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Schuldenkrise Angriff auf Hans-Werner Sinn

 ·  Deutschlands Ökonomen sind in Aufruhr. Gleich drei Gruppen von Wirtschaftswissenschaftlern haben sich in dieser Woche mit eindringlichen Aufrufen zum Thema Euro-Rettung an die Öffentlichkeit gewandt. Ein Überblick.

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© Röth, Frank Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn: Ifo-Chef Hans-Werner Sinn.

Drei Gruppen von Ökonomen haben sich in dieser Woche mit Aufrufen zum Thema Euro-Rettung an die Öffentlichkeit gewandt. Und zwar mit gegenteiligen Zielen. Jeden Aufruf unterschrieben angesehene Professoren der wichtigsten Fakultäten.

Anknüpfungspunkt für die Aufrufe ist der Eurogipfel, auf dem die Not-Finanzierung der Banken neu geregelt wurde. Eine Gruppe liest aus dem Beschluss eine gemeinschaftliche Bankenhaftung heraus, die zu verurteilen sei. Die zweite Gruppe sagt, da stehe nichts von Gemeinschaftshaftung für Banken und wenn doch, wäre sie auch halb so wild. Und Gruppe drei propagiert: Wir brauchen die Bankenunion samt gemeinschaftlicher Haftung. Sonst kommen wir aus der Nummer nie heraus.

Im Zentrum dieser wilden Ökonomen-Debatte steht ein Mann, der wie kein zweiter die Diskussion um die Gefahren der Euro-Rettung beherrscht: Hans-Werner Sinn, Wirtschaftsprofessor aus München und Chef des Ifo-Instituts. Fast im Alleingang hat er das Thema Targetrisiko nicht nur popularisiert, sondern auch in den wissenschaftlichen Mainstream gebracht.

Unermüdlich warnt er davor, in Europa im Zuge der Euro-Rettung die Schulden zu vergemeinschaften. Und zwar Schulden der Staaten genauso wie die der Banken. Letztere seien nämlich sogar noch höher, sie betrügen mehrere Billionen. Deutschland sei in Gefahr.

Die gesamte Ökonomen-Zunft bringt sich nun zu dieser Position in Stellung. Lange galt Sinn eher als Einzelkämpfer, der zwar in Talkshows auftrat und aussprach, was viele Bürger dachten - zu dem Kollegen aber Abstand hielten. Es galt schließlich nicht als politisch korrekt, eurokritisch zu sein.

Die erste Gruppe

Jetzt hat eine erstaunlich große Gruppe von Wissenschaftlern sich mit ihm solidarisiert. Immerhin 172 Ökonomen unterschrieben einen in der vorigen Woche veröffentlichten Protestaufruf. Er träg die Bedenken gegen eine gemeinsame Haftung für Bankschulden vor. Und richtet sich an die Wähler in Deutschland mit der eindringlichen Bitte: „Reden Sie mit Ihrem Abgeordneten.“

Der Aufruf wurde zwar initiiert von Walter Krämer, Wirtschafts- und Sozialstatistiker an der Technischen Universität Dortmund. Viele Formulierungen des Briefs aber tragen deutlich Sinns Handschrift. Und so wurde er auch aufgenommen. „So hat Sinn doch immer schon geredet“, sagt etwa Peter Bofinger, Ökonom aus Würzburg und Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung.

Die Allianz der Sinn-Unterstützer ist dabei durchaus ungewöhnlich. Den Kern bilden liberale Ökonomen wie der Eurokritiker Joachim Starbatty oder der Rentenexperte Bernd Raffelhüschen aus Freiburg. Auch der frühere DIW-Chef Klaus Zimmermann, bislang nicht unbedingt als Sinn-Anhänger aufgefallen, findet sich in der Unterstützerliste. So ganz falsch sei das Gesagte nicht, meinte allerdings sogar Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht („Was wir vor allem retten sind die Bankschulden“). Andererseits unterstützte auch der frühere sächsische CDU-Ministerpräsident Georg Milbradt den Aufruf.

Die zweite Gruppe

Ähnlich heterogen ist der Kreis der Sinn-Gegner, deren Position im zweiten Aufruf erschien. Dabei hatten sich so unterschiedliche Ökonomen wie der gewerkschaftsnahe Gustav Horn, Michael Hüther vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft und Bert Rürup, der SPD-nahe frühere Wirtschaftsweise sowie Thomas Straubhaar vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut zusammengefunden. Sie behaupten, aus den Beschlüssen des EU-Gipfels lasse sich noch keine gemeinsame Haftung aller Euroländer für die Bankschulden herauslesen. „Der Aufruf baut ein Schreckgespenst auf.“

Auf Nachfrage räumte Bofinger allerdings ein, es gehe um mehr: Die Entwicklung in Europa komme so langsam an den Punkt, wo man sich entscheiden müsste. Entweder wolle man den Euro behalten - dann müssten auch die Deutschen mehr gemeinsame Haftung in Kauf nehmen. Oder man schaffe den Euro ab. „Ich wäre dafür, dass man das Volk befragt“, sagte Bofinger. Um nichts anderes gehe es letztlich bei dem Ökonomenstreit. Es sei unredlich, dass Sinn und seine Anhänger die Konsequenzen ihrer Position nicht offenlegten. Für Sinn oder gegen Sinn, das heiße auch: Für oder gegen ein Festhalten am Euro.

Die dritte Gruppe

Eine dritte Position schließlich artikulierten am Freitag Finanzwissenschaftler um den Frankfurter Professor Jan Pieter Krahnen und den Bonner Ökonomen Martin Hellwig. Zwar sei eine entschiedene Kursänderung in Europa notwendig. Allerdings sei ein wesentlicher Teil des Problems die enge Verknüpfung zwischen der Verschuldung des Finanzsektors und der Staaten auf nationaler Ebene. Aus diesem Teufelskreis könne eine Bankenunion heraushelfen. Sinns Anhänger hätten also recht - und unrecht zugleich.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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