Besucher eines Bauernmarktes wissen, wie sehr der grün-bürgerlichen Klientel Obstsorten wie der Kaiser-Wilhelm-Apfel oder auch die Kartoffel Linda am Herzen liegt. Der Europäische Gerichtshof hat nun ein Urteil gefällt, das dieses Milieu jubeln lässt. Es bewahrt die alten Sorten vor dem sicheren Tod - so jedenfalls lautete die Lesart derjenigen, die zuverlässig die Medienberichte über die Landwirtschaft dominieren: Biobauernverbände und Grüne. Ein „Sieg für die Artenvielfalt“ sei in Luxemburg errungen worden, sagte die Grüne Renate Künast und sah im Urteil eine Entscheidung gegen Saatgutkonzerne wie Monsanto oder Syngenta, „die wie Biopiraten weltweit Patente für die Hauptnahrungsmittel kapern“. Daraus wurden schnelle Schlagzeilen: „Macht der Saatgutkonzerne gebrochen“, EuGH „erlaubt alte Sorten“.
Tatsächlich haben die Richter entschieden, dass auf dem Saatgutmarkt alles beim Alten bleibt. Das heißt, Bauern dürfen Saatgut alter Sorten in begrenztem Umfang verkaufen. Mit einem Totalverbot hatte auch niemand gerechnet. In Europa muss der Staat Saatgut genehmigen. Die Prüfung kann Jahre dauern und viel Geld kosten. Für Nischenprodukte wie Linda oder Kaiser Wilhelm will niemand so viel investieren, und sie könnten die Prüfung auch nicht bestehen - denn die Maßstäbe, die der Staat anlegt, werden immer höher. Nutzpflanzen müssen, damit ihre Samen verkauft werden dürfen, immer ertragreicher sein. Es ist ähnlich wie bei Autos: Heute braucht man schon eine grüne Umweltplakette, um noch fahren zu dürfen. Oldtimer dürfen nicht in die Innenstadt. Und auch nicht auf den Biomarkt? Doch: Dafür gibt es in der EU seit 2009 eine Ausnahmerichtlinie. Die, so entschied nun der EuGH, hat weiter Bestand. Der Handel mit Saatgut dieser alten Sorten wird viel schneller und günstiger genehmigt.
Die „Macht“ der Saatgutkonzerne, die einige jetzt in ihrem fortwährenden imaginären Kampf mit der als monströs wahrgenommenen Agrarindustrie schwinden sehen, gründet auch nicht auf rechtlichen Privilegien - sondern darin, dass Saatgutunternehmen immer ertragreichere Weizen- oder Rübensorten züchten, auch ohne Gentechnik. Und es sind viele: Mehr als 100 Saatguthersteller und -händler gibt es in Deutschland. Zumindest in der EU kann von einem Monopol keine Rede sein. Außer von einem Meinungsmonopol grüner Agrarlobbyisten.
Sehr geehrter Herr Grossarth,
Alexander Lieven (MonsieurAlex)
- 13.07.2012, 20:33 Uhr
Umweltplakette - Basis der Argumente?
Jürgen Klebowski (Klebowski)
- 13.07.2012, 19:20 Uhr
Besser kann es kaum formuliert werden!
Matthias Elger (melger)
- 13.07.2012, 18:16 Uhr
Keine Marotte
Gerhard Rinker (GerdR)
- 13.07.2012, 17:38 Uhr
"Heute braucht man schon eine grüne Umweltplakette... Oldtimer
dürfen nicht in die Innenstadt"
Dietmar Fleischhauer (dfleischhauer)
- 13.07.2012, 16:35 Uhr