23.05.2005 · Kurz vor dem französischen EU-Referendum feiern zwei Bahngesellschaften Europa mit einer Absichtserklärung: Deutsche und Franzosen wollen von 2007 an gemeinsam Hochgeschwindigkeitszüge betreiben. Paris rückt näher.
Die deutsch-französische Zusammenarbeit soll auch im Schienenverkehr an Fahrt gewinnen. Von 2007 an wollen die Deutsche Bahn und die französische SNCF mit einer gemeinsamen Tochterfirma grenzüberschreitende Hochgeschwindigkeitszüge betreiben. Eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichneten Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und sein französischer Kollege Louis Gallois am Montag in Straßburg in Anwesenheit von Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) und Frankreichs Verkehrsminister Gilles de Robien.
Die Fahrtzeit von Paris nach Frankfurt und Stuttgart soll von derzeit gut sechs Stunden auf unter vier Stunden verkürzt werden. Die Nordroute mit täglich fünf Verbindungen führt von Frankfurt am Main nach Paris über Mannheim, Kaiserslautern und Saarbrücken. Auf der Südroute sollen die Züge täglich vier Mal von Stuttgart nach Paris fahren. Sie halten in Karlsruhe und Straßburg.
Etliche Unsicherheiten
Das ganze Projekt ist vor allem bei seiner Terminplanung noch mit etlichen Unsicherheiten verbunden. Auf französischer Seite sind etwa die Arbeiten für das Legen der Gleise schon weit fortgeschritten; bis Ende 2006 sollen sie abgeschlossen sein. Doch in Deutschland liegt man weiter zurück, unter anderem weil die Deutsche Bahn und die Schienenweggesellschaft DB Netz die Finanzierung durch den Bund nur mit großen Mühen sicherstellen können. Auch ist das europäische Leit- und Sicherungssystem ETCS für die Züge noch nicht genehmigt worden, weder vom Eisenbahnbundesamt noch von der entsprechenden französischen Behörde. Daher ist nicht klar, mit welcher Geschwindigkeit die Züge auf deutscher Seite fahren können. Nicht zuletzt haben weder der TGV noch der ICE bisher die erforderliche Zulassung, um im anderen Land zu fahren.
Neue Rheinbrücke geplant
In Deutschland werden die Arbeiten mit dem 2007 geplanten Anschluß des ICE-Netzes an das französische TGV-Netz noch nicht abgeschlossen sein. Mehdorn versprach am Montag den Bau einer zweiten Eisenbahnbrücke über den Rhein zwischen Straßburg und dem badischen Kehl sowie die Anbindung in Appenweier an die ICE-Strecke Basel-Karlsruhe für die Jahre 2008 bis 2009.
Der Ausbau der ersten Phase der Schnellstrecke Paris-Straßburg bis Beaudrecourt (Lothringen) werde 2007 fertig sein. „Wir wollen dafür sorgen, daß der Bau der zweiten Phase bis Straßburg ein Jahr früher als bisher geplant bereits 2008 beginnt“, sagte de Robien.
Knapp vor Frankreichs EU-Referendum
Stolpe bezeichnete das Abkommen als „konkreten Schritt für das Zusammenwachsen Europas“. Knapp eine Woche vor dem Referendum zur EU-Verfassung in Frankreich sagte er: „Damit machen wir für jeden Europäer die Vorteile der europäischen Harmonisierung erkennbar.“ Der Streckenabschnitt ist ein Teil der so genannten Magistrale für Europa, einer West-Ost-Achse von Paris über München und Wien nach Budapest, und wird von der Europäischen Union mitfinanziert.
Deutsche Bahn und SNCF erwarten, daß die Passagierzahlen auf den Strecken Paris-Frankfurt und Paris-Stuttgart spätestens 2010 auf zusammen 1,5 Millionen verdoppelt werden können. Damit erziele die gemeinsame Tochterfirma mit Sitz in Saarbrücken 100 Millionen Euro Umsatz. Die Gründung des Joint-Ventures ist zum 1. Januar 2006 geplant.
Gleichzeitig vereinbarten die Deutsche Bahn und die SNCF in Straßburg, auch die Zusammenarbeit im Güterverkehr auszubauen. Mit dem Fahrplanwechsel im Juni kann der Güterverkehr damit alle Eisenbahn-Grenzübergänge zwischen Deutschland und Frankreich durchgängig und ohne Verzögerung befahren.
Der französische Verkehrsminister übt sich schon einmal in Optimismus. De Robien sieht das zu gründende Gemeinschaftsunternehmen in der Tradition der Gesellschaften Eurostar und Thalys, die SNCF mit internationalen Partnern betreibt.
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