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Savile Row Die Anzugmacher

25.01.2012 ·  In der Londoner Savile Row wurde Stilgeschichte geschrieben: Seit Generationen bestellen sich Männer von Welt dort den Anzug, von Hand auf Maß geschneidert.

Von Stephan Finsterbusch, London
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© Stephan Finsterbusch London, Savile Row, Schneiderwerkstatt in Hausnummer 13: Hier wurde vor hundert Jahren der Anzug-Stil der Moderne entworfen, geschneidert und genäht.

Der Schnitt muss sitzen - passgenau und stilvollendet, der Rest ist Handwerk. Brian Pusey zelebriert seine Kunst seit fast fünfzig Jahren. Er schneidert alles, was gut aussieht: Jacken, Hosen, Hemden und auch Westen, Ein- und Zweireiher, Zwei- und Dreiteiler, Smokings, Fracks oder Tuxedos. Ein Anzug aus seiner Hand kostet drei- bis viertausend Pfund; Sonderwünsche extra; gemacht wird alles, was gefragt ist, solange es fein, dezent und vornehm bleibt. Maßarbeit in Perfektion. Alte englische Schule. Pusey ist ein Meister seines Fachs.

London, Mayfair, Savile Row. Ein alter Backsteinbau, Hausnummer 13: Hier wurde Stilgeschichte geschrieben, eine Moderevolution entworfen und um die Welt geschickt. Für den Schanghaier Schnittmeister Bi Chang-guo ist die Straße im fernen England das, was für die Banker der Finanzdistrikt der City ist; für den marokkanischen Schneider Ait El Cadi Abdallah ist sie das Mekka des guten Stils, für Brian Pusey ist sie der Arbeitsplatz.

Eine steile schwarze Eisentreppe führt ins Kellergeschoss, eine Glocke an der Tür, dahinter liegt das Atelier. Arbeit unter Tage. Zwei Räume, hinten die Werkstatt, vorn die Anprobe, dazwischen der Schneidertisch; hinten sitzt eine Handvoll Näher, vorn warten zwei Kunden. Neonlicht und Bügeldampf, es riecht nach steifem Leinen und frisch gebrühtem Tee. Pusey greift sich ein Jackett. Er prüft Futter, Saum und das Revers, dann ruft er Claire. Der Meister und seine Schülerin. Claire Davison steht in der Tür. Sie ist Ende zwanzig, er Mitte sechzig; sie steht am Anfang, er am Ende der Karriere; sie weiß, was sie will, er will es noch mal wissen.

Nachdem er sich ein halbes Jahrhundert lang in verschiedenen Schneiderhäusern der Straße die Karriereleiter Sprosse für Sprosse hochgearbeitet hatte, vom Boten zum Plätter, vom Trimmer bis zum Näher und Cutter, arbeitet er heute auf eigene Rechnung. Vor drei Jahren schloss er sich Ray Stowers und Brian Jeffrey an. Zwei Kollegen aus den Jahren bei Gieves & Hawkes, dem ersten Haus am Platz, der alten Edelschneiderei aus Nummer 1. Chinesen hatten dort erst ihre Anzüge und dann den ganzen Laden gekauft. Stowers, Jeffrey und Pusey gingen.

Sie erwarben weiter hinten in der Straße das Geschäft des alten James Levett, samt Marke, Werkstatt und Kundenbuch. Dort stehen Namen wie der Sultan von Brunei, der König von Jordanien oder Michail Gorbatschow. „Wir machen 200 Anzüge im Jahr“, sagt Stowers. Eine gute Adresse auf der alten Schneidermeile. In der Gasse zwischen Regent, Bond und Oxford Street werden Anzüge noch so gemacht wie zu Zeiten Queen Victorias: Auf Maß und von Hand. Eine Straße, ein Dutzend Schneider und eine Tradition.

Hier kauft man nicht nur einen Anzug, sagt Stowers, hier bestellt man einen. Hier wird beraten, vermessen und geschneidert, genäht, probiert und korrigiert, bis alles passt und sitzt. Qualität großväterlicher Gute. „Die hat ihren Preis“, meint Peter Hall vom Schneiderhaus Anderson&Sheppard. Doch Geld sei hier kein Thema, meint Charlie Harrison, Sprecher der Innung. Mark Henderson, der alte Chef von Gieves&Hawkes, hatte den Jahresabsatz der Läden auf der Straße auf 7000 Anzüge und den Erlös auf 21 Millionen Pfund geschätzt. Kleine Zahlen in einer großen Industrie. Doch Größe allein sagt gar nichts.

Auf der Row lassen sich seit Generationen Männer von Welt und manchmal auch Frauen einkleiden: Lords und Royals, Adel und Gentry, Rock-, Pop- und Filmstars; Gary Cooper und Fred Astaire, Michael Jackson und Madonna, Bill Clinton, George Bush und die Stones, die Windsors, Rothschilds und Sassoons. Jeder Kunde ein König, ob mit oder ohne Krone. Der Markendesigner Paul Smith nennt die Straße ein „Kulturgut“, Gregor Thissen, Chef der Edelweberei Scabal, einen „Exportschlager“. Ralph Lauren und Calvin Klein sind Käufer, Tom Ford ist Fan. „Die Row“, schreibt er in „Die Meisterschneider“, „setzt Standards.“ Amerikas Designstars tragen Maß.

Der Schanghaier Schneidermeister Bi Chang-gou sagt in seinem Atelier am anderen Ende der Welt: „Der London Cut ist auch für uns das Maß der Dinge.“ Seine Kunden kommen mit Fotos von Richard Moore oder Daniel Craig und wollen dann aussehen wie James Bond; 007 auf Mission in China, Gefahr im Anzug: Nadelstreifen, enggeschnittene Hosen ohne Umschlag; die Jacke steif gefüttert und tailliert, vorn drei Pattentaschen, hinten zwei Schlitze, sitzt gut, läuft gut, kostet kein Vermögen. Cool Britannia.

Englischer Look sei geschneidertes Understatement, sagt Ait El Cadi Abdallah. Man sehe die Qualität, nicht aber den Preis. Adballah sitzt in seinem Laden. Auf dem Tisch steht ein Kaffee, durch den Lautsprecher opert Verdi. Marokko, Marrakesch, Avenue Mansour, Ecke Rue Mohamed. Die Stadt am Fuße des Atlas zog erst Könige und Karawanen an, dann die Hippies, dann den Jetset. Mick Jagger, David Beckham und Yves Saint Laurent besaßen hier einen Garten. Kaum zehn Gehminuten entfernt liegt Abdallahs Laden. Beste Lage, gutes Viertel, schöne Häuser. Er hat viel Stamm- und wenig Laufkundschaft, gibt hundert Menschen Arbeit, Lohn, Brot und 200 Euro im Monat.

Unten im Haus liegt sein Lager, oben ist der Verkauf, die Fabrik steht draußen vor der Stadt. Dort lässt er alles nähen, was gefragt ist: Maßarbeit und Konfektion, Anzüge, Kleider und Uniformen, Livreen für Hotels, Kittel für Ärzte, alles in allem 600 Teile am Tag. Akkordnähen, Maß- und Massenschneidern, geschnitten wird an Maschinen, nur Hassan Gouzes schneidet noch per Hand. Er ist der Mann für die Maß- und Millimeterarbeit, für die gutbetuchten Kunden mit Geld. Sie kommen aus der Nachbarschaft, aus Marseille, Mailand und Berlin, sind Banker, Unternehmer oder Touristen; sie lassen sich hier Anzüge machen und zahlen dafür kaum halb so viel wie zu Hause für ein Stück von der Stange. Maßarbeit zum Schnäppchenpreis.

„Der ist unser Vorteil“, sagt Abdallah. „Den müssen wir halten.“ Er kennt sich aus. Er machte mit sechzehn seine erste Naht, heute lässt er nähen; er fing mit Fingerhut und Nadel an, heute rechnet er am Handy die Gewinne aus. Er hatte gelernt, was ein Hexenstich ist und wie man einen Kaftan näht, dabei entdeckte er sein Talent zum Handeln. „Das kann man nicht lernen“, sagt er. Man kann es, oder man kann es nicht. Abdallah konnte, Gouzes konnte nicht. So führt der eine heute die Schere, der andere das Geschäft. Das perfekte Paar.

Einst nähten beide reichverzierte Wüstenkleider, gerade Schnitte, glatte Flächen, „ziemlich einfach“, sagt Gouzes, „ein Kinderspiel“, meint Abdallah. Heute macht Gouzes Anzüge wie die von Armani. Locker in den Schultern, bequem in der Hüfte, farbenfroh und leicht, italienischer Chic - Variation eines englisches Themas. Es dauerte Jahre, bis Abdallah das konnte; er schneiderte und scheiterte, schneiderte weiter, scheiterte wieder, doch er gab nicht auf. Vor ihm lagen sechzig, achtzig, hundert Teile für einen einzigen Anzug. Ein Puzzlespiel auf der Schneidertafel. Er lernte es und kam ins Geschäft mit Touristen.

Die Nachfrage stieg, Abdallah sparte und investierte, kaufte sich eine Nähmaschine - eine alte graue Singer. Sie zahlte sich aus. Er kaufte eine zweite und eine dritte, stellte erste Gehilfen ein, gründete eine Firma, eröffnete eine Fabrik und arbeitet auf Bestellung. Heute ist er in der Welt der Mode zu Hause, er kennt London, Mailand und Paris; Schanghai kennt er nicht. „Die Chinesen kamen aus dem Nichts“, sagt Mohamed Tazi, Generaldirektor des marokkanischen Textilverbandes Amith, „und sie mischen die Branche auf.“ Daniel Terberger, Chef der Katag AG, sagte: „China stülpt das westliche Geschäftsmodell der letzten hundert Jahre um.“ Großschneidereien wie die Dayang Trands Co. der Familie Li machen im Jahr 5 Millionen Anzüge für die Stange und tausend auf Maß. Warren Buffett trägt einen und auch Bill Gates. „Die Klientel ist da“, sagt Schneidermeister Bi Chang-guo.

China, Schanghai, Fuxing Road, eine alte Villa im französischen Viertel. Parkettfußboden im Fischgratmuster, weiße Wände, hohe Fenster. Draußen hupen Autos im Verkehr, drinnen zieht Bi seine Bahnen. Vorn im Verkaufsraum berät Kathrina Yu einen Kunden; hinten im Atelier surrt Su Yong-zhong einen Ärmel durch die Nähmaschine. „Das Stück muss morgen raus.“ Er ist unter Druck. Bi hat Zeit. Er hatte gestern einem Kunden Maß genommen, hat nun viele kleine Zahlen auf seinem großen Block stehen, rechnet sie in Geraden und in Bögen um, skizziert das Ergebnis mit Elle und Kurvenlineal auf Packpapier und schneidet daraus Schablonen. Zwei Dutzend Teile für die Jacke, ein Dutzend für Hose und Weste, dazu die Schnitte für das Zwischen- und das Innenfutter. Der Bauplan des Anzugs, Geometrie in der zweiten Dimension.

Bi zeichnet ihn mit Schneiderkreide auf eine große ausgerollte Bahn dunkelblauer Schurwolle. „Ein Stoff fürs Leben.“Er muss es wissen, Bi ist Zuschneider. Su ist der Näher, Frau Yu die Chefin. Das Trio arbeitet seit zwei Jahren zusammen. Damals hatte Yu gerade ihr Studio gegründet. Der Vater gab ihr 50000 Yuan, er ist Manager von Bao Steel. Sie machte sich an die Arbeit, da war sie Mitte zwanzig. Das Geschäft floriert, Schanghai mag es modern, Yu weiß, was gefragt ist. Sie hatte Mode an der Donghua Universität in Schanghai und Design am Londoner St.-Martin-College studiert, sie hat in japanischen, französischen und in Firmen aus Hongkong gearbeitet, versuchte es auf eigene Faust und hatte mehr zu tun, als sie schaffen konnte. China war Nähstube der Welt und wird nun zum Designhaus.

Yu suchte Hilfe. In einer Fabrik bei Schanghai traf sie auf Bi und Su, beide konnten nähen, Bi hatte es von seiner Mutter, Su von seinem Großvater gelernt. Der kannte noch die alten Schnitte und guten Stoffe, hochgeschlossene Tangzhuang-Jacken, knöchellange Changshan-Mäntel, enge Qipao-Kleider. Im Seidenmuseum von Hangzhou sind die alten Stücke noch zu sehen, an Schanghais Schneiderschule werden sie wieder gelehrt. Bi besuchte ein paar Kurse, Su saß in Wenzhou in einer Fabrik; Bi schnitt zu, Su nähte; Bi übte sich in Design, Su in Kragenweiten, Ärmellängen und im Nähen wie am laufenden Band. „Wir machten nur Anzüge“, sagt er, zu Zehntausenden. Die Stücke gingen nach Hongkong und Amerika. Fünf Jahre später stand er in Schanghai. „Die Liebe“, sagt er und lacht.

Su heiratete, hat heute einen großen Sohn und seit seinem Umzug vor zwanzig Jahren in einem Dutzend Fabriken gearbeitet. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht, Jahr für Jahr. Dann kam Frau Yu. Sie versprach ein Drittel mehr Lohn, 8000 Yuan im Monat, tausend Euro. Su schlug ein, Bi folgte, dann standen sie in der alten Villa. Heute machen sie Kleider, Röcke, Anzüge und Kostüme. Stückpreis tausend bis fünftausend Yuan. Sie können davon leben.

Yu will ein zweites Studio eröffnen, drüben in der Changle Road. Sie zögert noch. Die Miete sei zu hoch: 4000 Euro. In der Fuxing zahlt sie die Hälfte. „Schanghai ist das neue Hongkong“, meint Tommy Wong, Schneider aus der einstigen Kronkolonie. Heute ist es Heimat erstklassiger Anzugmacher: Eddie Siu, Jim und Sam Tailor. Die USI-Gruppe kaufte Londons Schneiderhaus Gieves&Hawkes. China auf der Savile Row, Englands alte Schule im Reich der Mitte. Ein Stil mit Geschichte.

Als vor hundert Jahren Chinas Revolutionsführer Sun Yat-sen die Republik ausrief, trug er einen englischen Anzug made in Hongkong. Ein Statement. Des Kaisers alte Kleider hatten ausgedient, Sun verpasste den Beamten im Land hochgeschlossene Büro-Uniformen nach Vorbild britischer Norfolkjacken. Später hieß das Mao-Anzug. Zur gleichen Zeit, wie Peking neu bekleidet wurde, machte sich in London Per Anderson daran, das englische Establishment zu erschrecken.

Er betrieb mit Sidney Sheppard eine Schneiderei in der Savile Row, Hausnummer 13. „Wir stehen hier auf ziemlich historischem Boden“, sagt Brian Pusey in seiner Kellerwerkstatt. Sheppard hatte die Kontakte in höchste Kreise, Anderson den Mut zum Stilbruch. „Er machte Anzüge mit abgeschrägten Schultern, hoch und schmal eingesetzten Ärmeln, weichen Zwischenfuttern. Das ließ den Stoff locker und leicht am Körper liegen“, sagt Pusey. Eine Revolution, meint David Kamp in der Hauschronik „A Style is Born“.

Und die kam an, erst beim Prinzen von Wales, dann bei den Filmmogulen in Hollywood und schließlich im Rest der Welt. Heute residiert die Firma um die Ecke in der Old Burlington Street. Ein Laden mit Kamin und Kronleuchter, großen Türen und holzgetäfelten Wänden. Die Schneider des Hauses arbeiten im Anzug. Zur Anprobe gibt es Sherry. In den Regalen stehen die alten Kundenbücher. Chefverkäufer Peter Hall zeigt sie gern. Hunderte Namen und Dutzende Anekdoten, von Charlie Chaplin bis Marlene Dietrich und Cary Grant; der Maharadscha von Alwar orderte Anzüge zu Tausenden, die peruanischen Chopitea-Brüder zu Hunderten, in einem Jahr. Sie wurden in eine zum Großschrank umgebaute Villa nach Lima geliefert. Kleider machen Leute.

„Die Row ist ein guter Platz, was zu lernen“, meint Claire Davison. Sie hätte auch ins Design-College in St. Martin gehen können, doch sie ging in die Kellerwerkstatt zu Pusey. Sie lernt nun sieben Jahre unter Tage das Schneiderhandwerk und dann vielleicht auch die Kunst. Sie kann sich stundenlang über Schnitte von Ober- und Unterkragen, Ärmeln oder Hosenbeinen beugen, kann sich in das Umnähen von Knopflöchern, das Einfassen von Bünden vertiefen. Nun macht sie Jacketts.

„Sie ist begabt“, sagt Pusey. „Zu meiner Zeit habe ich die ersten vier Jahre nur Hosen machen dürfen.“ Zu seiner Lehrzeit arbeitete in der Savile Row auch noch keine Frau, schlugen die Meister den Gesellen bei Fehlern noch die Elle auf die Finger, kostete ein maßgeschneiderter handgenähter Anzug noch 50 Pfund. Pusey lacht, Claire lächelt, sie kennt die alten Geschichten, sie kennt sie alle. „Wir machen hier keine Mode“, sagt sie, „wir machen Stil“, teuer, passgenau und formvollendet.

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

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