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Kommentar : Macron und sein Fetisch

Frankreichs Präsident Macron bei seiner Rede am 10. Mai 2018 an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Bild: AFP

Der französische Präsident Macron vergleicht die Vorliebe der Deutschen für das Sparen mit religiöser Verehrung. Ganz so heilig war das Land aber nicht immer.

          So unbefangen wie Emmanuel Macron hat noch nie ein französischer Präsident über Religion gesprochen, seit vor 113 Jahren das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat in Kraft trat. Zu Himmelfahrt, als er in Aachen die höheren Weihen des Karlspreises entgegennahm, hat er sich nun dem Aberglauben zugewandt. Einen „Fetisch“ nannte er sowohl die französische Abwehrhaltung gegenüber einer Änderung der europäischen Verträge als auch das deutsche Beharren auf dauerhaften Haushalts- und Handelsüberschüssen.

          Auf die öffentliche Sphäre übertragen, meint Fetischismus „die religionsähnliche, irrationale Verehrung von Objekten mit besonderer Bedeutung für die eigene Identität, denen besondere Wirkungsmacht auf das subjektive Wohlbefinden zugetraut wird“, verrät das Internetlexikon Wikipedia – sowie, nach Sigmund Freud, „emotionale Fixierungen in unserer Gesellschaft“. Macrons Satz bedeutet demnach zweierlei. Erstens: Die Deutschen hegen eine unvernünftige Vorliebe fürs Sparen. Zweitens: Ihr emotionales Wohlbefinden hängt davon ab.

          Ganz so tief im Nationalcharakter können die beiden Eigenschaften freilich nicht verankert sein. In der Zwischenkriegszeit war Deutschland eines der am höchsten verschuldeten Länder, und noch vor 15 Jahren war die Bundesrepublik – neben Frankreich – der erste Staat der Eurozone, der um eine offizielle Ausnahme von den Maastrichter Stabilitätskriterien ersuchte. Damals lag die Schuldenquote der beiden Länder ungefähr gleichauf. Spanier, Briten oder Iren wirtschafteten damals sehr viel sparsamer.

          Keine neuen Schulden trotz Spendierhosen

          Erst mit der Eurokrise haben sich die Verhältnisse umgekehrt, und die Ursachen dafür lagen nur begrenzt im Einflussbereich der Berliner Politik. Deutschland überwand den wirtschaftlichen Einbruch schneller als andere Länder, was die Sozialausgaben senkte und die Steuereinnahmen erhöhte. Der Berliner Finanzminister profitierte mehr als seine Kollegen von niedrigen Zinsen, weil seine Schuldverschreibungen in der Krise als verlässliche Anlage galten. Und schließlich kurbelte der billige Euro die deutschen Exporte in außereuropäische Länder weiter an.

          Das heißt: Die Deutschen mussten für ihre viel kritisierte „schwarze Null“ gar nicht sparen. Sie haben einfach so viel Geld, dass sie es mit vollen Händen ausgeben und trotzdem keine Schulden machen. Auch dafür wurden sie schon kritisiert, dass sie in europäischen Krisenländern auf schmalere Altersbezüge dringen und sich selbst den Luxus von Mütterrenten gönnen.

          „Überschuss-Fetisch auf Kosten der anderen“

          Selbst der Internationale Währungsfonds, der von der deutschen Regierung in der Vergangenheit stets mehr Investitionsfreude verlangte, hat das jetzt eingesehen: In ihren jüngsten Empfehlungen raten die Experten davon ab, noch mehr Geld in Straßen oder Schulgebäude zu stecken. Es drohe eine konjunkturelle Überhitzung, heißt es.

          Warum ausgerechnet die Anhänger des britischen Ökonomen John Maynard Keynes der Empfehlung des früheren Investmentbankers Macron für mehr Schulden folgen, ist ohnehin nicht recht erfindlich. Schließlich befürwortete Keynes eine antizyklische Wirtschaftspolitik, die in der Hochkonjunktur das Geld aus dem Wirtschaftskreislauf zieht, das sie in der Flaute wieder hineinpumpt. Obendrein schränken Schulden den Handlungsspielraum des Staates langfristig ein: In der Krise muss er dann Sozialausgaben kürzen, um den Käufern der Staatsanleihen ihre Zinsen bezahlen zu können. Was daran „links“ sein soll, wie manche glauben, ist schwer zu erklären.

          Das alles ahnt vermutlich auch Macron. Von einem „ewigen“ deutschen Überschuss-Fetisch sprach er in seiner Aachener Rede, der „immer“ zu Lasten anderer gehe. Die Geschichte zeigt: Das kann sich schneller ändern, als man denkt. Aber nicht immer auf die gewünschte Weise.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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