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Rußland Yukos gerät in Zahlungsverzug

05.07.2004 ·  Der russische Ölkonzern gerät immer mehr unter Druck: Nach dem Einfrieren seiner Konten ist Yukos von einem westlichen Bankenkosortium aufgefordert worden, einen Milliardenkredit zurückzuzahlen.

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Ein westliches Bankenkonsortium hat von dem angeschlagenen russischen Ölkonzern Yukos die Rückzahlung eines Milliardenkredits verlangt. Das Gläubigerkonsortium unter Führung der Société Générale fordere eine Milliarde Dollar (810 Millionen Euro) von dem vor der Pleite stehenden Unternehmen zurück, teilte ein Yukos-Sprecher am Montag in Moskau mit. Yukos-Aktien eröffneten in Moskau deutlich schwächer. Am Wochenende hatte die Justiz Dokumente und Computer des Konzerns beschlagnahmt.

Das “Wall Street Journal Europe“ berichtete unter Berufung auf zwei Gewährspersonen, das Bankenkonsortium, das Yukos im vergangenen Jahr den Kredit gewährte, habe den Konzern von einem “Verzugsfall“ in Kenntnis gesetzt. Zwar sei der Kredit auf “Rückforderung gesetzt“, doch die sofortige Rückzahlung werde nicht verfolgt, um Yukos nicht in die Insolvenz zu treiben, zitiert das Blatt seine Informanten.

Auch der Druck der russischen Behörden auf den Ölkonzern hält an. Mehr als zehn Ermittlergruppen der Staatsanwaltschaft durchsuchten in Moskau die Zentrale des angeschlagenen Unternehmens und beschlagnahmten Dokumente. Die neun Stunden dauernde Durchsuchung in dem zwanzigstöckigen Gebäude, das von Sonderpolizei abgeriegelt wurde, stehe im Zusammenhang mit laufenden Verfahren wegen Steuerhinterziehung und Betrugs, teilte der Generalstaatsanwalt mit. Wahrscheinlich ging es darum, ein Inventar von Vermögenswerten für eine bevorstehende Beschlagnahme zu erstellen.

Reaktion des Kremls auf politische Ambitionen Chodorkowskijs

Wie ein Firmensprecher am Sonntag sagte, wurden Festplatten der Computer mehrerer Vorstandsmitglieder des Konzerns beschlagnahmt. Frühere Berichte, die Ermittler hätten die Server des Unternehmens beschlagnahmt, hatten sich später als unzutreffend erwiesen. Ein Yukos-Sprecher hatte gewarnt, eine Beschlagnahme der Server werde zum unmittelbaren Stopp der Ölförderung führen. Yukos hat in diesem Jahr nach eigenen Angaben 1,75 Millionen Barrel Öl am Tag gefördert. Das Unternehmen fördert gut ein Fünftel des russischen Erdöls, mehr als etwa Libyen.

Der Hauptaktionär des Unternehmens, der 41 Jahre alte Milliardär Michail Chodorkowskij, steht derzeit wegen der mutmaßlichen Vergehen Steuerhinterziehung und Betrug vor Gericht. Nach russischem Recht müssen sie bei einer Verurteilung mit bis zu zehn Jahren Haft rechnen. Chodorkowskij war im Oktober verhaftet worden.

Gemeinsam mit ihm ist der ehemalige Präsident der Menatep-Gruppe, Platon Lebedjew, angeklagt, der seit einem Jahr inhaftiert ist. Menatep ist die Gesellschaft, über die Chodorkowskij und seine Partner Yukos kontrollieren - sie besitzt mehr als 60 Prozent des Unternehmens. Der Prozeß soll am 12. Juli fortgesetzt werden. Das Vorgehen gegen Chodorkowskij wird als Reaktion des Kremls auf die politischen Ambitionen des Ölmilliardärs gesehen, der oppositionelle Parteien finanzierte.

Yukos sieht sich vor dem Ruin

Yukos sieht sich akut von einer Pleite bedroht. In der vergangenen Woche hatten Gerichtsvollzieher ein Vollstreckungsverfahren für eine Steuerschuld von 2,8 Milliarden Euro eingeleitet, die für das Jahr 2000 erhoben wird. Yukos muß bis zum Mittwoch die Schuld begleichen, sonst kann der Staat auf seine Vermögenswerte zurückgreifen. Der Konzern besitzt nach eigenen Angaben derzeit nur 800.000 Euro in bar. Da Gerichte die Konten des Unternehmens bei russischen Banken in der vergangenen Woche gesperrt und ihm zuvor einen Verkauf von Aktiva untersagt haben, sieht sich Yukos vor dem Ruin.

Der jüngste Vorschlag des Ölkonzerns, die Steuerschuld durch den Verkauf eines Anteils von 35 Prozent an dem Ölkonzern Sibneft zu begleichen, wurde von den Gerichtsvollziehern abgelehnt. Eine 2003 abgeschlossene Fusion zwischen Yukos und Sibneft, das dem Großunternehmer Roman Abramowitsch gehört, wurde nach der Verhaftung Chodorkowskijs im Oktober von Sibneft widerrufen. Nach Angaben von Yukos ist der Sibneft-Anteil mehr wert als die aktuell geforderte Steuerschuld. Auch der Vorschlag von Yukos, die Schulden ratenweise bis zum 1. Juli 2006 abzuzahlen, wurde zuvor abgelehnt. Am Freitag stufte die internationale Rating-Agentur Standard & Poor's Yukos von "CCC" auf "CC" herab, die drittniedrigste Einstufung der Agentur.

Putin spricht mit führenden Unternehmern über ihre soziale Verantwortung

In der vergangenen Woche wurde Yukos eine weitere Steuernachforderung in Höhe von 2,8 Milliarden Euro für das Jahr 2001 präsentiert, die aber noch nichts rechtskräftig ist. Beobachter rechnen damit, daß der Staat dem Ölkonzern eine Gesamtschuld von etwa 9 Milliarden Euro präsentieren wird, um Chodorkowskij und die Menatep-Gruppe zur Abgabe ihrer Anteile zu zwingen. Mehrere Partner von Chodorkowskij haben sich dem Zugriff der russischen Justiz durch Übersiedlung nach Israel entzogen. Chodorkowskij hatte jedoch für sich eine Ausreise oder Emigration stets abgelehnt. Der Unternehmer gilt als der reichste Mann des Landes - vor kurzem hatte die Zeitschrift "Forbes" sein Vermögen auf mehr als 12 Milliarden Euro geschätzt.

Am Donnerstag hatte Präsident Putin die führenden Unternehmer des Landes zu einem Treffen in den Kreml geladen, um über ihre soziale Verantwortung zu sprechen. Das Thema Yukos wurde dort jedoch mit keiner Silbe erwähnt. Während die Unternehmer es nicht ansprachen, sagte Putin bloß, es gebe "objektive Gründe für die Kritik" an den Großunternehmen des Landes. Vor allem seien es die riesigen Unterschiede zwischen Arm und Reich, die zum negativen Bild der "Oligarchen" beitrügen. Nach einer Studie der Weltbank wird die russische Wirtschaft von 22 Großunternehmern oder Firmengruppen dominiert.

Quelle: mwe., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2004, Nr. 153 / Seite 12
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