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Veröffentlicht: 09.04.2012, 17:00 Uhr

Schuldenkrise Europas Überlebenskampf

Die Anstrengungen von Griechenland, Portugal, Spanien und Italien gegen die Schuldenberge sind nahezu aussichtslos. Denn dazu kommt ein weiteres Problem: Den Volkswirtschaften bricht die demographische Basis weg.

von Gunnar Heinsohn
© dapd Portugal bricht - wie vielen europäischen Volkswirtschaften - die demographische Basis weg

In Griechenland hat der Schuldenschnitt faktisch 70 Prozent der Schulden wegrasiert - aber es bleiben Zweifel, ob das reicht. Für Portugal hat die sogenannte Troika nun ein Zeugnis ausgestellt, wonach die Staatsschuldenquote im Jahr 2013 mit etwas über 115 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ihren Höhepunkt erreichen und danach sinken soll. Wer’s glaubt. Portugal bricht - wie den meisten anderen europäischen Volkswirtschaften - die demographische Basis weg. Bei einer Arbeitslosigkeit von annähernd 15 Prozent haben allein 2011 über 150 000 der Besten ihre portugiesische Heimat verlassen. Die meisten fliegen nach Brasilien. Manche gehen auch nach England, einige in die Petroleumindustrie Angolas. Ihren Anteil an den Staatsschulden lassen sie zu Hause. Ihr Potential zur Bedienung von Krediten gewinnt die neue Heimat.

78 Milliarden Euro umfasst das Hilfsprogramm der EU und des IWF für die 10,5 Millionen Portugiesen. Doch das Geld - 8000 Euro vom Säugling bis zum Greis - vermag nichts gegen den Exodus der Talente. Bis 2020 kann Portugals Einwohnerzahl auf 9 Millionen Menschen sacken. Im realistischen Szenario hat die Bevölkerung dann ein Durchschnittsalter von 47 statt derzeit 40 Jahren. Das ist nahe am Europarekord von 48 Jahren, der auch dann an die Deutschen geht. Wenn schon die niedergehende Demographie die Wachstumsperspektive trübt - woher soll bis 2020 der Aufschwung der lusitanischen Industrie kommen? Durch Innovationen?

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Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen meldeten Portugiesen 2009 nur 24 (!) der insgesamt 52 000 europäischen Patente in diesem Jahr an. Genauso wenig gingen an die 10,5 Millionen Griechen, die sogar 23 000 Euro je Kopf an EU-Hilfskrediten erhalten. Immerhin stehen die Hellenen auf der Welt-IQ-Liste des Entwicklungspsychologen Heiner Rindermann mit Rang 39 acht Plätze vor Portugal.

Wie aber müsste die geistige Beweglichkeit für eine Aufholjagd aussehen, um wirklich an die wirtschaftliche Spitze aufzuschließen? Nehmen wir die Schweiz mit IQ-Rang 10 (Deutschland: 22). Sie fuhr 2009 bei 8 Millionen Einwohnern 2420 europäische Patente ein. Deutschland mit dem gut Zehnfachen der Schweizer Bevölkerung kam auf 11 384 Patente. Gibt es Hinweise, dass Griechenland und Portugal ihre Patentbilanz um den Faktor 100 oder auch nur 10 aufbessern könnten? Eher werden die Trauerwerte von 2009 noch unterboten, weil die Emigration der Könner nicht aufhört. Die demographische Entwicklung spricht dagegen, dass die Schuldentragfähigkeit zunimmt. In den Jahren 2020 und danach, wenn es auf eigenen Füßen stehen soll, werden Portugals Steuereinnahmen nicht für die wachsenden Rentenlasten reichen.

Die Talente ihre Heimatländer

Auch die 61 Millionen Italiener mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren (2020: 47) mit - wie Griechenland oder Portugal - nur 1,4 Kindern je Frau ächzen unter hohen Schulden, dazu 47 Millionen Spanier, die derzeit ein Durchschnittsalter von 41 Jahren erreichen (2020: 44) und kaum mehr Kinder haben. Immerhin hat Italien (IQ-Rang 25) eine innovativere Wirtschaft. Mit 1992 Patenten im Jahre 2009 erreichte es je Einwohner rund ein Zehntel des Werts der Schweiz, während Spanien (IQ-Rang 35) mit nur 348 Patenten aussichtslos abfällt.

Gleichwohl erklingt auch hier immer wieder die anrührende Melodie der Euro-Retter, dass man nur noch ein knappes Jahrzehnt benötige, bis „tiefgreifende“ Strukturreformen sich selbst tragende Aufschwünge für das Abtragen der Schulden (und im Falle Griechenlands und Portugals: der Hilfskredite) nach sich ziehen. Wie so etwas bei schrumpfenden und alternden Bevölkerungen, deren beste Talente auswandern, funktionieren soll, bleibt Geheimnis der EU-Nomenklatura.

Die leistungsstärkste Bevölkerungsgruppe im Alter von 25 bis 59 Jahre wird in Italien zwischen 2010 und 2030 von 30 auf 25 Millionen Menschen sinken. Obwohl Rom in der EU die geringste Unterdeckung der Pensionsversprechen ausweist, folgen für die spätere Versorgung dieser 25 Millionen nur noch 14 Millionen Menschen von derzeit unter 24 Jahren, während schon jetzt 21 Millionen über 60 Jahre zu versorgen sind.

Auch in Deutschland, dem größten Garantiegeber der Eurorettung, ist bald demographisch „Feuer unterm Dach“? Zwischen 2010 und 2030 schrumpft seine Aktivgruppe (25 bis 59 Jahre) von 40,5 auf 32,5 Millionen. Für deren Absicherung folgen gerade 18 Millionen unter 25 Jahre, während 29 Millionen über 60 Jahre ein würdiges Alter fordern.

Niemand versteht, wie das aufgehen soll. Man weiß lediglich, dass für den dauerhaften Rettungsmechanismus ESM keines der großen garantierenden AAA-Länder sein Top-Rating verlieren darf, weder Frankreich und noch weniger Deutschland mit seiner schrumpfvergreisenden Bevölkerung. Wenn einer beim Garantieren fremder Ramschpapiere einknickt, bricht die gesamte Konstruktion. Dann bleibt nur noch die Europäische Zentralbank mit ihren unendlich tiefen Taschen, um die Staatsschulden zu monetisieren.

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