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Rüstungsauftrag Indian Fighter

13.01.2012 ·  Der derzeit größte Rüstungsauftrag der Welt wird die Zukunft der Industrie prägen. Indien entscheidet über den Kauf von Kampfjets. Auch die Bundeskanzlerin schaltet sich ein - es geht um 20 Milliarden Dollar.

Von Christoph Hein
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© AFP Das Eurofighter-Konsortium mit den Deutschen an der Spitze hat gute Chancen, den Auftrag aus Indien zu erhalten

Dieser Kampf findet nicht über den Wolken statt, sondern in Amtsstuben und Sitzungssälen, auf Empfängen und hinter fest verschlossenen Türen, bei Gin-Tonic, auf Briefpapier und an Telefonen, die gegen Abhören gesichert sind. Es geht um viel, für manche um alles: Der derzeit größte Rüstungsauftrag der Welt wird die Zukunft der Industrie prägen.

Nach einem jahrelangen Auswahlverfahren werden die Inder bald entscheiden, welches Kampfflugzeug das Rückgrat ihrer Verteidigung wird. Für die Rüstungskonzerne, hier die französische Dassault, dort das Eurofighter-Konsortium, geht es um einen Großauftrag für 126 Maschinen und 63 Optionen im Volumen von geschätzten 20 Milliarden Dollar. Auf lange Sicht könnten die Inder mehr als 200 Maschinen bestellen.

„Das hier ist der größte Auftrag für ein Kampfflugzeug, mindestens seit den frühen neunziger Jahren“, schwärmt Mark Kronenberg, der Asienchef von Boeing. Matthias Schmidlin, Chef des Indien-Projektes von Eurofighter, fühlt sich an das Besteigen des Mount Everest erinnert: „Diese Kampagne für ein Kampfflugzeug ist die weltweit größte mit den höchsten Herausforderungen.“

Kurz vor dem Gipfel bleiben nur noch zwei Konkurrenten: Die Franzosen mit ihrer Rafale und das Konsortium aus Deutschen, Briten, Italienern und Spaniern mit dem Eurofighter Typhoon. Verlieren die Franzosen, muss Hersteller Dassault die Schließung fürchten. Gewinnen die Pan-Europäer, lassen sie sich darauf ein, Fertigungskapazität, Entwicklung von Hochtechnologie und militärische Macht abzugeben an ein Schwellenland, das immer wieder von tiefgreifenden Skandalen erschüttert wird. „Die Inder kommen dann auf Augenhöhe, werden industrieller Partner“, versprechen die Europäer.

„Zügige und nachhaltige Weiterentwicklung“

Auf den letzten Metern ist der Auftrag Chefsache. Also schaltete sich Kanzlerin Angela Merkel ein: Am Tag vor Heiligabend ließ sie ihrem indischen Amtskollegen, dem „lieben Herrn Singh“, einen höflichen, aber bestimmten Brief in seinen Amtssitz übersenden. Darin bietet die deutsche Kanzlerin einen „umfassenden Transfer modernster Technologien“ an, sollten die vier Europäer unter Führung der Deutschen den Auftrag gewinnen.

Dieser Transfer bildete die Grundlage für „eine zügige und nachhaltige Weiterentwicklung der indischen Luftfahrtindustrie“, verspricht Merkel. Die Kanzlerin schreibt von einer „vertieften kooperativen Partnerschaft mit vier technologisch und wirtschaftlich bedeutenden Nationen der Europäischen Union“, die den Indern winke.

Mit Speck fängt man Mäuse - auch beim Verkauf von Düsenjets. Die Inder brauchen eine funktionierende Luftwaffe, brauchen aber auch eine arbeitsfähige Flugzeugindustrie. Die Chinesen sitzen längst an der Entwicklung eigener Großraumflugzeuge, bauen einen Tarnkappenjet für ihre Luftwaffe. Und Indien? Im Rüstungswettlauf gegen China weit unterlegen, fordert die Air Force nichts dringender als ein einsatzfähiges, modernes Kampfflugzeug.

„Ihre alternden russischen MiGs stürzen so häufig vom Himmel, dass sich Piloten inzwischen weigern, sie zu fliegen“, berichtet ein Kenner der indischen Luftverteidigung. Ohne einen neuen Jet aus dem Westen wird die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens weiter zurückfallen im Ringen um die Sicherheit rund um den Indischen Ozean.

Auf den ersten Blick erscheint die Wahl einfach

Die Suche nach dem Flieger der Zukunft begann vor Jahren. Mit Boeings F/A-18-E/F-Super Hornet und der ebenfalls amerikanischen F-16IN Super Viper von Lockeed Martin, der russischen MiG-35 und der schwedischen Saab JAS 39 Gripen standen den Europäern vier Konkurrenten gegenüber. Keiner genügte den Anforderungen der indischen Luftwaffe.

Nun, wo nur noch die Europäer im Rennen sind, scheint die Wahl auf den ersten Blick einfach. Indische Zeitungen staunen, das Eurofighter-Konsortium habe sogar das preiswertere Angebot abgegeben. Aus fliegerischer Sicht hat das europäische Produkt sowieso die Nase vorn. Zuletzt im Libyen-Krieg zeigte die Raphale deutliche Schwächen.

Doch so einfach ist es nicht, stehen Milliarden und Abhängigkeiten über 40 Jahre auf dem Spiel. „Die Inder haben schreckliche Angst, etwas falsch zu machen“, sagt einer aus dem Lager der Europäer. Nach einem Jahr der großen politischen und wirtschaftlichen Skandale wartet jeder nur darauf, dass auch bei diesem Riesenauftrag etwas schief läuft. Alles wird deshalb dreifach geprüft, der Prozess immer wieder hinterfragt.

Die letzte Verteidigungslinie bildet „Saint Antony“, der ob seiner Unbestechlichkeit in der See der indischen Korruption fast heilige Arackaparambil Kurien Antony, seines Zeichens Verteidigungsminister der größten Demokratie der Erde. „Der ist sauber“, heißt es bei allen Beteiligten. „Aber entscheidungsschwach.“ Angst haben aber auch die Anbieter. Dassault gleitet ohne den Verkauf der Rafale ins Nichts.

Offerten wie das „Bisserl-mehr“ an der Wursttheke

Das Europa-Quartett braucht den Auftrag aus Indien, um das Eurofighter-Programm langfristig zu sichern. Denn die Regierungen in Europa sind längst zu schwach und zu arm, um weiter Geld in die Entwicklung zu pumpen. Zudem hat das Konsortium bei allen Käufen der Asiaten nur verloren: Indonesien, Malaysia und Vietnam bestellten die russischen Sukhois, Südkoreaner, Singapurer und Japaner blieben den Amerikanern treu, die Thais kauften in Schweden ein.

Also retten sich die Hersteller in Offerten, die wie das „Bisserl-mehr“ an der Wursttheke im Supermarkt klingen: Die Franzosen, so heißt es, knüpften ihr Angebot an den Ausbau des zivilen Atomprogramms in Indien. Frankreichs Konzerne wollen die nächste Generation der indischen Meiler bauen. Da würde es helfen, wenn Indien zunächst Dassault das Überleben sicherte.

„Die nehmen die Inder nach Strich und Faden aus“

Die Inder aber fühlen sich über den Tisch gezogen, beklagen überzogene Preise, die die Franzosen für die Nachrüstung ihrer Mirage-2000-Kampfflugzeuge in Diensten der indischen Luftwaffe verlangten. „Die nehmen die Inder nach Strich und Faden aus“, heißt es in Delhi. Zudem spielt Indien sehr bewusst mit seinen Vertragspartnern - ungern setzen sie am Ganges alles auf eine Karte.

Und hat Frankreich nicht schon Milliardenaufträge für den Bau von sechs Scorpène U-Booten für die Inder an Land gezogen? Auch deshalb macht sich inzwischen wieder Thyssen-Krupp Hoffnungen, den nächsten U-Boot-Auftrag zu gewinnen. Auch um Flagge zu zeigen, halten die Thyssen-Vorstände ihre Sitzung Anfang Februar in Delhi ab.

„Uns wird unterstellt, dass wir nicht bei der Sache wären“

Gekämpft wird auf allen Seiten mit allen Mitteln. Es werden Gerüchte gestreut, Journalisten und Diplomaten für die eigenen Interessen eingesetzt, Versprechungen gemacht, Drohungen formuliert. Das Eurofighter-Konsortium versucht, relativ leise aufzutreten. Zu leise, wie manche kritisieren. „Uns wird unterstellt, dass wir nicht bei der Sache wären. Dabei ist es uns wichtig, dass wir nicht großspurig erscheinen, den Indern erkennbar ihren Willen lassen, verlässlich bleiben“, heißt es auf dem diplomatischen Parkett der Konsortialländer.

Deutschland hat die Führerschaft in dem Quartett. So kann Merkel in ihrem Weihnachtsbrief an Singh auch im Namen ihrer „Amtskollegen aus Großbritannien, Italien und Spanien“ schreiben, dass die Anforderungen des indischen Leistungskataloges in hervorragender Weise erfüllt worden seien.

Indien als führendes der sieben Bestellerländer

Daran gibt es keinen Zweifel. Mindestens aber so wichtig ist die Zukunft, sind die nächsten vier Dekaden. Die vier Europäer offerieren, Indien als vollwertigen Partner in das Eurofighterprogramm aufzunehmen. Sie haben keine andere Wahl: Angesichts der Haushaltslücken ist die goldene Zeit der Rüstungskonzerne in Europa vorüber. Erst im Herbst hatte der europäische Marktführer, die britische BAE Systems, 3000 Stellen gestrichen, weil die Aufträge für den Eurofighter hinausgezögert würden. Die vier Partnerländer hätten beschlossen, „die Produktion zu drosseln, um ihre Haushalte zu entlasten“, sagte BAE-Vorstandschef Ian King.

De facto werden die Inder bei einem Zuschlag diejenige Nation sein, die die meisten Einheiten des europäischen Kampfflugzeuges fliegt - Saudi-Arabien hat 72 Maschinen bestellt, Österreich 15. Zwar wird Indien nicht zum Quartett der Konsortialpartner hinzustoßen. Aufgrund des Umfangs ihrer Bestellung, ihrer heranreifenden technischen Fähigkeiten, aber vor allem, weil den Europäern das Geld für ihr Produkt fehlt, werden die Inder automatisch zum führenden der sieben Bestellerländer des Eurofighter.

„Zu einer Größe auf der Welt heranwachsen“

„Indien nimmt in unserer Globalisierungsstrategie eine zentrale Bedeutung ein und wir werden - unabhängig vom Ausgang der Entscheidung - unsere Aktivitäten dort weiter ausbauen“, verspricht Stefan Zoller, Chef der Rüstungssparte Cassidian der European Aeronautic Defence and Space Co. (EADS).

Mit dem indischen Mischkonzern Larsen&Toubro gründeten sie schon ein Gemeinschaftsunternehmen für Entwicklung von Rüstungstechnologie, in Bangalore (Bengaluru) eröffnete sie als erster ausländischer Waffenkonzern ein Zentrum für Ingenieurdienste. Beide Unternehmungen streben auf den Weltmarkt. Schon 2007 hatte Antony gefordert, „die indische Verteidigungsindustrie soll die Chance bekommen, zu einer Größe auf der Welt heranzuwachsen“.

„Die Inder müssen nur wollen“

Auch Airbus, der zivile Arm der EADS, hat Indien im Gegenzug für dessen Flugzeugbestellungen schon in großem Stile Entwicklungs- und Fertigungsoptionen eingeräumt. Rund 20.000 Arbeitsplätze werden durch den Kauf und den späteren Bau des Eurofighters am Ganges entstehen, einschließlich der Zulieferer. Zum Vergleich: Cassidian selbst beschäftigt heute rund 28.000 Mitarbeiter. Letztlich wird das Land mit seinen mehr als 700 Millionen Ärmsten der Armen die Chance bekommen, maßgeblichen Einfluss auf das Eurofighter-Programm ausüben.

So nutzen die Europäer beispielsweise die von Eurojet entwickelte Schub-Vector-Steuerung für den Eurofighter aufgrund zu hoher Kosten nicht. Die Inder aber könnten dies bei Bedarf tun - und die entwickelte Technik dann den Europäern zum Kauf anbieten. In der nächsten Dekade könnte die größte Demokratie der Erde auch Lenkwaffen, Radarsysteme oder andere Hochtechnologie zu dem ursprünglich europäischen Kampfflugzeug beisteuern. So stiegen Wertschöpfung, Fachwissen und Einsatzfähigkeit in Indien. Der Eurofighter würde mehr und mehr zu einem Indian-Fighter. „Die Inder müssen nur wollen“, heißt es bei den Europäern in Delhi.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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