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Schuldenkrise Dublin als Gegenmodell zu Athen

30.04.2010 ·  Kein Land in Europa wurde von der Wirtschaftskrise so hart getroffen wie Irland. Doch die Regierung hat frühzeitig einen harten Sparkurs eingeschlagen. Bisher zieht die Bevölkerung mit.

Von Marcus Theurer, Dublin
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Seit dieser Woche hat Paul Robenson viel Zeit. „Es ging nicht mehr“, sagt der 52 Jahre alte Ire, der am frühen Abend an der Theke einer Eckkneipe in Dublin sitzt. Taxifahrer sei er in den letzten Jahren gewesen, sagt Robenson. Den gutbezahlten Job als Bauarbeiter hatte er zuvor aufgeben müssen, weil der Rücken nicht mehr mitmachte. Aber am Ende wartete er in seinem Taxi stundenlang vergeblich auf Fahrgäste. Seit Montag ist Schluss. „Ich konnte die Fixkosten für den Wagen nicht mehr tragen. Wenn ich weitermachte, würde ich im Armenhaus landen“, sagt Robenson, der nun Invalidenrente beantragen will.

Am Tresen wird auf die Regierung geschimpft. Die notleidenden Banken des Landes hätten Milliarden vom Staat bekommen, aber der Bevölkerung sei das Arbeitslosen- und Kindergeld gekürzt worden, beschwert sich Robensons Nebensitzer am Tresen, der auch keinen Job hat. „Die allermeisten Leute wollen arbeiten, aber es gibt einfach nichts“, sagt er. Nirgends in Europa hat die Wirtschaftskrise so hart zugeschlagen wie auf der kleinen grünen Insel im Westen des Kontinents.

Das Land steckt tief in der Rezession fest

Viele Jahre sind die Iren stolz gewesen auf ihr Wirtschaftswunder mit weit über den europäischen Durchschnitt liegenden Wachstumsraten. Doch in den vergangenen beiden Jahren ist die irische Wirtschaft um rund 10 Prozent geschrumpft, mehr als doppelt so stark wie zum Beispiel die deutsche. Anders als die meisten anderen europäischen Länder steckt das Land zudem weiter in der Rezession fest: Wirtschaftsforscher rechnen in diesem Jahr mit einem nochmals niedrigeren Bruttoinlandsprodukt. Die Arbeitslosenquote hat sich derweil auf 14 Prozent mehr als verdreifacht, und das staatliche Haushaltsdefizit ist noch höher als das von Griechenland. Die drohende Staatspleite der Griechen hat in den vergangenen Tagen auch die Risikoprämien irischer Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit dem vergangenen Sommer steigen lassen – ein Zeichen wachsenden Misstrauens an den Finanzmärkten gegenüber der Zahlungsfähigkeit des Landes.

Trotzdem ist Dublin bisher so etwas wie das Gegenmodell zu Athen. Die Griechen haben lange gezögert, bevor sie die Notbremse gezogen und ein Sparprogramm aufgelegt haben. Der irische Premierminister Brian Cowen und sein Finanzminister Brian Lenihan haben ihrem Land dagegen schon im vergangenen Jahr ein hartes Sparpaket verordnet. Bis 2014 soll das Defizit von mehr als 11 auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts schrumpfen.

Das Armenhaus Europas

In diesem Haushaltsjahr werden rund 4 Milliarden Euro eingespart. Den Staatsbediensteten wurde das Gehalt im Schnitt um rund 15 Prozent gekürzt. Kindergeld, Arbeitslosengeld und andere Sozialleistungen sind ebenfalls niedriger, und im nächsten Jahr will Lenihan auch die Einkommensteuer für Niedrigverdiener anheben. Die günstigen Unternehmenssteuersätze, mit denen Irland vor der Krise zahlreiche Auslandsinvestoren angelockt hat, sollen dagegen nicht steigen.

Anders als in Griechenland ist es bisher in Irland nicht zu sozialen Unruhen gekommen. Massenproteste gab es zwar auch in Dublin, erst in diesen Wochen haben Demonstranten die Zentrale der Anglo Irish Bank, dem größten Milliardengrab des irischen Finanzsektors, besetzt. Aber zu tagelangen Straßenschlachten wie in Athen kam es bisher nicht. „Einen bemerkenswerten sozialen Frieden“ gebe es im Land, lobt Finanzminister Lenihan, und fügt eilig hinzu, dass die Regierung auch dann auf Sparkurs bleiben werde, wenn sich dies ändern sollte. Noch haben die Gewerkschaftsmitglieder der Kürzung der Gehälter im öffentlichen Dienst nicht zugestimmt. „Wir Iren haben die Eigenschaft, solche Härten zu erdulden“, sagt dazu Paul Robenson auf seinem Barhocker und es klingt nicht so, als sei er stolz darauf. Jahrhunderte lang ist das Land das Armenhaus Europas gewesen. Das prägt.

Der Großteil des Geldes kommt vom Staat

Hoch oben im Betonturm der irischen Notenbank in Dublin sitzt deren Gouverneur Patrick Honohan und sagt, dass die Regierung ihre Hausaufgaben noch lange nicht erledigt habe. „Sie haben schon harte Einschnitte vorgenommen, aber es sind noch weitere harte Maßnahmen nötig“, findet Honohan. Schwer sei es nicht, noch mehr zu sparen: „Es gibt noch mehr niedrig hängende Früchte“, sagt er ungerührt, und selbst hier oben im siebten Stock ist, während er spricht, deutlich das Hupen der Demonstranten unten auf der Straße zu hören. Sie protestieren dagegen, dass die Finanzaufsicht die irische Quinn-Versicherung in die Insolvenz geschickt hat. Der Hintergrundlärm bringt den im vergangenen Herbst berufenen Notenbankchef nicht aus der Ruhe. „Das ist Finanzmarktregulierung in Aktion“, sagt Honohan.

Die Bankenaufseher haben allen Grund, Härte zu demonstrieren. „Es ist schwer nachzuvollziehen, wie die Finanzaufsicht so inkompetent agieren konnte“, urteilt schonungslos der Wirtschaftsprofessor John Fitzgerald vom unabhängigen Forschungsinstitut ESRI in Dublin. Jahrelang haben die Banken mit leichtfertigen Hypothekenkrediten eine gewaltige Blase am Immobilienmarkt aufgepumpt. Anfang der achtziger Jahre konnte man im damals noch bitterarmen Dublin Doppelhaushälften für umgerechnet rund 20.000 Euro erwerben. Auf dem Höhepunkt der Immobilien-Hausse vor drei Jahren wurden solche Immobilien für 1 Million Euro gehandelt. Doch inzwischen haben sich die Preise mehr als halbiert, und sie fallen weiter. In die Bilanzen der irischen Banken hat der Kollaps des Immobilienmarkts gewaltige Löcher gerissen. Ihr Bedarf an frischem Kapital wird von der Regierung auf mehr als 30 Milliarden Euro taxiert – rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Großteil des Geldes kommt vom Staat.

15 Jahre lang gab es Jobs in Hülle und Fülle

Am Trinity College in Dublin, der renommiertesten Universität des Landes, hat Thomas Featherstone keine Zeit, sich um Staatsfinanzen und Wirtschaftswachstum zu sorgen. Der 22 Jahre alte angehende Ingenieur macht in wenigen Wochen seine Abschlussprüfung. Und danach? Der Student zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung, es gibt hier praktisch keine Angebote, die meiner Qualifikation entsprechen“, sagt er; und das sagen viele auf den Fluren des Trinity College. 15 Jahre lang gab es in Irland Jobs in Hülle und Fülle. Zahlreiche ausländische Großunternehmen vom Pharmakonzern Pfizer bis zum Internetriesen Google haben große Niederlassungen aufgebaut. Doch jetzt werde überall nur gestrichen, sagt Featherstone. Sein krisengeschüttelte Land habe ihm bis auf weiteres wohl nichts zu bieten. Der Luftfahrtkonzern EADS suche in Deutschland Ingenieure, sagt Featherstone. Er will sich bewerben.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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