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Schlechte Nachrichten für Ulm Nokia reißt eine Lücke

 ·  In Ulm häufen sich die schlechten Nachrichten: Zuerst hat Daimler für die lahmende Bussparte Personalabbau angekündigt, dann beschloss der Lastwagenbauer Iveco, die Produktion schwerer Lastwagen nach Madrid zu verlagern. Jetzt auch noch Nokia. Reportage aus einer gebeutelten Stadt.

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Jerome ist einer vom Typ Weltretter: jung, mobil, Ingenieur. Fehleranalyse ist sein Spezialgebiet. An diesem Freitagmorgen fehlen ihm die richtigen Worte für eine Analyse. „Crazy“ sagt der 34 Jahre alte Philippiner, und schüttelt den Kopf über seine Situation. Fünf Jahre hat er in Österreich gearbeitet, vor zwei Wochen hat er bei Nokia in Ulm angefangen, jetzt ist das Ende schon wieder abzusehen. „Exciting challenges“ habe er erwartet, großartige Aufgaben - aber nicht die, sich schlagartig eine neue Arbeit suchen zu müssen, weil der Handykonzern seine Entwicklungsabteilung mit 730 Mitarbeitern bis Ende September schließen will.

Befürchtet habe man so was schon, sagt ein 50 Jahre alter Softwareprogrammierer, man kenne ja die wirtschaftlichen Nöte von Nokia: „Aber nicht so schnell.“ Immerhin: Von den bisherigen Nokia-Krisen hat Ulm bisher immer profitiert, die Entwicklung ist eher verstärkt worden. Sein Kollege, 53 Jahre alt, war bisher noch optimistischer: „Vor kurzem sind ja erst noch Büro-Container für die Erweiterung aufgestellt worden“, wirft er ein. Zeichen zu deuten haben die beiden Programmierer wohl gelernt in den vergangenen zwei Jahrzehnten, denn Eigentümerwechsel sind sie gewohnt. Was heute Nokia heißt, geht auf einen Entwicklungsstandort von AEG zurück und hatte auch schon Matra und Daimler als Eigentümer.

Erst seit 1998 werden hier Nokia-Handys entwickelt, unter anderem auch das Modell 6310i mit seiner geradezu legendären Akkulaufzeit. „Wir sind stolz auf das, was hier entwickelt wurde“, sagt ein Ingenieur, ebenfalls um die 50 Jahre alt, der als Projektleiter für einzelne Produkte vom Entwicklungsstart bis zur Markteinführung verantwortlich ist: „Der Standort hat sehr viele erfolgreiche Projekte hervorgebracht. Insofern ist die Schließung doch überraschend.“

Die Rechnung geht nicht mehr auf

Das ist es auch, was Ivo Gönner beschäftigt: Dass die Rechnung „Entwicklungsarbeitsplätze sichern Standorte“ nicht mehr aufgeht. „Wir müssen damit rechnen, dass mit Arbeitsplätzen wie mit Spielbällen jongliert wird, auch in diesem Bereich“, sagt der Oberbürgermeister Ulms. „Geduld scheinen die Unternehmen nicht mehr zu haben, obwohl die doch nötig ist für Forschung.“ Gönner hat nicht nur die von der Schließung betroffenen 730 Mitarbeiter vor Augen, sondern auch Praktikanten oder Diplomanden, denen nun eine Anlaufstelle fehlt. Nokia reißt eine Lücke in das Netz, das zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in Ulm in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer dichter geknüpft wurde. Allerdings weiß Gönner auch, dass gerade unter den Hightech-Firmen in der Wissensstadt das Auf und Ab immer besonders heftig war. „Da wird gegründet und gekauft und fusioniert und geschlossen, da sind wir nicht mehr besonders zu erschüttern.“

Allerdings häufen sich die schlechten Nachrichten in der 120000-Einwohner-Stadt. Zuerst hat Daimler für die lahmende Bussparte Personalabbau angekündigt, dann beschloss der Lastwagenbauer Iveco, die Produktion schwerer Lastwagen nach Madrid zu verlagern und 670 der 2000 Stellen zu streichen. „Ein Granatenmist“, schimpft Gönner, der seit 20 Jahren Oberbürgermeister ist und seither den Niedergang der einst so stolzen Marke Magirus Deutz mitansehen muss: „Madrid! Der dortige Markt wird in den nächsten fünf Jahren nicht wieder in Gang kommen. Und wenn Iveco das einzige Werk nördlich der Alpen schließt, wird das hier auch keine neuen Marktanteile bringen“, analysiert er.

Um Ulm herum

Auch um Ulm herum gibt es einige Sorgenkinder. Centrotherm aus Blaubeuren, ein bodenständiger Mittelständler, der die Solarindustrie mit den anerkannt besten Maschinen ausstattet, leidet unter der Branchenkrise und hat jetzt auch noch Finanzierungsprobleme. Hunderte von Arbeitsplätzen sind schon gestrichen, weitere in Gefahr. Der insolvente Drogeriefilialist Schlecker hat seine Zentrale in Ehingen südlich von Ulm, mit hunderten von Mitarbeitern in Verwaltung und Logistik, die nun alle plötzlich eine neue Stelle suchen.

„Es ist klar, dass auch ein gut aufgestellter Arbeitsmarkt Entlassungen in dieser Größenordnung nicht schlagartig kompensieren kann“, sagt Peter Rasmussen, Leiter der Arbeitsagentur in Ulm. Hinter der Formulierung „gut aufgestellt“ verbergen sich gleich zwei positive Nachrichten. Mit 3,4 Prozent Arbeitslosen gehört die Region Ulm bundesweit zur Spitze, was die Arbeitslosigkeit angeht. Kein Vergleich zu den 12,2 Prozent Arbeitslosenquote, die Bochum hatte, als Nokia vor vier Jahren dort den Rückzug ankündigte und den Abbau von 2300 Stellen. Und: Ein Strukturproblem hat Ulm nicht. Zwar ist die Metall- und Elektroindustrie immer noch sehr wichtig. Aber auch Pharmafirmen wie Rentschler und Ratiopharm zählen zu den großen Arbeitgebern. Oder, allen voran, wissenschaftliche Institute und die Universität.

Einen heilsamen Schock hat Ulm nämlich schon Anfang der 80-er Jahre erlitten. Damals hatte die Stadt noch die dritthöchste Industriedichte in ganz Deutschland. Innerhalb weniger Jahre aber verschwand ein Fünftel aller Arbeitsplätze. Spektakulärster Fall war die Schließung des einstigen Telefunken-Fernsehröhrenwerks nach der Übernahme durch Thomson-Brandt. 1700 Mitarbeiter wurden entlassen. Ulm entwickelte dann die Idee für eine Wissenschaftsstadt. Aus dem Nebeneinander von Universität und Fachhochschule, Bundeswehrkrankenhaus und Reha-Zentrum, industriellen Forschungseinrichtungen und Technologie- und Gründerzentren sowie Science-Parks sollte ein fruchtbares Miteinander werden. Heute ist die Wissenschaftsstadt voller Chancen für Ingenieure oder Techniker, ständig werden dem Arbeitsamt neue Stellen gemeldet.

„Software ist Software“, sagt einer der Nokia-Programmierer ganz zuversichtlich. „Ob man damit Kaffeemaschinen steuert oder Handys, ist eigentlich egal.“ Auch eine Projektmanagerin gibt sich optimistisch: „Ich bin Quereinsteigerin. Ich habe schon viele Neueinstiege geschafft.“ Für Mitarbeiter, die 25 Jahre den gleichen Arbeitsplatz hatten, werde die Sache vielleicht schwieriger, mutmaßt sie: weil die Bereitschaft oder die Fähigkeit fehlen könnte, sich auf etwas ganz Neues einzulassen. Und noch ein anderes Problem sieht sie auf die noch völlig verdutzten Kollegen zukommen: „Wir sind alle hochbezahlt.“ Mancher Mittelständler hätte vielleicht den passenden Job, aber keine vergleichbare Bezahlung. „Das ist für manche nicht unbedingt materiell ein Problem, aber mental.

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Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

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