16.09.2005 · Die traditionsreiche Wirtschaftszeitung ist seit Jahren ein Sorgenkind des Verlags Dow Jones / Verkaufsgerüchte flammen wieder auf
lid. NEW YORK, 16. September. Einer der traditionsreichsten Adressen im amerikanischen Journalismus steht das wichtigste Experiment seit langer Zeit bevor: Das "Wall Street Journal" bringt heute zum ersten Mal seit mehr als fünfzig Jahren wieder eine Samstagausgabe heraus und will damit eine zusätzliche Umsatzquelle erschließen.
Für den New Yorker Verleger Dow Jones & Co. hängt viel vom Erfolg ab. Das "Wall Street Journal" ist der größte Umsatzträger und aus journalistischer Sicht der ganze Stolz des Verlagshauses, für die Wirtschaftselite Amerikas ist das Blatt die unangefochtene Bibel. Die wirtschaftliche Entwicklung der Tageszeitung läßt aber seit Jahren zu wünschen übrig. Die Samstagausgabe, deren Start seit fast drei Jahren vorbereitet wird, ist nun der jüngste Versuch, eine Wende zu schaffen.
Das im Jahr 1889 gegründete "Wall Street Journal" ist mit einer Auflage von knapp 1,8 Millionen Exemplaren die Nummer zwei auf dem amerikanischen Tageszeitungsmarkt, hinter "USA Today", aber noch vor der "New York Times".
Als Wirtschaftstitel hängt die Zeitung besonders von der Entwicklung der Gesamtkonjunktur und der Börse ab, die wichtigsten Anzeigenkunden sind Technologie- und Finanzkonzerne. Entsprechend war das "Wall Street Journal" zu den Zeiten der Börsenbegeisterung bis Anfang dieses Jahrzehnts eine Goldgrube. Um so böser war aber das Erwachen nach dem Platzen der Blase, als die Anzeigen regelrecht wegbrachen. Im Jahr 2000 schaffte Dow Jones noch einen Umsatz von 2,2 Milliarden Dollar, im vergangenen Jahr waren es 1,7 Milliarden Dollar. Die Aktie von Dow Jones ist von ihrem Höchststand von mehr als 75 Dollar im Jahr 2000 noch heute weit entfernt, im Moment kostet sie knapp über 40 Dollar.
Während es bei anderen Verlagshäusern in den vergangenen Jahren zumindest allmählich eine Stabilisierung im Anzeigengeschäft gab, geht es beim "Wall Street Journal" noch heute bergab, jedenfalls in der Print-Ausgabe. Im Bericht zum zweiten Quartal meldete Dow Jones einen Rückgang im Anzeigenvolumen der amerikanischen Ausgabe des "Wall Street Journal" um 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr aufgrund fortgesetzter Schwäche bei den Finanz- und Technologieanzeigen. Auch bei den beiden internationalen Ausgaben in Europa und in Asien lief das Anzeigengeschäft schwach.
Die Samstagausgabe ist daher aus einem Handlungszwang heraus entstanden: sie ist ein weiterer Versuch, das Anzeigengeschäft der Zeitung auf eine breitere Basis zu stellen und neue Werber zu gewinnen, zum Beispiel Hersteller hochwertiger Konsumgüter. Deshalb wird der redaktionelle Inhalt der Samstagszeitung verstärkt auf Lifestyle-Themen ausgerichtet: Das gesonderte Buch "Pursuits" (grob übersetzt "Freizeitinteressen") soll Themen aus Bereichen wie Kunst, Mode und Sport enthalten. Daneben gibt es einen normalen Nachrichtenteil, mit dem die bisherige Schwäche des "Wall Street Journal", Nachrichten vom Freitag erst am Montag bringen zu können, überwunden werden soll. Ein weiterer Teil widmet sich Anlegerthemen.
Dow Jones läßt sich die Samstagausgabe einiges kosten: 150 neue Mitarbeiter sollen nach Angaben des Unternehmens für das Projekt rekrutiert worden sein. Der Vertrieb wird mehr kosten als Einnahmen bringen, denn von Abonnenten wird für die sechste Ausgabe zunächst keine Zusatzgebühr verlangt. Außerdem wird angeboten, die Samstagausgabe an eine andere Adresse zuzustellen als die Zeitungen unter der Woche, zum Beispiel für Leser, die das "Wall Street Journal" im Büro beziehen. Dow Jones will die Gesamtkosten des Projekts nicht beziffern. Es heißt lediglich, daß für das erste Jahr ein operativer Verlust von 12,5 Millionen Dollar erwartet wird. Dagegen wird Dow Jones an anderer Stelle sparen: Die Europa- und Asien-Ausgaben des "Wall Street Journal" werden von Mitte Oktober an in einem kleineren Tabloidformat erscheinen, womit von 2006 an 17 Millionen Dollar im Jahr eingespart werden sollen.
Das "Wall Street Journal" hat in der Vergangenheit schon einige Schritte weg vom reinen Wirtschaftsnachrichtenblatt unternommen. So wurde im Jahr 2002 ein separater Teil mit dem Titel "Personal Journal" gestartet, der verbrauchernahe Themen behandelt. Gleichzeitig wurde das Erscheinungsbild erstmals mit Farbe aufgefrischt. Schon seit dem Jahr 1998 gibt es in der Freitagausgabe ein "Weekend Journal" mit Lifestyle-Themen. Dieser Teil soll auch nach der Einführung der Samstagausgabe fortbestehen.
Für Dow Jones ist die Samstagausgabe des "Wall Street Journal" das zweite Großprojekt in diesem Jahr. So hat das Unternehmen bereits den Online-Finanzdienst Marketwatch für 519 Millionen Dollar übernommen. Der Internetbereich ist für Dow Jones ohnehin der erfreulichere Teil des Geschäfts. So ist die Online-Ausgabe des "Wall Street Journal" der größte kostenpflichtige Online-Informationsdienst in Amerika und legt bei den Abonnentenzahlen weiter deutlich zu, im zweiten Quartal um 9 Prozent auf 744 000.
Die fortdauernde Schwäche im Gesamtkonzern hat indessen dazu geführt, daß Verkaufsgerüchte um Dow Jones wiederaufgeflammt sind. Dow Jones ist - vergleichbar mit anderen amerikanischen Medienkonzernen wie der New York Times Co. - zwar börsennotiert. Die Kontrolle liegt aber bei einer Inhaberfamilie, die zwar nicht die Mehrheit des Kapitals, aber die Mehrheit der Stimmrechte hat. Bei der New York Times ist es die Verlegerfamilie Sulzberger, die sich selbst stark im Geschäft engagiert, bei Dow Jones ist es die Familie Bancroft, die sich mehr im Hintergrund hält. Unter den mehr als 30 Mitgliedern der Bancroft-Familie soll sich in jüngster Zeit zunehmend Unmut über die schwache Entwicklung von Dow Jones breitgemacht haben.
Vor einigen Wochen sorgte ein Medienbericht über einen Verkauf der Kontrollmehrheit für einen Kurssprung der Aktie. Als mögliche Interessenten wurden Wettbewerber wie die "Washington Post" oder die "New York Times" oder der Investor Warren Buffett genannt. Die Familie hat die Verkaufsgerüchte bestritten. Zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt, wo Dow Jones mehrere Großprojekte angeschoben hat, halten auch Analysten einen Verkauf für eher unwahrscheinlich.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2461 | −0,22% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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