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Schottland Sorgen in der Ölhauptstadt

29.04.2009 ·  Das Öl aus der Nordsee hat Aberdeen reichgemacht. In der Stadt dreht sich einfach alles ums Öl. Jetzt droht die Rezession auch die schottische Wohlstandsoase zu erreichen.

Von Marcus Theurer, Aberdeen
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Diese Stadt lässt Besucher nicht lange im Zweifel darüber, dass sie in Europas Ölhauptstadt gelandet sind. Wer auf dem Flughafen von Aberdeen am Gepäckförderband wartet, blickt nicht auf Reklametafeln für Schokoriegel und Bier. Stattdessen fremde Namen: Es werben Schlumberger, Petrofac und Seawell, allesamt Dienstleister für die Nordsee-Ölindustrie. Im Airport-Pub sieht man fast keine Frau, Ölarbeiter von den Bohrinseln warten hier auf den Flug in die Heimat. Der Taxifahrer weiß aus dem Gedächtnis, wie hoch am Vorabend der Ölpreis notierte.

In Aberdeen dreht sich einfach alles ums Öl. Hunderte von Unternehmen aus der Branche haben sich seit den ersten Nordsee-Ölfunden vor drei Jahrzehnten in den umliegenden Gewerbegebieten angesiedelt. Das schwarze Gold hat die graue Hafenstadt an der schottischen Ostküste reich gemacht. Auf der Einkaufsmeile Union Street betreibt Hugo Boss ein Geschäft, am Laden des Uhrenhändlers gegenüber prangt das Rolex-Logo. Es gibt kaum eine Gegend in Großbritannien, in der die Arbeitslosigkeit niedriger ist als in der rauhen Wohlstandsoase hoch oben im Norden der Britischen Insel.

Ölpreis von 150 auf 50 Dollar je Fass gefallen

Simon Ashby-Rudd hat schlechte Nachrichten für Aberdeen. Der Investmentbanker vom Ölmarkt-Spezialisten Tristone Capital steht im Konferenzzentrum der Stadt vor seinen Zuhörern aus der Ölindustrie und legt lauter Diagramme auf, die eines gemeinsam haben: Die Kurven fallen. Der Ölpreis? Seit dem letzten Sommer von fast 150 Dollar auf rund 50 Dollar je Fass eingebrochen. Der Börsenwert der Nordsee-Ölfirmen? Seit dem letzten Frühjahr um 75 Prozent gesunken. Die Kapitalbeschaffung der Unternehmen am Finanzmarkt? Im vierten Quartal 2008 fast ausgetrocknet. „Wenn der Ölpreis sich weiter zwischen 40 und 50 Dollar bewegt, wird es eine grundlegende Neuordnung der britischen Ölindustrie geben“, sagt Ashby-Rudd. Anfang des Jahres meldete bereits Oilexco, einer der wichtigsten Investoren im Nordsee-Ölgeschäft, Insolvenz an.

In die Ölhauptstadt mit ihren 200 000 Einwohnern hat sich die Angst eingeschlichen. Malcom Webb, der Geschäftsführer des Branchenverbands Oil & Gas UK sieht „50 000 gutbezahlte Jobs in Gefahr“. Erinnerungen werden wach an die schwere Krise, Mitte der achtziger Jahre, als der Ölpreis bis auf 10 Dollar gefallen war und Zehntausende Arbeitsplätze gestrichen wurden. So niedrig wie damals notiert das Lebenselexier von Aberdeen heute lange nicht. Aber die weltweite Nachfrage ist 2008 wegen der Rezession erstmals seit mehr als einem Vierteljahrhundert gefallen. Vor allem jedoch hat die Hausse an den Rohstoffmärkten bis zum vergangenen Sommer in der Ölindustrie eine gewaltige Investitionsblase aufgepumpt, aus der nun nach dem Kollaps des Ölpreises die Luft entweicht.

Zenit überschritten

Wie Goldschürfer haben zahlreiche neue Firmen ihr Glück in der Nordsee gesucht. Das Geschäft der Dienstleister in Aberdeen florierte. Die Tagesmieten für Ölplattformen sind heute fast siebenmal so hoch wie noch vor zehn Jahren. Die Zahl der Beschäftigten in der britischen Ölindustrie ist seit 2004 um 30 Prozent gestiegen. Gefragte Fachleute wie etwa Bohringenieure verdienen bis zu 800 Pfund (900 Euro) am Tag.

Aber die Ölförderung in der Nordsee hat ihren Zenit überschritten. Die großen Ölkonzerne wie BP und Shell sind auf dem Rückzug aus der Region. Getragen wird die britische Ölindustrie immer stärker von kleinen Unternehmen. Sie heißen Tullow, Valiant oder Dana, und anders als die reichen Ölriesen sind viele von ihnen in der Finanzierung von den Kapitalmärkten abhängig. Jetzt müssen sie mit der Ölpreis-Baisse und dem Finanzchrash gleichzeitig fertig werden.

Das sei das Gefährliche an der heutigen Situation, sagt Jim Hannon vom Beratungsunternehmen Hannon Westwood.

Schottische Ölindustrie ist ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor

Wer nach Öl bohrt, braucht einen langen Atem. Es vergehen Jahre bis zur Förderung. Doch mit dem Ölpreis sind auch die Gewinnchancen gefallen, und zugleich ist der desolate Finanzmarkt immer weniger in der Lage, die Durststrecke zu finanzieren. Die Royal Bank of Scotland (RBS) zum Beispiel war bisher einer der großen Geldgeber für die Branche. Jetzt kämpft der Finanzriese selbst ums Überleben. 175 Ölfirmen seien in der Nordsee aktiv, doppelt so viele wie noch vor fünf Jahren, sagt der Experte Jim Hannon. Und jede von ihnen hat das Geschäft der vielen Dienstleister in Aberdeen angekurbelt. „Aber hundert dieser Unternehmen haben noch keine Produktion und keinen Cashflow. Das ist nicht durchhaltbar“, befürchtet Hannon.

Die schottische Ölindustrie ist für Großbritannien ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor. Die Branche beschäftigt fast eine halbe Million Menschen, die meisten davon bei Dienstleistern, an welche die Ölgesellschaften große Teile der Arbeit delegieren. 2008 war die Ölindustrie mit 6,2 Milliarden Pfund (rund 6,8 Milliarden Euro) der größte industrielle Investor in Großbritannien und steuerte mit rund 13 Milliarden Pfund ein Drittel des gesamten Unternehmenssteueraufkommens bei.

Jetzt ist die Party vorbei. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte ist die Zahl der Explorations-bohrungen im britischen Teil der Nordsee im ersten Quartal im Vorjahresvergleich um fast 80 Prozent zurückgegangen. Der Branchenverband Oil & Gas UK befürchtet, dass sich bis 2010 die Gesamtinvestitionen halbieren könnten. Die Branche hat in den vergangenen Monaten mächtig auf den Putz gehauen, um dem klammen britischen Finanzminister Alistair Darling, Steuererleichterungen abzuringen.

„Großbritannien ist einer der teuersten Plätze auf der Welt, um Öl zu fördern“, klagt Carl Thompson, Finanzmanager beim Dienstleister Petrofac. Das Land hat in den Zeiten der steigenden Ölpreise eine Sondersteuer von 20 Prozent eingeführt. Die Hälfte der Unternehmensgewinne in der britischen Ölindustrie kassiert seither der Staat. Und der braucht das Geld dringender denn je. Darlings in der vergangenen Woche vorgelegter neuer Haushaltsplan sieht die höchste Neuverschuldung seit dem Zweiten Weltkrieg vor. Dennoch hat der Finanzminister der Ölindustrie einen Steuernachlass für Investitionen in kleine und schwer erschließbare Ölfelder zugesagt. Die Sorgen in Aberdeen dämpft er damit kaum. „Diese Erleichterungen sind zu gering, als dass sie großen Einfluss auf die Investitionen haben werden“, sagt die Sprecherin von Oil & Gas UK.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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