Home
http://www.faz.net/-gqe-6zg6w
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Schuldenkrise Europa will nicht mehr sparen

Europa spart - so hieß es bisher, und die Deutschen waren froh darüber. Doch jetzt mehren sich die Stimmen, die vor „gnadenlosem Sparen“ in der Rezession warnen.

© Fricke, Helmut Vergrößern

Es ist ein Ringen der Giganten um den Kurs der Finanz- und Wirtschaftspolitik in Europa. Auf der einen Seite steht die deutsche Bundesregierung und fordert striktes Sparen, während sich auf der anderen Seite die Schuldenländer in Rezessionen quälen.

Philip Plickert Folgen:     Tobias Piller Folgen:  

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit Frankreichs Staatspräsident Nikolas Sarkozy 25 der 27 EU-Staaten auf einen „Fiskalpakt“ mit strikteren Haushaltsregeln eingeschworen. „Deutschland hat die wirtschaftspolitische Debatte gewonnen“, sagte Italiens Ministerpräsident Mario Monti damals. Notgedrungen reihten sich die Krisenländer in die Sparfront ein.

Infografik / Viele Eurostaaten liegen unter dem Vorkrisen-BIP © F.A.Z. Bilderstrecke 

Doch die Fassade bröckelt: Keynesianische Ökonomen warnen davor, dass Europa durch hartes Sparen in eine Abwärtsspirale gerate. Der Internationale Währungsfonds und sein Chefökonom Olivier Blanchard schreiben im jüngsten Weltwirtschaftsausblick: „Sparen allein kann die Wirtschaftsprobleme in den wichtigsten Industrieländern nicht lösen.“ Durch die Blumen gab der Fonds Deutschland zu verstehen, da es „fiskalische Spielräume“ habe, sollte es diese bitteschön für Wachstumsimpulse nutzen.

Die Wirtschaft bricht in ganz Südeuropa ein

Schließlich steht Deutschland mit einem Defizit von deutlich unter einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr verglichen mit den Krisenländern glänzend da. Griechenland hatte im vergangenen Jahr noch mehr als 9 Prozent Defizit, Spanien 8,5 Prozent und Irland sogar 13 Prozent, wobei dort die Bankenrettung schwer belastet. In diesem Jahr hat Spanien der EU versprochen, seine Neuverschuldung auf 5,3 Prozent zu senken. Griechenland hat 7,3 Prozent und Portugal 4,5 Prozent versprochen. Doch die Wirtschaft bricht in ganz Südeuropa ein. Das erschwert den Defizitabbau.

Seit zwei Quartalen steckt Europa nun abermals in einer Rezession. Viele Länder haben noch nicht einmal das Niveau vor Ausbruch der Großen Rezession 2009 wieder erreicht. Am Donnerstag gab die EU-Kommission neue schlechtere Daten zur Stimmung in der Wirtschaft bekannt. Konjunkturforscher fürchten nun, dass die Rezession länger dauern könnte. In der Bevölkerung regt sich Unmut angesichts der hohen Arbeitslosigkeit von 24,5 Millionen Menschen in Europa (10,8 Prozent) und schmerzhaften Einschnitten in die Sozialsysteme.

Hollande möchte die „gnadenlose Sparsamkeit“ beenden

Die Politik steht unter Druck. In den Niederlanden ist in dieser Woche die Minderheitsregierung von Premierminister Mark Rutte über ein Sparpaket gestürzt. Merkels wichtigster Partner Sarkozy könnte schon in zehn Tagen Geschichte sein. Sollte der Sozialist François Hollande zum neuen französischen Präsidenten gewählt werden, dann entsteht in Paris ein mächtiger Gegenpol zur deutschen Vorstellung von Fiskaldisziplin. Hollande möchte die „gnadenlose Sparsamkeit“ beenden. Den unter viel Mühen geschnürten Fiskalpakt will er neu verhandeln und durch wachstumsfördernde Maßnahmen ergänzen. Dazu soll es gemeinsame Anleihen der Euro-Länder für Infrastrukturprojekte geben. Statt Eurobonds, die in Berlin ein Reizwort sind, spricht Hollande nun von Projektbonds.

In dieser kritischen Lage hat der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) mit seinem „Wachstumspakt“ als Ergänzung zum „Fiskalpakt“ die Phantasie angeregt. Doch EZB-Chef Mario Draghi meint es ganz anders als Hollande. Es geht ihm um Strukturreformen, also beispielsweise flexiblere Arbeitsmärkte, längere Lebensarbeitszeiten und die Öffnung von stark regulierten Branchen. Das ist das Gegenteil des protektionistischen Programms von Hollande, der sogar die Anhebung des Renteneintrittsalters von 60 auf 62 Jahre rückgängig machen möchte.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Merkel kommentiert Anleihekäufe Die EZB entscheidet sowieso unabhängig

An diesem Donnerstag beschließt die Europäische Zentralbank wohl Staatsanleihekäufe. CDU-Politiker üben teils harsche Kritik. Auch die Bundeskanzlerin bezieht Stellung. Frankreichs Präsident ist optimistisch. Mehr

19.01.2015, 14:16 Uhr | Wirtschaft
EZB überrascht Börsen mit neuer Zinssenkung

Die Aussicht auf zusätzliche milliardenschwere Geldspritzen haben den Euro auf Talfahrt geschickt. Dax und EuroStoxx50 zogen dagegen an. EZB-Präsident Mario Draghi hatte eine Senkung des Leitzinses von 0,15 auf 0,05 Prozent angekündigt. Mehr

04.09.2014, 17:57 Uhr | Wirtschaft
Nach EuGH-Gutachten Rendite europäischer Anleihen auf Rekordtief

Die Zinsen für europäische Anleihen sind am Mittwoch auf neue Tiefstände gefallen. Die Papiere profitierten von einem positiven Gutachten des Generalanwalts am Europäischen Gerichtshof, nach dem die EZB Staatsanleihen von Krisenländern kaufen darf. Mehr

14.01.2015, 14:58 Uhr | Finanzen
Weltwirtschaftsforum in Davos Merkel: Politik muss Wachstumsimpulse setzen

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Politik an ihre Verantwortung für das Wachstum in der Welt erinnert - Anlass war beim Weltwirtschaftsforum in Davos am Donnerstag die weitreichende geldpolitische Entscheidung der Europäischen Zentralbank. Mehr

22.01.2015, 16:43 Uhr | Wirtschaft
Anleiheankäufe der EZB Banken freuen sich auf Geldschwemme

Die EZB soll für 550 Milliarden Euro Anleihen aufkaufen. Ökonomen fordern gar 1000 Milliarden Euro. Politiker warnen vor einem Teufelskreis des billigen Geldes. Auch deutsche Unternehmen sind skeptisch. Mehr Von Philip Plickert, Johannes Pennekamp und Uwe Marx

20.01.2015, 06:28 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 26.04.2012, 18:11 Uhr

Die Schlacht ums Öl

Von Marcus Theurer

Wegen des Preissturzes werden überall in der Ölindustrie Investitionspläne gekürzt. Die Spielregeln am Ölmarkt haben sich verändert. Mehr 5


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Umfrage

Soll Griechenland aus dem Euro ausscheiden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.