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Rundfunk Schon GEZürnt?

Nix Information, Bildung oder Kultur. Ein Drittel der Sendezeit in ARD, ZDF und dritten Programmen geht für seichtes Gedöns drauf.

Sage niemand mehr, Juristen wären nicht kreativ. Anwälte der Drogeriekette Rossmann treten den Gegenbeweis an. Rossmann klagt, wie die F.A.Z. gerade berichtete, vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof gegen den neuen Zwangsrundfunkbeitrag, den jeder Haushalt und auch jedes Unternehmen leisten muss. Mit der Klageschrift schickten die Rossmann-Anwälte den Richtern auch eine Liste. Sie zeigt, wie viele Sendeminuten ARD, ZDF und dritte Programme welchen TV-Sendungen an einem beliebigen Dienstag im November einräumten.

Das Ergebnis: 700 Minuten Telenovelas, 320 Minuten Daily Soaps, 279 Minuten Boulevard, 275 Minuten Krankenhausserien, 100 Minuten Kochshows - Werbung nicht gezählt. Insgesamt verflossen nach dieser Rechnung an einem Tag 32,8 Sendestunden mit seichtem Gedöns. Nix Information, Bildung, Kultur. Und schon gar nicht irgendetwas, was die Dirk Rossmann GmbH braucht.

Programm und Selbstverständnis klaffen auseinander

Die Liste zeigt plastisch, wie weit Programm und Selbstverständnis der Sender voneinander entfernt sind. Ihr Selbstbild (und die Vorstellung des Grundgesetzes) ist ein wirtschaftlich und politisch unabhängiges Programm, das die Menschen politisch bildet und anspruchsvoll unterhält. Eine Art Bundesfunk für politische Bildung, der die ganze Gesellschaft voranbringt, argumentieren die Architekten des neuen Zahlungsmodells um den früheren Verfassungsrichter Paul Kirchhof, also sollen alle zahlen, die einen Raum besitzen, egal ob sie zuschauen oder nicht, ob sie blind, taub oder dement sind, ob ihre Angestellten das Radio ständig oder niemals einschalten.

Es ist das klassische Modell einer Zwangsfinanzierung öffentlicher Aufgaben durch die Bürger, wobei die Bürger auch zahlen müssen, wenn sie die Leistung nicht konsumieren - eine klassische Steuer, wenn man davon absieht, dass Rundfunk kein Staatsfunk ist. Es bevölkern nur Staatsamtsträger die Rundfunkgremien.

Aber statt des hässlichen Worts Steuer hat WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn ein hübscheres Wort erfunden: „Demokratie-Abgabe“. Öffentlich belehrt zu werden, der Beitrag diene der eigenen „Persönlichkeitsentfaltung“ (O-Ton Verfassungsjurist und ZDF-Verwaltungsrat Dieter Grimm), um dann zwischen Shalala-Shanty-Chor, Fußball-Zweitliga-Spiel und Talkshow einzuratzen, weil erst zur Geisterstunde hochwertige Formate laufen - das ist vielen Hohn. So wie die Umbenennung der Gebühreneinzugszentrale GEZ (Motto: Schon GEZahlt?) in „Beitragsservice.“

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Die Sender antworten auf Kritik an flachen Filmchen mit deren prächtigen Quoten. Auf Kritik am allgemeinen Zuschauerschwund dagegen heißt es, das Programm sei eben auftragsgemäß sehr anspruchsvoll. Das ist ausgebuffte Schizophrenie. Anstatt sie zu therapieren, haben die Erfinder des neuen Beitrags die Zahlungspflicht flugs entkoppelt vom Konsum des Programms.

Unverändert ist die wirtschaftliche Macht der Sender, die zusätzlich zu Gebühren an Sponsoring und Werbung verdienen. Mit ihrer Kriegskasse stechen sie Privatsender aus im Wettstreit um Fußballrechte. Verlagen graben sie mit zeitungsähnlichen Informationsangeboten im Netz und auf dem Smartphone das Wasser ab.

Ganz zu schweigen von allgemeiner finanzieller Intransparenz: Nicht einmal die Sender selbst überblicken, wie viele Menschen für sie arbeiten (beim ZDF dürften es bis zu 7000 Menschen sein), auch das Geflecht der Tochterfirmen ist für Außenstehende undurchdringbar. Dabei ist interessant, was der Rundfunkbeitrag alles trägt: eine große Intendanten-Renten-Party beim ZDF etwa oder 450 000 Euro Honorar von Moderatorin Monika Lierhaus für die Fernsehlotterie. Und die bunten Gebührenbescheide, die dieser Tage ins Haus flattern. Die Logos der Sender sind in Farbe gedruckt - das gebietet die Corporate Identity.

Quelle: F.A.S.

 
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