10.05.2007 · Eigentlich hat sich der 72-jährige Reinhold Würth schon aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Seine Firma hat sich vom Mittelständler zum weltgrößten Schraubenhändler gemausert. Und Würth expandiert weiter, zum Beispiel nach China. Dorthin reist sogar der Seniorchef persönlich.
Von Henrike RoßbachSo also sieht sie aus, die Werkbank der Welt: Tischreihen, an denen Chinesinnen im einheitsblauen Kittel sitzen. Sie beugen ihre schwarz bezopften Köpfe, wickeln mit fliegenden Fingern Draht um winzig kleine Metallringe. Acht bis zehn Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche. Kein Stuhlbein ragt über die Linie, die auf den grünen Linoleumboden geklebt wurde.
Seit sieben Jahren produziert das amerikanische Elektronikunternehmen Midcom in Shenzhen, einer Millionenmetropole nahe Hongkong, die innerhalb weniger Jahre als Testballon des Kapitalismus aus dem Boden gestampft wurde. Seit Anfang des Jahres gehört die 4200 Mitarbeiter große Midcom zum Imperium des schwäbischen Schraubenkönigs Reinhold Würth. Die Würth Elektronik, eine Tochtergesellschaft der Würth-Gruppe, hat die Firma gekauft – und damit auch zwei Werke in China, eines in Shenzhen, in dem etwa 1700 Chinesen arbeiten und ein weiteres in Fuling mit 2500 Mitarbeitern. Das Werk in Shenzhen sieht sich Reinhold Würth nun persönlich an.
Der Chef fliegt selbst
Eigentlich hat sich der 72 Jahre alte Würth schon länger aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Das Unternehmen führt nun Robert Friedmann, Sprecher der Konzernführung. Würths Tochter Bettina sitzt dem Beirat vor. Doch selbst Friedmann spricht vom „Chef“, wenn er Reinhold Würth meint, diesen Archetyp eines Unternehmers, der ein Firmennetzwerk mit 375 Gesellschaften in 83 Ländern, über 60.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 7,74 Milliarden geschaffen hat. In diesem Streben nach Größe, dieser Konzentration auf Wachstum und Expansion ähnelt das Unternehmen aus Künzelsau dem Riesenreich im Fernen Osten. Auch China ist hungrig, wächst zweistellig, legt ein atemberaubendes Tempo vor.
Der Chef hat sich selbst nach China geflogen, in einem seiner Jets. Das tut er gerne, die Dinge selbst in die Hand nehmen. In der frisch eingekauften Fabrik in Shenzhen, wo er und Friedmann und der Rest der Delegation durch Hallen und Büros geführt werden, schüttelt Würth die Hände der Arbeiterinnen, sagt freundlich „hello“, schaut interessiert durch die Mikroskope der Qualitätssicherung und versucht sich selbst im Drahtwickeln. Für etwa 50 Cent werden die kleinen Übertrager aus dem Werk in Shenzhen am Ende verkauft. Da bleibt wenig Spielraum für hohe Herstellungskosten. Arbeit in China aber ist billig. Deshalb wird die Produktion in möglichst viele einfache Schritte zerlegt, die auch ungelernte Arbeiter schnell begreifen. „Micro-Management“, nennt Oliver Konz, Geschäftsführer von Würth Elektronik Eisos, diese Strategie. Er zeigt auf die Linien am Boden, die markieren, wo die Arbeiter zu sitzen haben. „Man muss Regeln aufstellen, dann kriegt man auch in China Qualität hin.“ Die Frauen, die für Würth in Shenzhen arbeiten, sind um die 20 Jahre alt, Wanderarbeiterinnen aus der Provinz. Sie kommen für einige Jahre hierher. 150 bis 160 Euro verdienen sie im Monat, Unterkunft im Wohnheim und Verpflegung werden gestellt, zum chinesischen Neujahrsfest gibt es ein dreizehntes Gehalt. Nach einigen Jahren kehren die meisten in ihre Heimat zurück.
Würth gründete 1994 die erste chinesische Gesellschaft
Die Würth-Gruppe ist schon lange in China aktiv. Das erste Mal sei er kurz nach der Kulturrevolution hier gewesen, erzählt Würth später am Abend, als die chinesische Version eines Spanferkels – mit pinkfarbenen Blinklichtern anstelle der Augen – serviert wird. Damals wurden die Kapitalisten aus dem Westen noch unfreundlich empfangen, der Einkauf war trotzdem möglich, außerdem seien ziemlich schnell Sonderwirtschaftszonen eingerichtet worden. Trotz der Schwierigkeiten wusste Würth um die Stärke Chinas. „Alleine schon diese Größe, das ist ein riesiger Markt.“
1994 schließlich gründete die Würth-Gruppe ihre erste chinesische Gesellschaft, die Würth Hong Kong. Heute sitzen mit der Midcom 17 Gesellschaften im Reich der Mitte, darunter auch Fertigungsstätten. Alle sind hundertprozentige Tochtergesellschaften, auf Gemeinschaftsunternehmen lässt sich die Würth-Gruppe grundsätzlich nicht ein, nirgendwo auf der Welt. Friedmann hält sich an den alten Investorenwitz: „Wie macht man in China mit einem Jointventure ein kleines Vermögen? Indem man ein großes investiert.“ Die größte der Würth-Stätten in China ist noch im Entstehen begriffen: In der nordchinesischen Millionenstadt Shenyang wird der 30 Millionen Dollar teure Würth Industrie Park entstehen.
Die 5000 Mitarbeiter in China fallen kaum ins Gewicht
Bislang setzt Würth in China nur knapp 47 Millionen Euro mit externen Kunden um – wenig, gemessen am Gesamtumsatz. Und auch die gut 5000 Mitarbeiter in allen chinesischen Gesellschaften fallen nicht sonderlich ins Gewicht. Noch. Denn die Schwaben begreifen China als Markt von morgen. „Wir haben in China mit einer zweistelligen Zahl von unterschiedlichen Betrieben an unterschiedlichen Standorten sozusagen Samen gelegt“, sagt Reinhold Würth. Die Umsatz- und Ertragsentwicklung gehe exponentiell aufwärts. „Ich rechne damit, dass China innerhalb der nächsten zehn Jahre etwa 3 bis 5 Prozent zu unserem weiter wachsenden Konzernumsatz beitragen wird.“ Binnen 25 Jahren rechnet er mit Euro-Milliardenumsätzen. Einen Umsatzanteil von zehn Prozent am gesamten Würth-Geschäft hält er für nicht ausgeschlossen.
Zwei Tage später klingen chinesische Trommeln durch den Zhanjiang High-Tech Park in Schanghai und übertönen den Baulärm im Hintergrund. Ein Pärchen meterlanger Drachen in Gold und Silber mit grellgrünen Augen säumt den Eingang zu einem Stahl- und Glasgebäude, an dessen Fassade das rot-weiße Würth-Emblem prangt. In der Schwüle wird der Champagner in den Gläsern warm. Eine dichte Menschentraube, Asiaten und Europäer, hat sich zwischen den Drachen versammelt. Sie blicken zu den Treppenstufen empor, wo Würth, Friedmann und Knud Clausen, Geschäftsführer der Würth International Trading Schanghai, das neue Verwaltungsgebäude des Zentraleinkaufs für den asiatisch-pazifischen Raum eröffnen, das erste Gebäude in China, dass Würth auch tatsächlich gehört. Drachentänzer treten auf. Die Fabelwesen wirbeln zu den Trommelklängen über den roten Teppich, schütteln ihre massigen Häupter, bäumen sich auf.
„Ich kenne die Würth Gruppe am besten von allen“
„Mein Name ist Reinhold Würth“, stellt der Chef sich vor, als sei sein Name nicht längst auch den chinesischen Mitarbeitern ein Begriff. „Ich arbeite seit 58 Jahren für dieses Unternehmen“, fährt er fort. „Ich glaube, ich kenne die Würth Gruppe am besten von allen. Aber ich hätte mir nicht träumen lassen, eine eigene Einrichtung in der Volksrepublik China eröffnen zu können. Das ist nicht nur die Erfüllung eines Traums, das ist auch ein Wunder.“ Er zeigt auf die Drachen: „Ich hoffe, diese gefährlichen Tiere bedeuten Glück und Erfolg.“ Die Menge lacht. Das gefällt Reinhold Würth. Er tritt gerne vor seine Leute, er genießt trotz aller Bodenständigkeit seine gefeierten Auftritte als Ausnahmeunternehmer. Zum Knallen und Knattern der China-Böller strömen die Gäste ins Innere des Gebäudes. Dort herrschen Glas und Aussicht. Der neue Sitz des regionalen Zentraleinkaufs der Würth-Gruppe wirkt wie aus Zeit und Raum gefallen, er könnte überall auf der Welt stehen. Er steht aber in Schanghai, dieser verrückten Stadt, die sich gefräßig ausdehnt, deren Hochhäuser Tausende verschlucken, die sich so rasch wandelt, dass morgen sehr schnell gestern ist.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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