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Schul- und Kinderbuchverlage Bereit für die Reform der Reform

06.08.2004 ·  Schulbuch- sowie Kinder- und Jugendbuchverlage befürchten durch eine Rückkehr zur bewährten Schreibung Kosten in Millionenhöhe. Es gibt indes auch Stimmen, die eine Rücknahme für ökonomisch vertretbar halten.

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In den Finanzabteilungen der Verlagsbranche wird von diesem Freitag an fieberhaft gerechnet. Mit der Entscheidung mehrerer Verlagshäuser, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung zur angestammten Rechtschreibung zurückzukehren, erwarten viele eine allgemeine Rückkehr zu den alten Regeln.

Insbesondere die Schulbuch- sowie die Kinder- und Jugendbuchverlage sehen sich als Leidtragende des Regelchaos und befürchten Kosten in Millionenhöhe. In der Branche mehren sich indes auch die Stimmen, die eine Rücknahme für ökonomisch vertretbar halten.

„Überschaubarer Schaden“

Der Verleger der Bertelsmann-Buchsparte Random House, Klaus Eck, hält den Schaden für überschaubar, solange die Reform schrittweise zurückgeführt werde. "Gegen einen leisen Weg zurück würden wir uns nicht sträuben", sagt er. Zuvor hatte der Verleger des Deutschen Taschenbuchverlags (dtv), Wolfgang Balk, darauf hingewiesen, daß die langfristige wirtschaftliche Belastung durch die "weitgehend absurde Rechtschreibreform" mit Sicherheit höher zu veranschlagen sei als die kurzfristigen Mehrkosten einer Rückführung.

Die meisten Verlage machen sich freilich Sorgen um die nun vermutlich auf sie zukommenden Belastungen. Nach der Reform der Rechtschreibung vor acht Jahren und der Einführung des Euro müßten sie zum dritten Mal einen großen Teil ihres Angebotes korrigieren. "Das wäre ein großes Problem für die Unternehmen", sagte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Jugendbuchverlage, Klaus Wilberg, dieser Zeitung. Für einige Verlage, die ohnehin zu kämpfen hätten, könne es "eng werden". Für eine Neuregelung müßten lange Übergangsfristen vorgesehen sein, während derer sowohl die alte wie auch die neue Schreibweise zulässig seien.

„Das letzte, was wir gebrauchen können“

Sein Stellvertreter Ulrich Störiko-Blume, der gleichzeitig den Vizevorsitz im Verlegerausschuß des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels inne hat, kritisiert: "Das ist das letzte, was wir noch gebrauchen können, nachdem wir aus der Konsumkrise so einigermaßen herausgekrabbelt sind." Die Umstellungskosten würden sich wie eine "Umsatzsteuer von rund 20 Prozent lähmend auf die Branche legen". Der Verband der Schulbuchverlage (jetzt VdS Bildungsmedien e.V.) hatte vor kurzem die Kosten auf 250 Millionen Euro geschätzt.

Die Buchbranche befindet sich in einer angespannten wirtschaftlichen Lage. Im vergangenen Jahr hat sie zum dritten Mal nacheinander sinkende Umsätze verzeichnet. Für dieses Jahr zeigt sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verhalten optimistisch. Die Umsatzrendite liegt bei den meisten Verlagen unter fünf Prozent und damit niedriger als in manch anderem Wirtschaftszweig.

Umstellungskosten von 6000 Euro je Titel

Eine Umstellung der Rechtschreibung werde daher kräftig zu Buche schlagen, heißt es. Der Schulbuchverlag Westermann etwa kalkuliert mit Umstellungskosten von 6000 Euro je Titel. Bei 10.000 Titeln käme man auf eine Summe von 60 Millionen Euro. Selbst wenn dieser Betrag nicht auf einmal anfalle, werde der Verlag dadurch vorübergehend in den Verlust getrieben, sagt Ulrike Jürgens, in der Geschäftsführung von Westermann für die Schulbuchverlage verantwortlich. Angaben zum Umsatz und Gewinn macht der Verlag traditionell nicht.

Auch der Fachverlag Springer Science und Business Media, der sechstgrößte Fachinformationsanbieter der Welt, befürchtet einen "erheblichen Kostenfaktor". Der Verleger des Oldenbourg Schulbuchverlags, Wolfgang Dick, spricht von einer "Katastrophe". "Das würde für uns Kosten von mindestens sieben Millionen Euro bedeuten". Übergangsfristen lehnt er im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen ab. "Solange eine ganze Nation einen Sport darin sieht, Schulen zu verklagen, wenn die Kinder durch Prüfungen fallen, wird sich keiner mit alten Lehrbüchern zufrieden geben."

Kaum noch Abnehmer

Die Kosten entstehen zum einen dadurch, daß Schulbuch- wie auch Kinderbuchverlage voraussichtlich einen Großteil ihres Bestands an Titeln abschreiben müßten. Im Gegensatz zur Belletristik, in der Bücher bunt gemischt in alter oder neuer Schreibweise auf den Markt kommen, fänden sich für diese Titel in alter Orthographie kaum noch Abnehmer, befürchten viele. Ferner müßte die sogenannte Backlist vollständig überarbeitet werden. Mit diesen bestehenden Werken, die normalerweise ohne größeren Aufwand immer wieder nachgedruckt werden, verdienen Verlage das meiste Geld. Hinzu kommen Opportunitätskosten. "Wir wären nur noch mit Korrekturen befaßt statt neue Konzepte voranzutreiben", beklagt Jürgens von Westermann.

Mit einem entsprechenden Umsatzanstieg rechnen die Verlage nicht. Die Schulen steckten in solchen Finanznöten, daß sie sich mit Bestellungen zurückhielten, so der Westermann-Verlag. Dennoch werde erwartet, daß die angebotenene Titel auf neuem Stand seien. Auch die Kinder- und Jugendbuchverlage haben aus Sicht von Störiko-Blume keine Möglichkeit, die Kostenbelastung über die Preise an die Konsumenten weiterzugeben. "Ein Automobilunternehmen kann mehr verlangen, wenn es einen neuen automatischen Fensterheber einbaut. Wir können für ein Buch keinen Cent mehr verlangen."

Relativ gelassen verfolgt dagegen der Duden-Verlag die Debatte. Im Gegensatz zur Diskussion um die Rechtschreibreform vor acht Jahren zeigten sich die Konsumenten nicht verunsichert und kauften eifrig die derzeit gültige Duden-Ausgabe, sagt der Leiter der Duden-Redaktion, Matthias Wermke. Und sollte es tatsächlich zu einer Änderung kommen, kann man sich in Mannheim die Hände reiben. Die 21. Auflage, die 1996 in die Läden kam, war der größte Geschäftserfolg in der Geschichte des Traditionsverlags.

Bei Belletristik nehmen die Kunden ein Durcheinander der Schreibweisen hin. Kinder- und Schulbücher in Reformschreibung würden Makulatur. Gelassen kann die Duden-Redaktion die Debatte verfolgen. Sie kann von Umstellungen nur profitieren.

Quelle: clb. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2004, Nr. 182 / Seite 2
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