28.04.2009 · Selbst Schnäppchenjäger haben gelegentlich schon Mitleid mit den Milchbauern. Denn Butter kostet nur noch 65 Cent im Supermarkt. Agrarministerin Ilse Aigner bittet daher zu einem „Runden Tisch“ der Lebensmittelwirtschaft nach Berlin. Doch „Milchgipfel“ will sie das Treffen nicht nennen.
Von Konrad MrusekSelbst Schnäppchenjäger haben gelegentlich schon Mitleid mit den Milchbauern. Denn Butter kostet nur noch 65 Cent im Supermarkt und ist damit so billig wie vor sechzig Jahren. Auch Milch wird nicht nur von Discountern zurzeit günstigst abgegeben. Kein Wunder, dass der Bauernstand wieder zum Klagestand geworden ist und ähnlich wie andere Branchen die Politik um Hilfe bittet.
Agrarministerin Ilse Aigner bittet daher an diesem Dienstag zu einem "Runden Tisch der Lebensmittelwirtschaft" nach Berlin. Bauern, Molkereien, Industrie und Handel wollen darüber beraten, wie man den Landwirten helfen und ihre Marktposition gegenüber Industrie und Handel stärken kann. Die CSU-Politikerin nennt das Treffen wohlweislich nicht "Milchgipfel". Sie will keine übertriebenen Erwartungen wecken wie noch ihr Vorgänger Horst Seehofer. Der hatte im Sommer 2008 einen Milchgipfel organisiert, der sich als ein politisches Placebo erwies. Die Preise sind danach weiter gefallen.
Die bayrische Agrarministerin und die Wut der Kleinbauern
Der Markt kann brutal sein. Noch vor zwei Jahren strahlten die Landwirte, fühlten sich einige bereits wie die neuen Scheichs, weil mit dem Rohöl auch Mais und Raps und andere Feldfrüchte historische Erlöse erreichten. Auch die Molkereien zahlten den Bauern damals mehr als 40 Cent je Liter Milch. Nun bekommen sie in einigen Regionen gerade noch die Hälfte. Auch wenn man die EU-Subvention von etwa 3,5 Cent je Liter fairerweise hinzurechnen muss: Mit diesem Preis haben selbst Großbauern im Norden und Osten Mühe, die Kosten zu decken. Kleinbauern in den Mittelgebirgen und in Bayern können damit nicht überleben. Kein Wunder, dass hier die Unruhe besonders groß ist. Die bayerische Agrarministerin Aigner kann es sich denn auch mit Blick auf die Europawahlen und im Angesicht ihres Parteichefs Seehofer nicht erlauben, eine Politik der ruhigen Hand zu betreiben.
Doch welche Möglichkeiten hat sie? Gegen den Preisverfall kann sie nicht viel tun, die Kräfte des Marktes sind zu stark. Nicht einmal die EU kommt dagegen an. Sie hat nach langer Interventionspause wieder mit dem Aufkauf von Butter begonnen und subventioniert trotz gegenteiliger Versprechen gegenüber der Welthandelsorganisation den Export von Magermilchpulver. Diese Eingriffe haben keineswegs zu höheren Preisen geführt, sondern nur den Abwärtstrend gebremst.
Fast 40 Prozent der Produktion wird ausgeführt
Der europäische Milchmarkt ist zwar noch nicht völlig liberalisiert, es gibt noch bis 2015 Produktionsquoten und hohen Außenschutz. Doch wie stark inzwischen der Weltmarkt auch die Preise der Milchbauern bestimmt, das zeigte der scharfe Preisanstieg 2007: Eine Dürre in Australien und große Nachfrage in Asien hatten dafür gesorgt, dass die Bauern hierzulande ordentlich profitierten. Die Preise an der deutschen Kühltheke werden sich immer stärker an den Weltmarktnotierungen orientieren, weil inzwischen fast vierzig Prozent der Produktion ausgeführt werden. Knapp ein Fünftel der Milch kauft die Industrie, 40 Prozent gehen in den Einzelhandel.
Dass die internationale Verflechtung zu größeren Preisschwankungen führt, haben viele vorausgesagt. Dass es allerdings so schnell so heftig nach unten geht, hat die Fachleute überrascht. Doch falsche Prognosen gibt es in der jetzigen Krise überall. Es verringerten sich nicht allein die Milchexporte, auch die Verkäufe im Inland sanken deutlich. Zu einem gewissen Teil haben es sich die Bauern selbst zuzuschreiben, dass Mengen und Preise derart tief fielen: Wegen des Milchboykotts vor einem Jahr änderte die Lebensmittelindustrie teilweise ihre Rezepturen und ersetzte Milchfett durch pflanzliche Fette. Einige Pizza-Hersteller verzichteten gar auf Käse und verwenden nun ein pflanzliches Imitat.
Vor dem Kühlregal ist oft Schluss mit der Sympathie
Die Bauern sollten sich nicht täuschen: Sie ernten in Umfragen zwar immer viel Sympathie, die Verbraucher befürworten "faire" Milchpreise. Doch wenn die Konsumenten vor dem Kühlregal stehen, agieren sie ganz anders - nämlich besonders preisbewusst. Als die Butterpreise 2007 schlagartig stiegen, verminderte sich der Absatz in einigen Monaten um mehr als zwanzig Prozent, kam mehr Margarine auf den Tisch.
Die Landwirte attackieren gerne die Discounter, weil die angeblich Milchprodukte "verramschen". Tatsächlich setzen Aldi und Lidl mit ihrer Marktmacht jene Preise, die Molkereien den Bauern im Gegenzug zahlen können. Doch es bringt den Bauern nicht viel, wenn sie da einige Cent mehr herausholen, wie vor Jahresfrist vorübergehend mit dem Boykott. Nur 14 Prozent der Produktion gehen als Trinkmilch in die Kühltheke. Viel sinnvoller als nationale Preisdebatten wäre es, wenn die Molkereien es endlich schafften, ihre kleinteilige Struktur zu ändern, um den Handelsriesen besser Paroli bieten zu können.
In der Krise kann der Staat den Bauern helfen, etwa durch vorgezogene Direktzahlungen, durch Kredite oder durch eine Senkung der Agrardiesel-steuer. Doch am Preis und an der Menge kann er nicht mehr drehen. Und das ist gut so. Der Preis wird wieder steigen, erst recht, wenn es den Bauern und ihren Molkereien gelingt, bessere und innovativere Produkte zu schaffen, das Massenprodukt Milch mehr zu individualisieren. Ein Vorbild sind die Bio-Bauern, die auch in der Krise bessere Preise bekommen.
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2461 | −0,22% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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