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Schienenverkehr Eurotunnel und die „französische Revolution“

08.04.2004 ·  Es war eine ganz legale Revolution. Das Aktionärsvolk ließ die Köpfe der Führer rollen und kündigte eine radikale Wende in der Unternehmenspolitik an. Der neue Eurotunnel-Chef Jacques Maillot genießt einen ambivalenten Ruf.

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Es war eine ganz legale Revolution. Das Aktionärsvolk ließ die Köpfe der Führer rollen und kündigte eine radikale Wende in der Politik an. Nichts soll bei Eurotunnel bleiben, wie es war: weder das Verhältnis zu den Gläubigern noch die finanzielle Unabhängigkeit vom Staat, weder die Preispolitik noch die industriellen Partnerschaften.

Die Entscheidung war ganz im Sinne der Aktionärsdemokratie, die jeder Aktie eine Stimme einräumt. Dennoch war sie eine Revolution, denn bisher galt als unumstößlich, daß der Kleinaktionär bei Großkonzernen zwar Mitbesitzer ist, aber nichts zu sagen hat. Ein Eingreifen muß das Management nur von Seiten der „institutionellen Investoren“ fürchten, also der Trusts, Banken und Fondsgesellschaften. Die Begehr der Kleinaktionäre war so unerhört, daß sie ihr Recht auf eine außerordentliche Hauptversammlung zum Sturz des Managements erst vor Gericht erstreiten mußten.

Schuld hat die „Eiserne Lady“

Dabei sind sich altes Eurotunnel-Management und Rebellen in der Analyse sogar einig: Schuld hat alleine die Eiserne Lady. „Keinen Penny“ wollte die britische Premierministerin 1986 beim Abschluß des Eurotunnel-Vertrages mit Frankreich für das Jahrhundertbauwerk bezahlen. An dieser strikten Haltung will London - aber auch Paris - nichts ändern. Jetzt wird, wie der Londoner „Guardian“ schreibt, „die thatcheristische Schimäre privat finanzierter Infrastruktur von einem anderen Thatcher-Dogma auf die Hörner genommen: der Aktionärsmacht“.

Wenn die beiden Staaten den für die Ewigkeit ausgelegten Tunnel zumindest wesentlich mitfinanziert hätten, so wie sie Straßen, Flughäfen, Häfen und Schienen bauen, dann wäre die private Firma Eurotunnel rentabel. Doch die neun Milliarden Euro Altschulden aus dem Tunnelbau erdrücken das Unternehmen. Hier hat die alte Führung um den Briten Richard Shirrefs nach Meinung der Rebellen auch den entscheidenden Fehler gemacht, als sie Umschuldungsverhandlungen ausgerechnet einem Bankier anvertrauten.

Staat ins Boot - Schuldenfrage lösen

Der frischgekürte Eurotunnel-Chef Jacques Maillot will nun mit Tatkraft und Energie die Schuldenfrage lösen, den Staat ins Boot holen und die Partnerverträge ändern. Der frühere Chef der Reisebürokette Nouvelles Frontières hat einen guten Ruf und wertvolle Verbindungen unter anderem zur französischen Bahn. Eher zweifelhaft ist dagegen der Ruf des Führers der Aktionärsrebellen, Nicolas Miguet. Der schillernde Selbstdarsteller, der schnelle Autos liebt und einst mit politisch rechten Sprüchen für Schlagzeilen sorgte, durfte als Bankrotteur von 1997 bis 2002 kein Unternehmen leiten.

Miguet war es gelungen, die Frustration von Hunderttausenden zumeist französischen Aktienbesitzern zu kanalisieren, die bei Eröffnung des Tunnels vor zehn Jahren den Gesängen über eine „sichere Geldanlage“ geglaubt hatten. Sie haben damals zum Teil ihre Lebensersparnisse in Aktien des Tunnels angelegt. Das Papier wurde am 10. Dezember 1987 für 2,83 Euro an der Börse eingeführt und erreichte seinen Höhepunkt 1989 mit 13,95 Euro. Heute ist die Aktie ein fast wertloser „Pennystock“.

Londoner Analysten sprachlos über „französische Revolution“

Die Analysten der Londoner City blicken sprachlos auf diese „französische Revolution der Kleinaktionäre“. Eine neue Führung werde nichts an den Schuldenproblemen des Tunnels ändern, heißt es. Für die coolen Briten sind die französischen Protestler „blind“ und „emotional“. Eurotunnel werde Konkurs anmelden und ab 2006 in den Besitz der Banken übergehen, so ihre nüchterne Analyse.

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