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Schuldenkrise Frankreich vor dem Abstieg

 ·  Die Wirtschaft ist zentrales Thema des Wahlkampfs in Frankreich: Die jungen Franzosen finden keine Jobs, die Industrie produziert zu teuer, das Staatsdefizit läuft aus dem Ruder: Unter den Ländern der ersten Liga in Europa ist Frankreich das Sorgenkind.

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© Johann Rousselot/laif Beim wahren Luxus setzt Frankreich noch immer die Maßstäbe.

Es gab einmal eine Zeit, da war Frankreich das Land der großen Sehnsucht. Wer von gutem Essen sprach, der dachte an Gänsestopfleber aus dem Périgord und an Austern von der Atlantikküste, und als Weinbegleitung für ein solches Essen kamen ausschließlich französische Etiketten von der Champagne bis zum Bordelais in Frage. Die Mode wurde auf Französisch buchstabiert, ob es sich nun um Louis Vuitton handelte oder um Yves Saint Laurent.

Sorgenkind der ersten Liga

Auch technologisch schien das Land an der Spitze des Kontinentes, wenn nicht der Welt zu marschieren. Der TGV raste schon von Paris nach Lyon, als in Deutschland noch lokbespannte Intercity-Züge durchs enge Rheintal zuckelten. Und niemand dachte hierzulande ans Internet, als die meisten Franzosen bereits den Vorläufer Minitel nutzten.

Eine Woche vor der zweiten Runde der Präsidentenwahl ist von Bewunderung im europäischen Ausland wenig zu spüren. Unter den Ländern der ersten Liga in Europa gilt Frankreich schon als das Sorgenkind. Als der sozialistische Kandidat François Hollande im ersten Wahlgang besser abschnitt als Konkurrent Nicolas Sarkozy, da reagierten am nächsten Tag viele Anleger mit Verkäufen von Aktien und Anleihen. Bis zur Stichwahl am nächsten Sonntag sagen Analysten den Finanzmärkten eine „holprige Zeit“ voraus.

Wider den Spar-Taliban?

Hollande hat angekündigt, die Verträge zum europäischen Fiskalpakt neu verhandeln zu wollen. In den Statuten der Europäischen Zentralbank will er neben dem Ziel der Geldwertstabilität auch das der Wachstumsförderung etablieren - und über Eurobonds nachdenken, also über gemeinsame Staatsanleihen aller Euroländer, zumindest für einzelne Projekte in Europa.

Schon frohlockt man in Italien, unter Hollande werde Frankreich sich von der Seite Deutschlands lösen und ins Lager der südeuropäischen Länder vorstoßen. Lässt sich aus den Vorschlägen des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten wirklich ablesen, dass Frankreich dem deutschen „Spar-Taliban“, wie es ein Politiker formulierte, die Harke zeigen wird?

Klare Absage von Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte auf jeden Fall verschnupft. „Es wird beim Fiskalpakt keine Neuverhandlungen geben“, wetterte sie. Neue Schulden zu machen, um mit dem Geld das Wachstum zu fördern, das halte sie für grundfalsch. Ein „Wachstum auf Pump“ werde es mit Deutschland nicht geben. Stattdessen sei eine Politik notwendig, die „Staaten wieder wettbewerbsfähig macht“ und so „Wachstum und Beschäftigung fördert“. Eine klare Absage.

Ist Frankreichs wirtschaftliche Lage wirklich so desolat, dass man sich jetzt schon im Kreis der Südländer besser aufgehoben fühlt als an der Seite des exportstarken und austeritätsverliebten Krisengewinners Deutschland?

Es stimmt: Vom alten Glanz ist wenig geblieben. Schnelle Züge fahren inzwischen auch andernorts in Europa, das Internet wird von amerikanischen Firmen dominiert. Internationale Weinfans decken sich längst auch mit spanischem Tempranillo und deutschem Riesling ein, der europaweit bekannteste Fernsehkoch Jamie Oliver ist - Gott bewahre! - ein Engländer. Und Leute, die „Liberté toujours“ früher über den Dächern von Paris suchten, finden sie heute eher in den Hinterhöfen der deutschen Hauptstadt, aus der auch die jüngeren Modetrends kommen.

Im internationalen Vergleich zu teuer

Tatsache ist aber auch: Frankreich ist immer noch die fünftstärkste Industrienation der Erde, in Europa steht es nach Deutschland klar an zweiter Stelle, sagt Henrik Uterwedde, Wirtschaftsprofessor und Vizechef des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg. Allerdings hat das Land seit der Euro-Einführung an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Das zeigt eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey, die Gewinner und Verlierer der Euro-Krise analysiert hat: Viele französische Produkte sind im internationalen Vergleich zu teuer geworden, das schwächt die französische Wirtschaft. Das Gegenteil dessen ist eingetreten, was sich der frühere Staatspräsident François Mitterrand von der Einheitswährung erhofft hatte.

„Frankreich hat eine starke Automobilindustrie und viele erfolgreiche Großunternehmen“, sagt Uterwedde. Mit ihren Kleinwagen sind Peugeot-Citroën und Renault-Nissan erfolgreich - auch wenn sie zuletzt besonders stark unter der Krise in Südeuropa litten. Minus sieben Prozent meldeten Peugeot und Citroën für den Absatz im ersten Quartal, minus 8,6 Prozent Renault. In Südeuropa liegt schließlich der klassische Exportmarkt der französischen Industrie, die dagegen in den dynamischen Schwellenländern Asiens und Südamerikas weniger präsent ist. Im Außenhandel erwirtschaftete das Land zuletzt 89 Milliarden Euro Defizit.

„Im Vergleich zu Deutschland fehlen große mittelständische Unternehmen, die Kärchers, Würths oder Stihls dieser Welt“, sagt Ökonom Uterwedde. Es mangele in Frankreich nicht an Unternehmensgründungen, wohl aber an Aufstiegsgeschichten „von der Klitsche zum Weltmarktführer“ - und an exportorientierten Betrieben jenseits der Großkonzerne oder gar auf dem flachen Land. „Die französische Wirtschaftspolitik ist nach wie vor von einer zentralistischen Staatsauffassung geprägt“, sagt Ökonom Uterwedde.

Mit 62 Jahren in die Rente

Anders als etwa im deutschen Streit um Opel steht es für französische Politiker aller politischen Richtungen außer Frage, dass der Staat aktive Industriepolitik im nationalen Interesse betreibt. Profitiert haben davon vor allem staatsnahe Branchen von der Atomindustrie bis zur Infrastruktur. Wo europäisches Wettbewerbsrecht im Weg steht, wird nach kreativen Lösungen gesucht. Während etwa der französische Veolia-Konzern der Deutschen Bahn östlich des Rheins eifrig Konkurrenz macht, hält sich die französische Staatsbahn SNCF Wettbewerber lieber vom Hals.

Egal, wie die Präsidentenwahl ausgeht: An dieser Idee wird sich nicht viel ändern. „Es gibt zwar eine Debatte über die Krise des französischen Modells“, sagt Cornelia Woll, Professorin an der französischen Kaderschmiede Sciences Po. „Aber die Rolle des Staates wird von niemandem grundsätzlich in Frage gestellt.“ Eine strikte Trennung der Karrieren wie in Deutschland gibt es nicht, sagt Woll, die auch am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung arbeitet. „Man wechselt regelmäßig zwischen Ministerien und Unternehmen hin und her.“ So ist es, seit der Sonnenkönig Ludwig XIV. vor dreihundert Jahren Chausseen und Manufakturen bauen ließ. Diese Rolle messen die Franzosen auch ihrem republikanischenStaatspräsidenten zu.

Den akuten Reformbedarf sieht Woll auf anderen Feldern, bei den Arbeitskosten und der Staatsverschuldung. Nach einer hartumkämpften Anhebung des Rentenalters um zwei Jahre können sich die Franzosen noch immer mit 62 Jahren zur Ruhe setzen. Auch viele Bereiche der Verwaltung sind überbesetzt, bei weniger Einwohnern leistet sich das Land einen größeren öffentlichen Dienst als Deutschland.

Hohe Neuverschuldung

Mit zuletzt 86 Prozent des Sozialprodukts ist die Gesamtverschuldung des französischen Staates kaum höher als in Deutschland, und das Bevölkerungswachstum lässt die künftige Pro-Kopf-Belastung eher sinken. Aber die Neuverschuldung war voriges Jahr mit 5,2 Prozent des Sozialprodukts enorm. Weil die französische Wirtschaft in der Finanzkrise nicht so stark einbrach wie die deutsche, legt sie nun keinen so dynamischen Wiederaufstieg hin. Und die Großbanken des Landes, die vom amerikanischen Crash weniger getroffen wurden, leiden unter der europäischen Schuldenkrise umso mehr - aufgrund ihres starken Engagements in Griechenland.

Reformen nach deutschem Muster wären dringend erforderlich, findet auch Ökonom Uterwedde: „Die Staatsquote ist in Frankreich sehr hoch.“ Während Deutschland in den vergangenen zehn Jahren durch Lohnzurückhaltung und Pakte für Wettbewerbsfähigkeit in den Unternehmen seine Position verbessert habe, fehle in Frankreich eine solche Entwicklung. „Die Unternehmensteuern und die Lohnnebenkosten gehören zu den höchsten in Europa.“

Besser nicht mit Merkel sehen lassen

Vom deutschen Vorbild will allerdings auch Amtsinhaber Nicolas Sarkozy nicht mehr viel wissen. Nachdem er zum Jahreswechsel den Hartz-Reformer Gerhard Schröder ins Elysée lud und mit Angela Merkel in den Wahlkampf ziehen wollte, mag er sich mit der Kanzlerin im Inland nicht mehr sehen lassen.

Als ein Land, das kurz vor dem Abgrund steht, wollen sich die Franzosen trotz allem nicht sehen. Mit einem gewissen Recht, sagt Christian Melzer, Frankreich-Experte der Dekabank in Frankfurt: „Die Franzosen sind nicht die Griechen.“ Es gebe in Frankreich strukturelle Probleme, aber die Lage sei nicht vergleichbar mit den Peripheriestaaten: „Das Geschäftsmodell Frankreichs muss verbessert, aber nicht grundsätzlich neu aufgestellt werden.“

„Frankreich schafft das schon“

Dass Frankreich viel besser dasteht als Italien, Spanien, Portugal oder gar Griechenland, zeige auch der Blick auf die Beschäftigungslage. „Die Arbeitslosigkeit in Frankreich liegt bei 10 Prozent – in Spanien aber bei 24 Prozent“, sagt Bankenvolkswirt Melzer. „Das ist eine ganz andere Welt.“ Ein großes Problem sei allerdings die hohe Jugendarbeitslosigkeit. „Anders als in Deutschland spielt die duale Ausbildung keine große Rolle, nach Schule und Ausbildung haben die jungen Leute noch kein Unternehmen von innen gesehen - das erschwert den Einstieg.“ Trotzdem: „Frankreich schafft das schon“, sagt Melzer. Das Land habe „genug Potential zum Konsolidieren“. Um die Neuverschuldung in zwei bis drei Jahren unter die Grenze von drei Prozent des Sozialprodukts zu drücken, müsse der künftige Präsident rund 50 Milliarden Euro zusammenkratzen. „Das ist für eine große Volkswirtschaft ein realistisches Ziel.“

Selbst dann wird Frankreich vermutlich immer noch Frankreich sein. Und beim wahren Luxus die Maßstäbe setzen: Da ist der französische Konzern LVMH noch immer Weltmarktführer.

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Jahrgang 1969, Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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