Home
http://www.faz.net/-gqe-plak
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rußland Rußland nähert sich dem „Ritterschlag“ der Ratingagenturen

10.12.2004 ·  Rußland ist auf dem Weg in die Weltliga der soliden Schuldner. Wahrscheinlich schon Anfang nächsten Jahres könnte auch die Ratingagentur Standard & Poor's die Bonitätsbewertung auf „investment grade“ anheben.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Rußland nähert sich der Weltliga der soliden Schuldner. Wahrscheinlich schon Anfang nächsten Jahres erhält das Land quasi den "Ritterschlag" der Kapitalmärkte, wenn nämlich nach den Ratingagenturen Moody's und Fitch auch Standard & Poor's die Bonitätsbewertung für die langfristige Auslandsverschuldung auf "investment grade" anhebt.

Aus der Sicht von Moody's hatte sich Rußland schon vor einem Jahr aus dem Club der spekulativen Schuldner ("non-investment grade") verabschiedet. Dem folgte unlängst die Höherbewertung durch Fitch.

Große Erfolge bei der wirtschaftlichen Konsolidierung

Konrad Reuss von Standard & Poor's will sich auf einen genauen Zeitpunkt für die Änderung der russischen Bonitätsbewertung durch seine Agentur noch nicht festlegen. Er räumt aber ein, daß Rußland große Erfolge bei der wirtschaftlichen Konsolidierung erzielt habe, die trotz einer immer noch unsicheren politischen Situation eine Höherbewertung Rußlands in Zukunft rechtfertigen könnte.

Rußland, nach Saudi-Arabien der zweitgrößte Ölproduzent der Welt, hat in den vergangenen Jahren kräftig von dem seit Mitte 1999 gestiegenen Ölpreis profitiert. Die Öl- und Gasbranche ist einer Studie der Weltbank zufolge für etwa ein Viertel des russischen Bruttoinlandsprodukts verantwortlich. Seit 1999 wächst die Wirtschaft Rußlands im Jahresdurchschnitt um rund 7 Prozent.

Ein fünftel der Staatseinnahmen hängen mit Öl zusammen

Auch die Staatseinnahmen hängen zu etwa einem Fünftel direkt vom Ölpreis ab, wodurch der russische Staatshaushalt seit dem Jahr 2000 Überschüsse erzielt. Der Schuldenstand des russischen Staatshaushalts in Relation zum Bruttoinlandsprodukt soll bis Ende dieses Jahres auf etwa 27 Prozent sinken. Ein Ende des hohen Ölpreises sei augenblicklich noch nicht abzusehen, so daß die positive Entwicklung Rußlands andauern werde, sagt Reuss.

Für die Ratingagenturen Moody's und Fitch war diese gute wirtschaftliche Entwicklung der Grund, Rußland als soliden Schuldner einzustufen. Ed Parker von Fitch meint, daß Rußland durch den hohen Bestand an Gold- und ausländischen Devisenreserven nun in der Lage sei, seine Gläubiger in Zukunft auch bei überraschenden wirtschaftlichen Einbrüchen zu bedienen.

Weit weg vom August 1998

Dies sei der entscheidende Unterschied zu den Verhältnissen in Rußland vor sechs Jahren, was sich auch in der Entwicklung der russischen Risikoprämie niederschlägt. Russische Staatsanleihen rentieren im Durchschnitt nur noch rund 2,2 Prozentpunkte höher als amerikanische Staatspapiere (Treasuries). Im Oktober 1998 lag der Renditeunterschied noch bei fast 7 Prozentpunkten. Im Zuge der Krise um den Ölproduzenten Yukos stieg der Renditeaufschlag (Spread) gegenüber Treasuries im Mai dieses Jahres nochmals kurzzeitig auf 360 Basispunkte an.

Im August 1998 hatte Rußland seine Zahlungsunfähigkeit erklärt und den Schuldendienst auf Rubel-Anleihen im Volumen von fast 40 Milliarden Dollar eingestellt. Die Gold- und Währungsreserven betrugen im September 1998 gerade noch 12 Milliarden Dollar. Im November dieses Jahres erreichen sie durch die hohen Einnahmen aus dem Ölgeschäft mit rund 113 Milliarden Dollar einen neuen Höchststand.

Ende des Jahres wird Rußland zum Gläubiger-Land

Für Christian Schieweck von der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS ist es daher keine Überraschung, daß Rußland eine höhere Bonitätsbewertung erhalten hat. Laut Schieweck wird Rußland Ende dieses Jahres wohl Nettoauslandsgläubiger sein. Einem Land, dem die Welt Geld schulde, könne man den Status eines soliden Schuldners nicht verwehren.

Kritik: Rechtsunsicherheit, schwache Eigentumsrechte, Bürokratie

Reuss von Standard & Poor's erkennt die makroökonomischen Erfolge Rußlands zwar an, kritisiert jedoch - stärker als Moody's und Fitch - die unsichere politische Situation in Rußland. Rußland leide vor allem unter Rechtsunsicherheit, mangelnder Anerkennung der Eigentumsrechte, einer mächtigen und ineffizienten Bürokratie sowie der wachsenden Korruption.

Zudem bemängelt Reuss auch die starke Abhängigkeit der russischen Wirtschaft von den Rohstoffmärkten. Anders als in Ländern wie Tschechien oder Polen konzentrierten sich die ausländischen Direktinvestitionen in Rußland allein auf den Öl- und Gasmarkt. Reuss betont jedoch, daß auch Standard & Poor's abzuwägen habe, ob die positive Entwicklung der Fundamentalfaktoren die politischen Risiken überwiegen werde und Rußland dadurch in Zukunft als solider Schuldner bewertet werden könne. Er deutet an, daß sich die Bonitätsbewertung Rußlands durch Standard & Poor's ändern könnte, sobald das Land zu einem Nettoauslandsgläubiger aufrückt.

Quelle: mmue., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2004, Nr. 289 / Seite 25
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2461 −0,22%
Rohöl Brent Crude 106,30 $ −0,51%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.