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Veröffentlicht: 02.04.2017, 12:53 Uhr

Zehn Jahre Finanzkrise Kann es wieder geschehen?

Vor zehn Jahren begann in Kalifornien die Finanzkrise. Zeit für einen Blick zurück in die Zukunft: Wie weit sind wir vom Abgrund weggekommen? Ein Gastbeitrag.

von Tobias Straumann und Markus A. Will
© Maximilian von Lachner Vor zehn Jahren begann die Bankenwelt Kopf zu stehen

Musizieren die Investmentbanker wieder auf einer Art „Titanic“? Vor zehn Jahren spielten sie wie ein gut eingeübtes Orchester mit ihren Kreditderivaten und -verbriefungen, ohne zu wissen, dass sie auf einem bald sinkenden Schiff mitfuhren. Kann es, anders gelagert und ausgelöst, wieder geschehen? Nach wie vor ist das europäische Bankensystem unterkapitalisiert, nach wie vor werden Staatsanleihen in den Bankbilanzen nicht realistisch bewertet, nach wie vor fehlt es an Vertrauen in die Banken, nach wie vor ist die eigentliche Regulierung ungenügend.

Vor zehn Jahren, am 2. April 2007, gab die New Century Financial Corporation (NCFC) bekannt, dass sie Gläubigerschutz nach Chapter 11 des Konkursgesetzes der Vereinigten Staaten beantragen müsse. Die NCFC war der drittgrößte Anbieter von Subprime-Hypotheken, also von Krediten an Hauskäufer, die gar kein Einkommen (no income), keine Arbeit (no job) und kein Vermögen (no assets) hatten. „Ninjas“ nannte man diese Subprime-Kunden verniedlichend.

Der 2. April 2007 war der Tag, von dem an eine Kursänderung nicht mehr wirklich möglich sein und eines dieser als unsinkbar geltenden Schiffe namens Lehman Brothers knapp 18 Monate später den Eisberg rammen sollte. Wie immer bei Eisbergen lauerte die große Gefahr unter Wasser. Die Ausmaße waren gigantisch: Es kam zu einer Hypotheken-, Finanz-, Banken- und in der Folge einer Weltwirtschaftskrise, die niemand nur im Ansatz erahnt hatte.

Die ganze Armada drohte zu versinken

Die letzte Chance zu einer nachhaltigen Kursänderung zuvor gab es im August 2006. Der amerikanische Häuserpreisindex war zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder gefallen. Nur wenige Banken hatten diese Trendwende erkannt und ihre Positionen bereinigt. Für diejenigen, die auf Kurs blieben, war es danach zu spät für eine Richtungsänderung. Zwischen April 2007 und September 2008 gab es auch jenseits einer später offensichtlich gewordenen impliziten Staatsgarantie drei fatale Fehleinschätzungen zur „Unsinkbarkeit“ der Investmentbanken:

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Zum einen zogen die von Banken extra gegründeten außerbilanziell geführten Zweckgesellschaften (Special Purpose Vehicle) ihre Liquiditätsgarantien und kamen so zurück auf die Bankbilanz. Damit hatte niemand gerechnet. Das hat beispielsweise die Industriekreditbank (IKB) zu Fall gebracht.

Zum anderen zogen die Investoren der Zweckgesellschaften ihre Kreditversicherungen (Credit Default Swaps), was beispielsweise die American Insurance Group (AIG) in den Vereinigten Staaten in die Knie zwang. Auch damit hatte niemand in diesem großen Ausmaß gerechnet.

Des Weiteren hatte niemand damit gerechnet, dass Investment- und Schattenbanken, Versicherer und das ganze Finanzsystem in Gegengeschäften derart eng miteinander verwoben waren. Mit Lehman ging nur ein Schiff unter, aber die ganze Armada drohte im September 2008 zu versinken.

Aus den Büchern, aus dem Sinn

Das surreale System war so lange gutgegangen, wie die Immobilienpreise weiter gestiegen waren. Man verkaufte mit Gewinn und stieg in das nächste teurere Objekt ein. Die Banken vergaben Kredite (und kassierten Gebühren). Die Kredite reichten sie gleich an Spezialisten wie die NCFC weiter. Aus den Büchern, aus dem Sinn: „Originate to distribute“ hieß dieses heute so absurd klingende Geschäftsgebaren mit mehrfach gebündelten, mit Spitzenratings versehenen Wertpapieren, die in den Folgemonaten täglich wertloser wurden. Kaum jemand konnte die Werte berechnen, weil kaum jemand wusste, was wie verpackt worden war.

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