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Rußland Neuer Schwung

08.04.2005 ·  Die Hannover Messe soll dem Handel mit Rußland einen Schub geben. Putin und Schröder eröffnen die Industrieschau. Der Ostausschuß wirbt für mehr Investitionen und lobt die Hilfe der Regierungschefs.

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Einen Schub für den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen mit Rußland erhofft der Ostausschuß der Deutschen Wirtschaft von der diesjährigen Hannover-Messe.

Rußland ist das Partnerland, und Präsident Wladimir Putin wird sie gemeinsam mit Bundeskanzler Gerhard Schröder am Sonntag abend eröffnen. Putin bringt gleich eine halbe Kabinettsriege mit: die Minister für Industrie und Energie, für Wirtschaft und Handel und für Informationstechnologie.

Osthändler freuen sich über die familiäre Partnerschaft

Das belegt das große Interesse der Russen am Ausbau der bilateralen Beziehungen. Auch der Bundeskanzler drängt auf eine stärkere wirtschaftliche Verzahnung beider Länder. Die will er als Basis nutzen für eine Energiepartnerschaft mit dem an Gas und Öl überreichen Land und zugleich dabei helfen, das in einem tiefen politischen und wirtschaftlichen Umbau steckende Staatswesen zu stabilisieren.

Die Osthändler freut die von den Staatslenkern bis ins Familiäre gepflegte besondere Partnerschaft. „Über die Förderung der deutsch-russischen Beziehungen können wir uns überhaupt nicht beklagen“, lobt Klaus Mangold, Vorsitzender des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, Schröder und Putin. 160 russische Aussteller werben auf der größten Industriemesse der Welt für ihre „hochattraktiven Produkte“. Unternehmen zeigen Projekte und präsentieren Produkte aus der Automation, dem Maschinen- und Anlagenbau, der Luft- und Raumfahrtindustrie.

Besonders profitierten Autohersteller und Zulieferer

Noch allerdings wird die deutsch-russische Handelsbilanz vor allem mit Öl und Gas befeuert. 70 Prozent der deutschen Einfuhren in Höhe von zuletzt 16,3 Milliarden Euro entfallen auf Energieträger und Rohstoffe. Die Verteuerung von Öl und Gas ist der wesentliche Grund für das Plus in der Einfuhrstatistik von gut 21 Prozent.

Stärker noch wuchsen die deutschen Ausfuhren nach Rußland, und zwar um knapp 24 Prozent auf annähernd 15 Milliarden Euro. Besonders profitiert haben Autohersteller und Zulieferer, die Ernährungs- und die chemische Industrie. Verdoppelt habe sich der Handelsaustausch seit 1998, bilanziert der Ostausschuß. Dennoch übertrifft etwa der deutsche Warenaustausch mit China den mit Rußland noch bei weitem. Hinzu kommt: Deutsche Unternehmen investieren immer noch lieber in das benachbarte Polen mit seinen 40 Millionen Einwohnern als in Rußland mit 130 Millionen Bürgern.

In Rußland gibt es gutes Geld zu verdienen

Viele Unternehmen hätten den russischen Markt eben noch nicht entdeckt, glaubt Mangold, auch wenn dort inzwischen 3500 deutsche Unternehmen vertreten seien, mit einer Repräsentanz oder eigener Fertigung, wie der Baustoffhersteller Knauf. In Rußland gebe es gutes Geld zu verdienen, berichtet Mangold. Er war bei Daimler-Chrysler vormals für die Region verantwortlich.

Das Bruttoinlandsprodukt kletterte im vergangenen Jahr um mehr als 7 Prozent. Ein leichter Schwächeanfall zu Jahresbeginn habe in der Regierung in Moskau hektische Beratungen darüber ausgelöst, wie das Wachstum zu befördern sei. Das, so resümieren Osthändler wie der Chef der Eon-Ruhrgas, Burckhard Bergmann, zufrieden, belege die wachstumsfreundliche Politik Putins. Die Bevölkerung reagiere entsprechend: Die Konsumnachfrage steigt, 2004 um 10 Prozent.

Wirtschaftliche Öffnung unumkehrbar

Probleme mit der russischen Justiz, den Steuerbehörden und dem Zoll leugnen die Osthändler nicht. Aber der „Fall Yukos“ dürfe nicht verallgemeinert werden. Ausländische Investoren seien willkommen. Das zeige nicht nur die Gasförderkooperation zwischen Wintershall und Gasprom, sondern auch eine 600 Millionen Dollar teure Übernahme eines russischen Getränkespezialisten durch Coca-Cola. Die Wirtschaftsreformen gingen weiter, auch wenn Manager beklagen, daß unter Putin die Bürokratie wieder auf Wachstumskurs umgeschaltet habe. Doch werde die wirtschaftliche Öffnung mit der erwarteten Aufnahme Rußlands in die Welthandelsorganisation unumkehrbar.

Die russische Industrie müsse sich auf weniger staatlichen Schutz und härteren Wettbewerb einstellen. Deshalb sei sie an Modernisierung interessiert, schlußfolgert Mangold. Entsprechend wüchsen die Chancen für deutsche Anbieter, ins Geschäft zu kommen. Die wachsende Nachfrage nach staatlich besicherten Hermes-Ausfuhrkrediten - 2004 waren es 1,4 Milliarden Euro, 80 Prozent mehr als im Vorjahr - mag dafür ein Beleg sein.

Liquiditätslage russischer Unternehmen nicht schlecht

Große Vertragsabschlüsse stünden einstweilen in Hannover nicht auf der Tagesordnung, vermutet Mangold. Gasprom und BASF wollen ihre Zusammenarbeit wohl vertiefen, die russische Staatsbahn mit der Deutschen Bahn ein Güterverkehrszentrum betreiben, Siemens Elektrolokomotiven an die russische Bahn liefern.

Um einen Abschluß, auf den besonders Finanzminister Hans Eichel hofft, wird wohl noch gerungen. Die hohen Energiepreise spülen seinem Moskauer Kollegen viel Geld in die Kassen. Damit will der die alten Schulden bei westlichen Regierungen vorzeitig tilgen. Ob er dafür einen Abschlag bekommt oder einen Zuschlag bezahlen muß, ist noch umstritten. Daß auch die Liquiditätslage russischer Unternehmen nicht schlecht ist, zeigte eine Meldung der vergangenen Tage: Für geschätzt gut acht Millionen Euro übernimmt das russische Kosmetikunternehmen Kalina ein Aktienpaket des schwäbischen Traditionsherstellers Dr. Scheller.

Quelle: ami. / F.A.Z., 09.04.2005, Nr. 82 / Seite 12
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