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Rußland Das Beispiel des Ölkonzerns Yukos macht Schule

30.10.2003 ·  Seitdem russische Großkonzerne westliche Organisationsprinzipien und Methoden der Unternehmensführung übernommen haben, spielen ausländische Manager in der russischen Wirtschaft eine zunehmend wichtige Rolle.

Von Markus Wehner, Moskau
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Die Meinung, Ausländer könnten das Land nicht verstehen, ist in Rußland weit verbreitet. Daß der Westen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Rußland nicht immer die richtigen Ratschläge gab, oft aus Unverständnis für das Land, hat diese Ansicht bei vielen noch bestärkt. Doch seitdem sich die russischen Großkonzerne der westlichen Organisationsprinzipien und Methoden der Unternehmensführung angenommen haben, spielen ausländische Manager in der russischen Wirtschaft eine zunehmend wichtige Rolle. Fast alle führenden Investmentbanken des Landes beschäftigen - neben russischen - ausländische Analysten, und auch die Unternehmen und Holdings der "Oligarchen" haben Spitzenposten an Ausländer aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Europa, Australien oder Neuseeland vergeben.

Nun steht sogar ein Amerikaner an der Spitze des größten russischen Ölkonzerns Yukos. Als Steven Michael Theede Ende August zu Yukos kam, wußte er, daß dem Unternehmen eine schwere Zeit bevorsteht. Denn ein Hauptaktionär von Yukos, Platon Lebedjew, der als Vertrauter des Vorstandsvorsitzenden Michail Chodorkowskij und zweiter Mann bei Yukos galt, saß zu diesem Zeitpunkt schon acht Wochen in Haft, und täglich neue Ermittlungen und Durchsuchungen bestimmten den politischen Sommer in Moskau. Wie die Ereignisse vom Donnerstag zeigten, war dies aber nur der Beginn eines großen Kräftemessens.

Amerikaner am Ruder

Daß ihm selbst nach nur zwei Monaten die Aufgabe zufallen würde, den größten russischen Ölkonzern zu leiten, hatte der amerikanische Ölmanager wohl kaum geahnt. Doch am Wochenende kam Chodorkowskij in Haft, am Donnerstag wurden große Aktienpakete beschlagnahmt. Yukos hatte zuvor entschieden, den möglichen Nachfolger Wassilij Schachnowskij, Chef von "Yukos-Moskwa", dem strategischen Herzstück des Unternehmens, dem Zugriff der Staatsanwaltschaft zumindest einstweilen zu entziehen, indem er ein politisches Amt annahm. So kam laut dem im Sommer erstellten Krisenplan die Reihe an den Chief Operating Officer und ersten Vizepräsidenten Theede, der nun faktisch Vorstandsvorsitzender von Yukos ist. Fast dreißig Jahre lang war der 51 Jahre alte bodenständige Amerikaner aus Kansas als Manager beim amerikanischen Ölmulti Conoco. Zu unterschiedlichen Zeiten zuständig für Förderung, Verarbeitung und Verkauf, schaffte es Theede bis zum Vize-Präsidenten des Unternehmens. Zuletzt leitete er die Geschäfte des Konzerns in Rußland und im Kaspischen Raum.

Yukos-Chef Chodorkowskij holte den Amerikaner in sein Unternehmen, um mit seiner Hilfe die Fusion mit dem Konkurrenten Sibneft zu YukosSibneft, einem der größten Ölkonzerne der Welt, erfolgreich abzuschließen. Dafür soll im kommenden Jahr ein gemeinsames Führungsteam geschaffen werden, und als neutrale, keiner Seite verpflichtete Figur schien Theede dafür der geeignete Mann. Auch beim geplanten Einstieg eines amerikanischen Ölmultis bei Yukos - Exxon-Mobil oder Chevron-Texaco - wären die Erfahrung und Kenntnisse des Amerikaners nützlich, der einen weiteren Amerikaner, Thomas Nicewarner, von Conoco Inc. in Houston in die Führungsetage von Yukos mitgebracht hat.

Nicht ungewöhnlich

Trotz der besonderen Umstände, unter denen Theede an die Spitze von Yukos kam, ist seine Ernennung nicht so ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Chodorkowskij hat schon seit Jahren amerikanische und europäische Manager zu Yukos geholt, die helfen sollten, das Unternehmen auf westliches Management umzustellen. So ist auch der Finanzchef von Yukos, Bruce Misamore, ein Amerikaner. Der Leiter der internationalen Abteilung, Hugo Erikssen, ist Norweger. Mit der Attacke des Kremls auf Yukos wurde es jedoch zu einer Überlebensfrage für den Konzern, Ausländer in Schlüsselstellungen zu bringen. Denn die sind weit schwerer von der russischen Justiz zu belangen als russische Bürger. Heute soll fast auf jedem wichtigen Posten ein russischer Manager einen ausländischen Vertreter haben.

Consulting ist teurer

Dem Beispiel von Yukos sind viele andere Großunternehmen gefolgt. Der 35 Jahre alte "Oligarch" Oleg Deripaska, der 75 Prozent an dem Aluminiumriesen Rusal besitzt, hat die Erweiterung seines größten Aluminiumwerkes in Sajanogorsk einem Kanadier anvertraut, die Leitung eines anderen großen Werks im sibirischen Bratsk einem Australier, und er hat einen Neuseeländer als Verkaufsleiter eingestellt. Für den Aufbau einer Rechtsabteilung hat er den deutschen Anwalt Hermann Schmitt von Clifford Chance Pünder für ein Jahr als persönlichen Berater gewonnen. "Ausländische Fachkräfte einzustellen, liegt im Trend", sagt Schmitt. "Es ist sinnvoll, weil es viel billiger ist, einen Know-how-Träger einzustellen, als eine große Consulting-Firma zu beauftragen." Russische Konzerne nutzten die Kontakte zu Ausländern, die sie über Wirtschaftsprüfung und Beratung kennengelernt hätten. So arbeitet beispielsweise der Österreicher Thomas Veraszto, zuvor Partner bei McKinsey in Moskau, nun für den großen russischen Stahlproduzenten "Sewerstal" des Großunternehmers Alexej Mordaschow.

Moskaus Business Community

Die Reihe der Beispiele ließe sich bei anderen Firmen fortsetzen. Auch die Verpflichtung ausländischer Berater mit klangvollen Namen (unter ihnen der frühere Vorstandschef der Telekom Ron Sommer, der den Telekom- und Mischkonzern AFK Sistema berät) gehört heute schon zum guten Ton der russischen Großunternehmen. Weder äußerlich noch in der Arbeitsorganisation unterscheiden sich diese Unternehmen heute von vergleichbaren im Westen. Viele der russischen Mitarbeiter haben im Ausland studiert und gearbeitet, fließendes Englisch ist selbstverständlich. Zudem gibt es zahlreiche russische Heimkehrer, deren Eltern oder Großeltern ausgewandert waren.

Ausgestattet mit westlicher Sozialisation und Ausbildung erschließen sich ihnen heute in Rußland große Chancen. Zugleich gibt es vor allem in Moskau immer mehr ausländische Unternehmen, die nur wenige ausländische Manager nach Rußland schicken, die übrigen Spitzenkräfte aber unter den jungen, gut ausgebildeten Russen suchen. So ist zumindest in Moskau schon eine internationale "Business Community" entstanden. Die Spitzenunternehmen der russischen Wirtschaft sind heute für den Auftritt auf dem internationalen Markt gerüstet. Allein die politische Elite hinkt bei der Modernisierung noch weit hinterher.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.2003, Nr. 253 / Seite 20
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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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