkriterien, No-Bail-out-Gebot und Staatsfinanzierungsverbot für die Europäische Zentralbank missachtet. Dass dieser als Ausdruck von Solidarität verpackte Rechtsbruch einen Vertrauensschwund nach sich zieht, ist täglich zu beobachten: bei den Bürgern in den verunsicherten Demokratien und an den aus den Fugen geratenen Märkten. Einen Nutzen zur Abwehr drohender Staatspleiten oder zur Beruhigung wilder Spekulanten hatte das bis heute alles nicht: Schon mehren sich die Zeichen der Gefahr, dass Griechenland die im März fälligen Staatsanleihen von gut 17 Milliarden Euro nicht wird tilgen können. Dann droht dem Land die - mehr ungeordnete als geordnete - Insolvenz und womöglich der Rausschmiss aus dem Euroraum. „Oh ihr, der Eide ewig Hüter, erschaut eure ewige Schuld“, tönt Brünnhilde, als das Feuer der Götter- und Staatendämmerung schon lichterloh brennt.
Der Dramatiker George Bernard Shaw hat Wagners Ring Ende des 19. Jahrhunderts bekanntlich als antikapitalistische Allegorie aus dem Geiste der marxistischen Kritik gedeutet und sich auf Wagners Flirt mit den Frühsozialisten und Anarchisten, namentlich Pierre-Joseph Proudhon, berufen. Demnach wäre Alberich, der tyrannische Zwerg, die Verkörperung des die Arbeiter ausbeutenden Kapitalisten (eine Mischung aus Manchester-Fabrikant, Krupp und Carnegie) und zugleich Finanzspekulant, dessen gieriges Ziel einzig die Akkumulation von Kapital ist. Alle sind in diesem Staat, so Shaw, von Alberich abhängig, der Riese Fafner sowieso, auch Wotan, der oberste Gott und Staatenlenker, eine Charaktermaske.
Shaws Deutung, so zutreffend sie sein mag, unterschlägt den tieferen Grund für die Abhängigkeit der Staaten und Individuen vom Kapitalmarkt: Es ist - anthropologisch die Gier, staatstheoretisch - aber der Umstand, dass in allen Gemeinwesen (nicht erst in wohlfahrtsstaatlichen Demokratien, in diesen aber ganz besonders) die Einnahmen mit den Ausgaben nicht Schritt halten und die Ausgaben den Einnahmen anzupassen nicht möglich ist, weil diese längst eine Eigendynamik entwickelt haben, die zu drosseln sich niemand mehr in der Lage sieht. Das Geld und der Finanzkapitalismus stehen eben nicht am Anfang der Krisenursachenkette, sondern an zweiter Stelle.
Einen Ausweg jenseits von überbordendem Staatshandeln und volatiler Geldwirtschaft gibt es nicht. Die utopischen Alternativen des Mythos, das sozialistische Reich der Gleichheit und Gerechtigkeit oder das Wagnersche Reich der Liebe und Entsagung enden beide Male mitten im Kitsch. Was jenseits des Mythos bleibt, ist die ewige Wiederkehr des irdisch Gleichen: Staaten, die sich mit Austerität und Schuldenbremsen mehr schlecht als recht disziplinieren, und ihre Finanzmärkte, die sie meist völlig überschätzen, hilflos regulieren. Es bleibt eine Welt, wie in der Oper, so auch im realen Leben, mit „lauter netten Leuten“.
28. Januar: Hamburg Ring (5./12./19.2.) 4. Februar: München Rheingold 7. April: New York Ring (13./21./24.4.) 1. April: Berlin Walküre 2. April: Freiburg Ring (3./5./7.4.) 12. Mai: Dessau Götterdämmerung 14. Juni: Hannover Ring (17./21./24.6.) 2. Juni: Frankfurt Ring (7./10./17.6.) 12. Juni: Budapest Ring (13./15./17.6.) 26. Juni: Essen Ring (28./30.6./1.7.) 3. Juli: München Ring (4./6./8.7.) 24. September: London Ring (26./29.9./1.10.)
„Die Täter im gewaltigsten Drama der Musikgeschichte sind eigentlich ganz nette Menschen. Nur eine gemeinsame Leidenschaft wird ihnen zum Verhängnis: Sie wollen mehr besitzen, als sie sich leisten können, mehr Macht, als ihnen zusteht. Im blinden, lieblosen Gewinnstreben vernichten sie sich selbst und ihre Welt. Zum Glück gibt es so etwas nur in der Oper.“ (Loriot)
Die gängige Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners sind immer
höhere Schulden oder Steuern!
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Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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