Öffentlichkeitsarbeit fällt Geheimdiensten schwer - von Natur aus. Das gilt auch für die Proteste der Untergebenen gegen ihre Vorgesetzten. Wer im Verborgenen arbeitet, hat nicht das Recht auf die gleiche Außenwirkung wie andere Berufsstände. Das sollte man jedenfalls meinen.
In Frankreich aber, dem selbst ernannten Land der Gleichheit, ist vieles anders. Dort soll jeder protestieren dürfen, und jeder soll es merken: Rund hundert Geheimdienst-Mitarbeiter des Hauptquartiers im Pariser Vorort Levallois-Perret haben am Freitagvormittag ihre Arbeit für rund eine Stunde eingestellt, um sich in der Eingangshalle zu einer Protestveranstaltung zu versammeln. Die Gewerkschaft der Polizei-Offiziere (Snop) hatte zuvor Flugblätter verteilt und sich offen an die Medien gewandt. Offiziell handelte es sich nicht um einen Streik, denn der ist den zur Polizei gehörenden Geheimdienstlern verboten. Eine einmalige Aktion in der langen Geschichte der Inlandsspione war es aber doch.
Hintergrund sind die internen Spannungen in der Direction centrale du renseignement intérieur (DCRI) über Beförderungen und geplante Strukturreformen. Die sogenannten Offiziere, die große Mehrheit der Geheimdienst-Mitarbeiter, sind erzürnt darüber, dass etliche junge Absolventen der Eliteschulen an ihnen vorbei auf verantwortliche Positionen von Kommissaren gehoben wurden. Die jüngste Ernennung einer jungen Frau zur Nummer drei einer Abteilung brachte das Fass zum Überlaufen. „Sie hat keinerlei Erfahrung im Geheimdienst“, schimpfte der Snop-Generalsekretär Jean-Marc Bailleul in einem Radio-Interview. „Sie hat Sciences Po absolviert, doch das hat Anne Roumanoff auch.“
Damit spielte der Gewerkschafter nicht nur auf die Pariser Elite-Universität an, sondern auch auf eine bekannte französische Kabarettistin. Humoristisch ist es den Offizieren freilich nicht zumute. Vielmehr fechten sie nun einen Kleinkrieg gegen die vorgesetzten Kommissare aus. Die Gegenreaktion ließ nicht lange auf sich warten: „Das ist ein Skandal“, erboste sich die Generalsekretärin der Gewerkschaft der Kommissare, Sylvie Feucher. „Seit wann protestieren die Beamten gegen die Ernennung ihrer Vorgesetzten?“ Die Regierung hatte eigentlich vorgehabt, die Beamtencorps der Kommissare und der Offiziere zusammenzulegen. Dafür scheint das Betriebsklima aber nicht geeignet. Die Kommissare wehren sich gegen die Fusion, weil sie den Verlust von Privilegien befürchten, sagt ein Snop-Sprecher. Dabei könnten damit Stellen abgebaut und Abläufe vereinfacht werden. Doch in Zeiten des Wahlkampfs fasst die Regierung das heiße Eisen nicht an.
Die DCRI ist für den „Kampf gegen alle fundamentalen Bedrohungen der Interessen der Nation“ zuständig, darunter Terrorismus, aber auch die Spionage „feindlicher Länder“, wie es auf der Internetseite der Organisation heißt. Ob Frankreich an diesem Freitag weniger sicher war als sonst, ist nicht bekannt.