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Risikoabsicherung

Schiefergas in Amerika Das Fracking-Wunder bleibt aus

Öl aus Schiefergestein sollte Amerika einen Vorsprung gegenüber Europa verschaffen. Die Hoffnungen waren deutlich überzogen, zeigt sich jetzt.

© AFP Vergrößern Fracking in den Vereinigten Staaten: Während die Menschen hart arbeiten, wird kaum noch neues Geld investiert

In Europa herrschte helle Aufregung: Die Exporte für Güter mit hohem Energieaufwand werden um ein Drittel einbrechen, prophezeite die Internationale Energieagentur (IEA). Durch die Fracking-Technologie sollten die Vereinigten Staaten einen immensen Vorteil haben, da sie günstiger an Energie kommen als anderswo. Durch Fracking würden die Preise für Energie laut IEA für amerikanische Unternehmen sinken und Europa eine Abwanderungswelle der energieintensiven Industrie erleben. Bisher ist von all dem noch nichts eingetreten. Und wie es ausschaut, wird es so auch nicht kommen. Denn es mehren sich die Anzeichen dafür, dass der Fracking-Boom hemmungslos überschätzt und künstlich hochgerechnet wurde und wird.

Grundsätzlich geht es beim Fracking darum, Gesteinsschichen anzubohren und mit einer speziellen Chemikalienmischung Öl und Gas herauszupressen. Es sind aber nur wenige Gesteinsschichten wie etwa Schiefer dafür geeignet. In den Vereinigten Staaten finden sich die meisten in dem Bundesstaat Nord-Dakota. Dieser ist mittlerweile selbst in der Nacht taghell erleuchtet, da überschüssiges Öl und Gas an Tausenden Fracking-Orten verbrannt werden. In nackten Zahlen ist die Erdgasförderung in den Vereinigten Staaten um 30 Prozent gestiegen, die von Öl sogar um 50 Prozent. Doch der Öl-Spuk könnte so schnell wieder vorbei sein, wie er angefangen hat.

Opfer des eigenen Erfolgs

Für Aufsehen sorgte besonders eine Studie der amerikanischen Ökonomin Deborah Rogers. Auf 30 Seiten legt sie dar, wie Unternehmen offenbar systematisch die Vorkommen künstlich hochgerechnet haben. Einige könnten ihre Schiefergasvorräte um bis zu 500 Prozent hochgerechnet haben. Sie haben auch gute Gründe dafür: Je mehr Gas in einer Schieferformation vermutet wird, umso mehr Investoren werden angezogen. Außerdem können die Felder dann auch weitaus teurer verkauft werden.

Infografik / Ölpreis im Sinkflug © F.A.Z. Vergrößern

Durch diese Taschenspielertricks könnte das Fracking-Wunder Opfer seines Erfolgs werden. Denn durch die immer stärkere Förderung ist der Preis für Öl der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stark gefallen. Aktuell kostet ein Barrel (159 Liter) rund 92,80 Dollar. Noch im Sommer vergangenen Jahres waren es 20 Dollar mehr. Mit einer aktuellen Preisdifferenz zwischen der Nordseesorte Brent und WTI von knapp 13 Dollar ist dieser Spread auch auf einem so hohen Niveau wie lange nicht mehr. Das Öl kann aus dem Mittleren Westen nicht zu den Häfen transportiert werden. Die Folge: Im Inneren des Landes gibt es ein Überangebot, der Preis sinkt. Damit werden neue Investitionen unrentabler. Es kommt zu weniger Beteiligungen und damit auch zu weniger Projekten.

Große Investitionen, keine Gewinne

Konkret wurden im vergangenen Jahr nur 3,4 Milliarden Dollar in Beteiligungen an Fracking-Gebieten gesteckt. 2012 waren es noch knapp 7 Milliarden Dollar, 2011 sogar rund 35 Milliarden Dollar. Aber es kommt noch härter für die Fracking-Industrie: Eine Studie von S&P Capital IQ kommt zu dem Schluss, dass die 80 größten Energieunternehmen seit 2040 sogar mehr investierten, als wieder in die Kassen gespült wurde – ein Minusgeschäft also. Im vergangenen Jahr waren daher für viele Unternehmen eine Reihe an Abschreibungen fällig – verursacht durch die sinkenden Energiepreise und enttäuschenden Förderraten, wie die Finanzagentur Bloomberg feststellte.

Zugeben wollen das aus der Industrie nicht viele, immerhin möchten sie ihren Goldesel nicht vorzeitig schlachten. Peter Vose, Konzernchef von Royal Dutch Shell, war einer der wenigen, die im vergangenen Jahr eine ehrliche Einschätzung abgaben: Gegenüber Reuters sagte er, dass „die Sache ganz klar nicht so erfolgreich war, wie wir gedacht haben“. In der Folge musste der Konzern etwa 2 Milliarden Dollar abschreiben und senkte seine mittelfristigen Gewinnerwartungen.

Der Boom wird nicht lange anhalten

Aber nicht nur an der Investitionsseite gibt es offenbar Probleme, auch die Schiefergestein-Formationen selbst scheinen nicht so ergiebig zu sein, wie manche vermuteten. David Hughes, ein kanadischer Geologe, analysierte im vergangenen Jahr alle öffentlich verfügbaren Daten zu den Fracks in den Vereinigten Staaten. Sein Ergebnis beunruhigte die Investoren offensichtlich noch mehr: Die Fördermenge für Gas wird deutlich schneller abnehmen als bisher gedacht.

Selbst die Internationale Energieagentur, die viele Prognosen der Unternehmen und des Staates ungeprüft übernommen hat, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Auf den hinteren Seiten findet sich bereits ein Rückgang der Ölförderung in Fracking-Feldern wieder. Der Boom von Schiefergas und Ölsanden werde nicht über die 2020er Jahre hinaus anhalten, heißt es dort auch. Dass die Fracking-Technologie also in bereits zehn Jahren wieder an Bedeutung verliert, ist fast unstrittig.

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Daneben werden auch immer wieder Umweltbedenken vorgebracht. So könnte das Grundwasser sowohl mit den Chemikalien verseucht werden als auch durch das Schiefergas, welches in neue Schichten vordringt. Im Internet kursieren Videos, die zeigen, wie brennbares Gas aus Wasserhähnen kommt. Inwiefern diese echt sind, lässt sich nicht verifizieren.

Quelle: F.A.Z.

 
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