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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Russland Die Immobilienkönige aus Aserbaidschan

 ·  Die ungekrönten Immobilienkönige Russlands stammen alle aus einer kleinen jüdischen Siedlung in Aserbaidschan. Dort wurden schon zu Zeiten der Sowjetunion reger Handel mit knappen Produkten getrieben.

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Ungeduldig winkt Akif Gilalow im Moskauer Nobelrestaurant Wanil einen seiner sieben Leibwächter herbei. Er solle ihm Visitenkarten bringen, sagt der 34 Jahre alte Gilalow. Aus einem Bündel von unterschiedlichen Karten holt er schließlich eine Variante mit Schnörkelschrift in Goldfarbe hervor. Warum es genau diese sein soll, bleibt sein Geheimnis. Der untersetzte, völlig in Schwarz gekleidete Gilalow liebt wohl den Glamour. Nebenbei fällt die Bemerkung, er habe Michail Gorbatschow in der Schönheitsklinik La Prairie am Genfer See in der Schweiz kennengelernt.

Der Geschäftsmann Gilalow spricht nicht gern übers Geschäft. Seine Zar-Group ist vor allem in der Immobilienbranche tätig und betreibt unter anderem Einkaufszentren. Nach seinen Angaben ist er milliardenschwer. Er ist aber auch der Präsident des Weltkongresses der Bergjuden. Die Organisation ist eine von vielen ähnlichen Vereinigungen, die mitunter auch in Konkurrenz zueinander stehen. Als Bergjuden bezeichnet man die einheimische jüdische Bevölkerung in der russischen Republik Dagestan und in Aserbaidschan. Ihre Vorfahren sollen aus dem alten Persien stammen, ihre Sprache ist an Farsi angelehnt.

Gilalow wurde im jüdischen Viertel Krasnaja Sloboda („Rote Siedlung“) der Stadt Quba im Norden Aserbaidschans geboren. Krasnaja Sloboda gilt als eine der geschlossensten jüdischen Siedlungen außerhalb Israels. Die Bevölkerungszahl ist über die Jahre allerdings auf nun rund 3000 Einwohner gesunken - Russland, Israel, Europa und die Vereinigten Staaten lockten mit Arbeit. Das aserische Städtchen scheint aber ein gutes Pflaster für Geschäftstalente zu sein. Die russische Ausgabe von „Forbes“ kürte vor kurzem Sarach Ilijew und God Nisanow zu den Immobilienkönigen Russlands. Ihre Unternehmen sollen jährliche Mieteinnahmen von 780 Millionen Dollar erhalten. Beide Unternehmer sind in Krasnaja Sloboda aufgewachsen. Zu ihren Objekten in Moskau gehören das prunkvolle Hotel Ukraina und das riesige Einkaufszentrum Ewropejskij. Der ebenso reiche Telman Ismailow stammt zwar nicht aus Quba, er ist aber auch Bergjude aus Aserbaidschan und unterstützt Krasnaja Sloboda finanziell.

Von offenen Marktplätzen zu Einkaufszentren

Die Grundlage des Reichtums von Ismailow, Ilijew, Nisanow, Gilalow und einigen anderen bilden die großen Märkte, die in Moskau nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gegründet worden sind. Der bekannteste darunter war der Tscherkisowo-Markt, einst Osteuropas größter Handelsplatz. Der Markt galt auf einer Fläche von bis zu 300 Hektaren als Stadt in der Stadt mit eigenen Gesetzen. 2009 wurde der Markt von der Polizei offiziell wegen Verstößen gegen Gesundheitsvorschriften und Brandschutzbestimmungen geschlossen. Gründer und Betreiber des Marktes war Ismailow, der schon den Luschniki-Markt eröffnet hatte. Ilijew besaß Containerplätze am Tscherkisowo, um diese weiterzuvermieten. Nisanow soll zunächst für Ismailow gearbeitet haben und kooperierte danach mit Ilijew.

Das Geschäftsmodell wandelte sich von offenen Märkten und Handelspunkten hin zu Einkaufszentren. Die Immobilienimperien entstanden - hinzu kamen Restaurants, Hotels, Handelsketten und andere Beteiligungen. Das Geschäftsgebaren in Russland ist mitunter rauh. Die wenig transparente Welt der Unternehmer und deren Aufstieg in den turbulenten neunziger Jahren laden zu Spekulationen ein, mit welchen Methoden das Geld gescheffelt wurde.

Gilalow beschäftigt nicht ohne Grund Leibwächter: Sein älterer Bruder Saur war im Jahr 2004 in Moskau erschossen worden, sein Vater war schon sieben Jahre früher einem Anschlag zum Opfer gefallen. Der genaue Hintergrund der Morde liegt im Dunkeln. Akif Gilalow spricht aber von sich als von einer Generation mit einer neuen Mentalität. Er meint den Übergang zu zivilisierten Methoden, ohne es zu sagen. Grundsätzlich seien Bergjuden arbeitsam, stur, prinzipientreu und gute Händler, meint er. Schon zu Zeiten der Sowjetunion sei Krasnaja Sloboda ein reiches Dorf gewesen. Es wurde rege mit Produkten gehandelt, an denen es im kommunistischen System mangelte.

Von einem quirligen Geschäftszentrum ist Krasnaja Sloboda derzeit weit entfernt. „Es gibt nicht mehr viele Leute, die hier arbeiten. Die Jungen gehen weg, nach England, nach Amerika, nach Russland“, klagt Boris Simandujew, der betagte Obmann der jüdischen Gemeinde. Simandujews Blick ist melancholisch, Traurigkeit und eine würdevolle Distanz liegen eng beisammen. Er schätzt es, dass die zu Reichtum gekommenen Geschäftsmänner der bergjüdischen Diaspora in Moskau Krasnaja Sloboda nicht vergessen haben. Für die kleine Gemeinde stehen zwei prächtig renovierte Synagogen zur Verfügung.

Das jüdische Viertel wird nicht nur geografisch vom Rest der muslimischen Stadt Quba durch den Fluss Kudyal getrennt - auch optisch liegen Welten dazwischen. Das Straßenbild von Krasnaja Sloboda wird von Kindern und älteren Männer geprägt. Die Frauen seien zu Hause, heißt es. Männer im arbeitsfähigen Alter sind selten zu sehen. Es gibt drei Teestuben, kein Restaurant. Die Straßen sind sauber asphaltiert. Zweistöckige, meist leerstehende Prachtbauten reicher Auswanderer unterbrechen die monotonen Häuserreihen. Der Friedhof ist herausgeputzt - die letzte Ruhestätte für jene, die sich in der Ferne nach der alten Heimat gesehnt haben. Der Rest der Stadt hat keine reichen Gönner. Der muslimische Teil von Quba ist eine normale aserische Kleinstadt mit Schlaglöchern in den Straßen, mit einem hektischen und bunten Treiben, die Häuser sind nieder. Die ökonomische Perspektivlosigkeit in Krasnaja Sloboda können aber auch die Gelder der Milliardäre aus Moskau und aus anderen Weltgegenden nicht beseitigen.

Akif Gilalow setzt einen entwaffnenden Gesichtszug auf. Wenn er das Geheimnis für den Erfolg der Bergjuden aus Krasnaja Sloboda kennen würde, würde er es verkaufen, meint er. Die Lösung des Rätsels liege möglicherweise in der Abschottung und der Kleinheit der bergjüdischen Gemeinde. Die engen Verwandtschaftsverhältnisse halfen ein Grundproblem in postsowjetischen Gesellschaften zu überwinden: den Mangel an Vertrauen. Irgendwann verschwinden auch die Leibwächter.

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