http://www.faz.net/-gqe-731s5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 22.09.2012, 15:58 Uhr

Rushhour des Lebens Zwischen 30 und 40 muss alles passieren

Heiraten, Kinder kriegen, sich im Job etablieren - all das sollen Männer und Frauen zwischen 30 und 40 schaffen. Forscher, Politiker und Personalberater befassen sich mit der Rushhour des Lebens, aber noch ist es keinem gelungen, den jungen Leuten die Ausfahrt auf den Parkstreifen zu zeigen.

von und
© Jonas Wresch, Daniel Pilar, Archiv Menschen zwischen 30 und 40: Wir sind in der Rushhour des Lebens

Auf dieses Vorstellungsgespräch hatte der Chef sich besonders gefreut: Die Bewerberin hatte an Elite-Universitäten studiert, Jura mit glänzenden Noten abgeschlossen, und in ihren Zeugnissen gerieten die früheren Chefs ins Schwärmen über die Spitzenkraft. Doch als sie in den Raum marschierte, war der Herr baff: Die Kandidatin schob einen Kinderwagen vor sich her.

Lisa Nienhaus Folgen:

Ihre Botschaft war klar: „Nicht ohne meine Tochter. Wer mich einstellt, kauft nicht nur eine Mitarbeiterin, er kauft eine Mutter.“ Wenige Bewerberinnen dürften das wagen, aber Michelle Obama war mutig. Und sie bekam die Management-Stelle an der Uni-Klinik von Chicago, obwohl sie Tochter Sasha mitbrachte. 37 Jahre war Michelle Obama da alt, ihr Mann kletterte schon die politische Karriereleiter empor, und sie musste alles auf einmal schaffen: den Job, den Haushalt, die Kinder - sie war in der Rushhour des Lebens.

Infografik / Ihre Lebensverdichtung © F.A.Z. Vergrößern Typische Ausbildungs- und Erwerbsbiographie einer Frau

Ob in Amerika oder Deutschland, in diesen Jahren zwischen 30 und 40 prasselt auf Frauen und Männer alles zugleich ein: Sie wollen aufsteigen, aber auch den richtigen Partner finden, sie wollen vielleicht ein Haus bauen, aber auch Überstunden machen. Sie möchten die Kinder glücklich machen und die Chefs zufriedenstellen - eine fast übermenschliche Aufgabe. Es ist ein Leben auf der Überholspur.

Forscher, Politiker und Personalberater befassen sich mit der Rushhour des Lebens, aber so richtig ist es noch keinem gelungen, den jungen Leuten die Ausfahrt auf den Parkstreifen zu zeigen. Es bleibt dabei: Zwischen 30 und 40 muss alles passieren, sonst wird aus vielen Träumen nichts.

Mehr zum Thema

Wenn sich einer mit der Rushhour des Lebens auskennt, dann ist es Hans Bertram. Der Berliner Soziologe ist zwar selbst schon 66 Jahre alt, hat aber den Begriff „Rushhour“ für die stressige Lebensphase zwischen 30 und 40 Jahren geprägt. Die nötigen Studienobjekte findet der Soziologe in der eigenen Familie: Er hat drei Söhne im entsprechenden Alter.

„Die Zeitspanne, in der junge Leute den Einstieg in den Beruf finden, heiraten und eine Familie gründen, wird immer kürzer“, sagt Bertram. Er beobachtet das Phänomen erst seit weniger als 20 Jahren. Für die 1930/1940 Geborenen sei das Leben noch ganz anders gelaufen. „Sie haben zwischen 22 und 26 geheiratet, sich für das erste Kind ein paar Jahre Zeit gelassen und das letzte mit 34 bekommen“, sagt Bertram. „Heute bekommt man das erste Kind zwischen 29 und 32, das letzte mit 31 bis 33, und dazwischen wird auch noch geheiratet.“

Infografik / Seine Lebensverdichtung © F.A.Z. Vergrößern Typische Ausbildungs- und Erwerbsbiographie eines Mannes

Gleichzeitig hat sich der Berufseinstieg stetig nach hinten verschoben, da viel mehr Männer und Frauen eine akademische Ausbildung haben. Das liegt nicht nur daran, dass Studieren länger dauert als eine Ausbildung. „Wer in höhere Positionen einsteigt, hatte immer schon einen schwierigeren Berufseinstieg mit mehr Unsicherheiten zu Beginn“, sagt Bertram. Und wer gründet schon eine Familie, während er noch einen Zeitvertrag hat?

Das muss man nicht unbedingt negativ sehen. „Die junge Generation hat enorme Freiheiten gewonnen, indem sie viele Entscheidungen nach hinten verschoben hat“, sagt Bertram. Dass die Männer und Frauen diese Freiheiten in den Jahren zwischen 20 und 30 genießen und lieber ein Auslandssemester machen und die Partner ein paarmal wechseln, anstatt als Studenten Kinder zu kriegen, findet er verständlich. „Das kann ihnen doch wohl keiner verbieten.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schulweg von Kindern Mama, bitte fahr mich nicht schon wieder!

Was vor Jahren für Grundschüler selbstverständlich war, ist für viele Eltern ein Problem. Immer mehr Väter und Mütter bringen ihre Kinder aus Sorge vor Unfällen mit dem Auto zur Schule. Nicht nur Lehrer halten das für falsch. Mehr Von Florentine Fritzen

16.05.2016, 15:25 Uhr | Politik
Fortpflanzungsmedizin Des Lebens eisige Reserve

Babys aus dem Kühlraum und Keimzellen im Labor: Nicht nur Unfruchtbarkeit, auch Volkskrankheiten und Lifestyle treiben die Fortpflanzungsmedizin an. Wir zeigen, wie das eine junge Krebspatientin mit Kinderwunsch erlebt. Mehr Von JOACHIM MÜLLER-JUNG

16.05.2016, 10:27 Uhr | Wissen
Nigeria Entführtes Schulmädchen befreit

Mehr als 200 Schulmädchen hat die Terrormiliz Boko Haram vor zwei Jahren entführt. Nun konnte eine der jungen Frauen in Nigeria befreit werden. Besteht damit Hoffnung auch für die anderen? Mehr Von Thomas Scheen, Nairobi

19.05.2016, 17:08 Uhr | Politik
Mauritius Siebenjähriger Kitesurfer fliegt wie ein Großer

Ein Trainer attestierte dem Kind Talent und half bei der Ausrüstung. Seitdem er vier Jahre alt ist, übt der inzwischen siebenjährige Junge auf dem Brett. Mehr

06.05.2016, 16:28 Uhr | Sport
Flüchtlingslager als Attraktion Das Open Air von Idomeni

Das Flüchtlingslager in Idomeni ist zur Attraktion für Touristen und Sinnsucher geworden. Die Menschen kommen, helfen oder auch nicht. Und alle haben gute Absichten. Mehr Von Antje Stahl

23.05.2016, 10:26 Uhr | Feuilleton

Bayers ignorante Monsanto-Übernahme

Von Carsten Knop

Bayer will Monsanto kaufen – dagegen laufen Aktivisten Sturm. Doch das interessiert Bayer nicht. Das ist ein Problem. Mehr 15 35


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Umfrage Zwei Drittel der Europäer für Grundeinkommen

Gute Idee oder schlicht Schwachsinn? Immer mehr Menschen diskutieren über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Schweizer stimmen bald ab. Nun kommt eine überraschende Umfrage heraus. Mehr 70

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“