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Rußland Der russische Erdölkonzern Yukos ist nicht mehr zu retten

29.11.2004 ·  Yukos ist nicht mehr zu retten. Der Druck des Staates auf den Konzern ist so gewaltig, daß nun auch das Yukos-Management keine Chance mehr sieht, einen Rettungsplan zu verwirklichen.

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Yukos ist nicht mehr zu retten. Zwar fördert der größte russische Ölkonzern in diesem Jahr wohl 87 Millionen Tonnen des schwarzen Goldes, ein Fünftel der gesamten russischen Ölproduktion. Das ist mehr als je zuvor. Doch der Druck des Staates auf den Konzern, den der seit 13 Monaten inhaftierte Firmengründer Michail Chodorkowskij groß gemacht hat, ist so gewaltig, daß nun auch das Yukos-Management keine Chance mehr sieht, einen Rettungsplan zu verwirklichen.

Mehr noch: Die ausländischen und russischen Top-Manager fürchten um ihre eigene Sicherheit, nachdem sie Vorladungen der Staatsanwaltschaft erhalten haben. "Alle Spitzenmanager haben das Land wegen einer Atmosphäre aus Angst und Terror, die das Unternehmen lahmlegen soll, verlassen", heißt es aus Unternehmenskreisen.

Yukos-Management meidet Rußland

Mit ihrer Ausreise machten die Manager klar, daß sie nicht beabsichtigen, daß Schicksal Chodorkowskijs zu teilen. Der Ölmilliardär, der sich wegen seiner politischen Ambitionen den Zorn von Präsident Wladimir Putin zuzog, hatte sich trotz offensichtlicher Warnungen geweigert, Rußland zu verlassen. Vor mehr als einem Jahr ließ Putin den ungehorsamen Oligarchen kurz vor der Parlamentswahl verhaften, seit einigen Monaten wird ihm in Moskau der Prozeß wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung gemacht. Die Hoffnungen, nach der Präsidentenwahl im März dieses Jahres werde man einen Kompromiß finden, erwiesen sich als Illusion.

Ausgereist ist nun die gesamte Führungsetage des Konzerns: Vorstandschef Steven M. Theede, ein Ölveteran aus Kansas, und Finanzchef Bruce K. Misamore, ein langjähriger Kenner der Branche aus Ohio, der seit drei Jahren die Finanzgeschäfte des Konzerns gelenkt hatte, nahmen ein Flugzeug in den Westen. "Ich werde nicht mein Leben für irgendwelche politischen Ziele opfern", hat Misamore gesagt. Zurückkehren werde er erst, wenn seine Freiheit und Sicherheit gewährleistet seien. Auch gegen die russischen Spitzenmanager Jurij Bejlin, verantwortlich für die Ölproduktion, und den Marketing-Chef Pjotr Solotarow ermitteln die Behörden. Gegen zwei Vizevorstände liegen Haftbefehle vor, ein Manager wurde verhaftet.

Der Würgegriff der Staatsanwaltschaft hat Methode: Yukos soll unter staatliche Kontrolle

In London traf sich die genannte Führungsriege des Konzerns vergangene Woche zur Krisensitzung. Man kam zu dem Schluß, daß alle Bemühungen, das Unternehmen zu retten, am Widerstand der russischen Justiz scheitern werden. Denn obwohl der Konzern alles getan hat, um den Urteilssprüchen nach Steuernachzahlungen zu genügen, wird Yukos mit immer weiteren Steuernachforderungen konfrontiert. Für die Jahre 2000 bis 2003 betragen sie mehr als 14 Milliarden Euro. Yukos rechnet vor, daß sie - inklusive fälliger Strafgebühren - für das Jahr 2002 bei 105 Prozent des Jahresumsatzes liegen. Obwohl Yukos schon mehrere Milliarden Euro Steuerschuld gezahlt hat, sind die russischen Behörden zu keinem Zeitpunkt bereit gewesen, über eine Restrukturierung der Nachzahlungen auch nur zu verhandeln, die dem Unternehmen Luft zum Atmen gelassen hätte.

Das ist auch logisch. Denn Yukos soll unter staatliche Kontrolle kommen. Am 19. Dezember wird das Kernstück des Unternehmens, Yuganskneftegaz, das in Sibirien etwa 60 Prozent des Yukos-Öls fördert, zwangsversteigert werden. Das Mindestgebot wurde auf umgerechnet 6,6 Milliarden Euro festgesetzt - etwa die Hälfte dessen, was das Unternehmen nach Schätzung der Bank Dresdner Kleinwort Wasserstein wert sein soll. Der Börsenwert von Yukos hat mit dem wirklichen Wert des Ölgiganten ohnehin nichts mehr zu tun. Nachdem das Management Rußland fluchtartig verlassen hatte, stürzte der Kurs über eine Woche täglich um jeweils etwa zwanzig Prozent ab. Mittlerweile ist Yukos an der Börse ganze zwei Milliarden Dollar wert. Vor gut einem Jahr lag der Wert bei deutlich mehr als 30 Milliarden Dollar. Der russische Staat hat bei seinem Ziel, den Konzern vor seinem Ausverkauf möglichst billig zu machen, ganze Arbeit geleistet.

Jeder Rettungsversuch zum Scheitern verurteilt

Einen Tag nach der Zwangsversteigerung des Herzstücks von Yukos werden sich die Aktionäre zu einer außerordentlichen Hauptversammlung treffen. Der Vorstand hat den Aktionären nun vorgeschlagen, entweder eine Liquidation des Unternehmens zu beschließen oder aber Konkurs zu beantragen. Jeder Rettungsversuch sei angesichts des Verhaltens der Staatsanwaltschaft zum Scheitern verurteilt, entschied man, nachdem man gerade von einer neuen Forderung der Behörden über sechs Milliarden Dollar erfahren haben soll. Ob ein Insolvenzvertrag hilft, wenigstens Teile des Unternehmens vor der Zwangsversteigerung zu retten, ist fraglich. Denn einem Konkursverfahren müßten russische Gerichte zustimmen. "Berücksichtigt man die politischen Umstände, ist es nicht unwahrscheinlich, daß das zuständige Gericht angewiesen werden könnte, den Gläubigerschutz zu verweigern", heißt es etwa bei der Moskauer Investmentbank United Financial Group. Noch ist unklar, wer Yukos übernehmen wird. Trotz gegenteiliger Äußerungen wurde spekuliert, daß sich auch der deutsche Energiekonzern Eon an der Auktion beteiligen werde. Zu Eon gehört Ruhrgas, der größte ausländische Anteilseigner des russischen Gasgiganten Gasprom, der das Kernstück des geplanten staatlichen Öl-, Gas- und Stromkonzerns ist. Er soll die russische Energiebranche nach dem Willen des Kremls in Zukunft dominieren.

Quelle: mwe., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2004, Nr. 279 / Seite 18
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