05.06.2009 · Rüdiger Bachmann ist Assistenzprofessor in Amerika. Er hält die deutsche Trennung von Wirtschaftstheorie und -politik für überholt. Heute seien die Wissenschaftssprachen Englisch und Mathematik. Außerdem habe Eucken-Exegese mit Ökonomik als empirischer Wissenschaft nichts zu tun.
Rüdiger Bachmann ist Assistenzprofessor in Amerika. Er hält die deutsche Trennung von Wirtschaftstheorie und -politik für überholt. Heute seien die Wissenschaftssprachen Englisch und Mathematik. Außerdem habe Eucken-Exegese mit Ökonomik als empirischer Wissenschaft nichts zu tun.
Herr Bachmann, warum ist deutsche Ordnungsökonomik nicht mehr zeitgemäß?
Zum einen die Sprache und Publikationsorgane der Ordnungsökonomik: Unsere Wissenschaftssprachen sind Englisch und die Mathematik, es wird in internationalen Zeitschriften publiziert. Die Ordnungsökonomik verweigert sich, sofern sie sich diesen verschließt, einem großen internationalen Diskurs. Zum anderen scheint mir die Ordnungsökonomik zu sehr mit unhinterfragten, am Katheder ausgedachten Prinzipien zu arbeiten. Inflation ist prinzipiell schlecht, ebenso der Mindestlohn, Deregulierung immer gut. Heutige Ökonomen fragen lieber theoretisch und empirisch: Was sind die konkreten Folgen von Maßnahmen? Unter welchen Bedingungen wirken sie soundso? Wer ist wie betroffen? Der fehlende empirische Unterbau ist eine zentrale Unzeitgemäßheit der Ordnungsökonomik. Letztlich geht es mir aber gar nicht um Begriffe wie „zeitgemäß“ oder „modern“.
Worum sonst?
Es geht um Fruchtbarkeit. Ich frage: Ist Ordnungsökonomik noch fruchtbar? Viele ordnungspolitische Ideen wie etwa die Skepsis an diskretionärer Wirtschaftspolitik sind zum Teil in der heutigen Ökonomik im Hegelschen Sinne aufgehoben. Ich habe mit Harald Uhlig in der F.A.Z. nach den kürzlichen, international beachteten Beiträgen der Ordnungsökonomik gefragt, bis heute ohne Antwort.
Sie befürworten das amerikanische Modell, das die deutsche Trennung der Ökonomik nach Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik auflöst. Warum?
Ich lehne folgendes Modell ab: auf der einen Seite die Mathematiker, auf der anderen die Hermeneutiker, die Eucken-Exegese betreiben. Das hat mit Ökonomik als empirischer Sozialwissenschaft nichts zu tun. Was ist das sogenannte amerikanische, ja wirklich das weltweite Modell – die Deutschen sind da so ein bisschen wie ein kleines gallisches Dorf – eigentlich? Hier spezialisiert man sich auf Bereiche wie etwa den Arbeitsmarkt, den öffentlichen Sektor oder Makroökonomik. Innerhalb dieser Einteilungen gibt es dann auch eher theoretisch arbeitende und eher angewandte und politikberatende Ökonomen. Entscheidend am amerikanischen Modell ist, dass die Verzahnung zwischen den Bereichen stimmt, dass Bereichsspezialisten miteinander selbstverständlich kooperieren.
Das ist in Deutschland anders?
In Deutschland ist es oft so, dass etwa ein Bonner Theoretiker und der Kölner Ordnungsökonom sich nichts zu sagen haben – schon weil sie keine gemeinsame Ausbildung und Sprache haben. Bei uns im Department sitzen jeden Mittag unterschiedliche Ökonomen zusammen und diskutieren. Und so werden durch Kooperationen im amerikanischen System Spezialisierungsgewinne eingefahren, die es Einzelnen ermöglichen, großes Detailwissen auf einem Gebiet – gerade auch das immer wieder eingeforderte institutionelle und historische Wissen – zu erwerben.
Sie haben auch Philosophie studiert. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die Formalisierung der Ökonomik stoße in den Sozialwissenschaften an Grenzen?
Ich habe kein Unmöglichkeitstheorem für die Grenzen von Formalisierung. Ich weiß nur aus eigener Erfahrung, dass das Arbeiten mit Modellen gnadenlos Inkonsistenzen in einem Argument entlarvt, in einer Weise, wie das bei natürlicher Sprache in der Regel nicht der Fall ist. Und wenn man glaubt, dass politische und kulturelle Rahmenbedingungen wichtig sind: bitte in das Modell einbauen.
Ordnungsökonomen vertreten die Auffassung, Beschäftigung mit Wirtschaftspolitik sei ohne das Bekenntnis zu normativen Aussagen nicht denkbar. Teilen Sie diese Ansicht?
Ja, wenn das in Wenn-dann-Aussagen geschieht, die dann aber eigentlich keine normativen Aussagen mehr sind: Wenn ihr euren Konsum erhöhen wollt, macht folgendes und das sind die Nebenwirkungen. Aber erstens sind diese Art von Analysen niemals aus der Ökonomik verschwunden und zweitens besteht der Dissens zur Ordnungsökonomik höchstens darin, auf welcher Grundlage diese Wenn-dann-Aussagen getroffen werden: Sozialphilosophien oder harter empirischer und theoretischer Arbeit.
Spezialisierung spielt eine immer größere Rolle. Besteht die Gefahr, dass der moderne Ökonom sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht?
Diese Klage über Spezialisierung ist alt, das wurde auch in den Naturwissenschaften immer wieder befürchtet. Komplexe Untersuchungsgegenstände – und die Wirtschaft ist nun einmal hochkomplex – brauchen Arbeitsteilung, Spezialisierung und Teamarbeit. Solange die Spezialisten miteinander kooperieren – und hier hat Deutschland mit seinem Lehrstuhlsystem einen weiteren strukturellen Nachteil – sehe ich diese Gefahr nicht.
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