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Rußland Leise und ohne Bitterkeit: Chodorkowskij vor Gericht

12.07.2004 ·  Chodorkowskij hat seine 44 Prozent Yukos-Aktien ohne Gegenleistung angeboten. Die Regierung reagiert darauf bisher nicht. Putin schwankt noch, wie der Fall abgeschlossen werden soll - ein Tag im Gericht.

Von Markus Wehner
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"Gut", sagt Michail Chodorkowskij auf die in der Gerichtspause rasch eingeworfene Frage eines Journalisten, wie es ihm gehe, und wirft einen freundlichen Blick durch die Gitterstäbe seines Käfigs, in dem er die Gerichtsverhandlung verfolgen muß. Noch etwas dünner als sonst erscheint er in seinem schwarzen T-Shirt und den Jeans, aber sein Blick ist wach. Der Ölmilliardär, der seit dem 25. Oktober vergangenen Jahres in Haft sitzt, wirkt nicht verbittert. Während der Verhandlung schreibt er in ein blaues Heft, auf Fragen der Richterin antwortet er in der gewohnt leisen Art.

Der Gerichtssaal für den Prozeß gegen den reichsten Unternehmer Rußlands, der weltweit Interesse weckt, ist klein. Nur gut dreißig Zuhörer passen auf fünf schmale Holzbänke. Die ergrauten Eltern Chodorkowskijs sitzen da, ehemals Ingenieure in einer sowjetischen Fabrik, die internationalen Anwälte mit dem braungebrannten, schwarzhaarigen Robert Amsterdam an der Spitze, knapp zehn Journalisten der schreibenden Zunft, Kameras sind nicht zugelassen. Acht Sonderpolizisten des Justizministeriums sind im Raum, bewachen den vielleicht drei mal zwei Meter großen und gut zwei Meter hohen grauen Metallkäfig, in dem neben dem ehemaligen Yukos-Chef sein Mitangeklagter Platon Lebedjew sitzen. Wenn Chodorkowskijs Anwalt Anton Drel in einer Verhandlungspause mit den beiden spricht, dann steht ein Polizist stets in Hörweite von einem Meter Entfernung.

"Chodorkowskij, stehen Sie auf!"

Vor den Angeklagten haben ihre russischen Anwälte Platz genommen, es sind zehn insgesamt, auf der gegenüberliegende Seite sitzen die vier Vertreter der Anklage mit dem uniformierten Staatsankläger an der Spitze. Das Gericht besteht aus drei Richterinnen, die Vorsitzende spricht leise. "Chodorkowskij, stehen Sie auf!", sagt sie, wenn sie eine Frage an den Angeklagten richtet, sie verzichtet auf jede andere Anrede. Es sind Fragen zu Prozeßverfahren, Chodorkowskij antwortet mit Ja und Nein. Freundlichkeit und Gelassenheit scheint er auszustrahlen, ganz im Gegenteil zu der Vorsitzenden Richterin.

Einen erschöpften Eindruck macht hingegen Platon Lebedjew, der Vertraute Chodorkowskijs und einstiger Präsident der Gruppe Menatep, mittels derer Chodorkowskij und seine Partner den Ölkonzern Yukos kontrollieren. Seit mehr als einem Jahr sitzt Lebedjew in Untersuchungshaft, er ist gezeichnet davon, sieht bleich und ausgemergelt aus, spricht mit Mühe und hält sich beim Aufstehen nicht gerade. Eine Zeit lang war er in der Krankenabteilung des Gefängnisses untergebracht, seine Verteidiger kämpfen seit Prozeßbeginn dafür, daß er von unabhängigen Ärzten untersucht wird. Die Antwort der Justiz folgte: Aus der Krankenabteilung hat man ihn in eine Zelle mit zwanzig Mitgefangenen gebracht.

Lebedjews Zustand besorgniserregend

Lebedjews Zustand sei wegen einer chronischen Hepatitis besorgniserregend, trägt sein Anwalt vor und übermittelt dem Gericht die Fernexpertise eines englischen Mediziners, eines Fachmannes für Lebererkrankungen, in der von einer drohenden Leberzersetzung die Rede ist. Der Anwalt beantragt eine unabhängige medizinische Untersuchung Lebedjews in einer Fachklinik, und bis dahin die Aussetzung des Verfahrens, sowie die Haftentlassung seines Mandanten bei Hinterlegung einer Bürgschaft. Das Gericht hat den Antrag schon einmal abschlägig beschieden, und auch lehnt ihn ein weiteres Mal ab.

Vor dem Gerichtsgebäude warten Fernsehteams auf Anwälte und Eltern. Der Vater, Boris Chodorkowskij, will in einer Verhandlungspause Luft schnappen, doch er geht rasch zurück in das gelbgestrichene Backsteingebäude, als er die Kameras sieht. Eine Anwältin Lebedjews tritt vor die Journalisten. Auf der Straße berät sich Robert Amsterdam mit einer russischen Verteidigerin. Eine Gruppe Studenten der Russischen Geisteswissenschaftlichen Universität, die Chodorkowskij finanziell mit Millionen Dollar unterstützt hatte, skandiert auf der gegenüberliegenden Straßenseite "Freiheit!", wenn die Kameras einen Interviewpartner haben. Sie tragen rote T-Shirts mit der Aufschrift "Freiheit für MBCh" - die Abkürzung steht für Michail Borisowitsch Chodorkowskij. Sein Porträt ist auf dem T-Shirt-Rücken zu sehen.

Noch Wochen, vielleicht Monate

Der Prozeß wird noch Wochen, vielleicht Monate dauern. Wie er ausgehen wird, das hängt nicht von der Richterin, vom Staatsanwalt oder von der Verteidigung ab. Es hängt davon ab, wie sich Chodorkowskij und seine Partner mit dem Kreml über die Übergabe von Yukos einigen, wie Wladimir Putin das Schicksal seines Widersachers entscheiden wird. Chodorkowskij hat am Montag, so sagt sein Anwalt, seine 44 Prozent Aktien ohne Gegenleistung angeboten, damit Yukos die Steuerschuld bezahlen kann. Die Regierung reagiert darauf bisher nicht. Der Yukos-Vorstandsvorsitzende Steven Theede soll der Regierung acht Milliarden Dollar angeboten haben, wenn man dem Konzern für deren Zahlung drei Jahre Zeit gibt. Finanzminister Alexej Kudrin hat indes gesagt, Yukos erhalte keinen Zahlungsaufschub, das Unternehmen habe genug Geld. Im Kreml gibt es dem Vernehmen nach verschiedene Szenarien, wie man mit Yukos und Chodorkowskij weiter verfahren will. Putins Vertrauter, Igor Setschin, will angeblich die staatliche Öltransportfirma Transneft nutzen, um Yukos das Öl abzunehmen. Andere im Kreml sollen dagegen sein, halten den Schaden für die russische Wirtschaft für zu groß.

Putin selbst, so heißt es, schwankt noch, wie der Fall abgeschlossen werden soll. Was immer an den Gerüchten dran ist: Die Tatsache, daß unklar bleibt, was Sache ist, ist typisch für das heutige Rußland, in dem die Fachrichtung der Sowjetologie fröhlichen Urstand feiert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2004, Nr. 160 / Seite 3
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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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