22.04.2011 · Seit fünf Jahren ist Rolf Breuer im Ruhestand. Für den Vorgänger von Josef Ackermann war der Abschied von der Arbeit auch ein Abschied vom Stress. Heute ist sein Terminkalender zwar immer noch voll, doch jetzt mache er „nur noch Dinge, die Spaß machen“.
Von Christian SiedenbiedelNein, Angst vor dem Ruhestandsloch habe er nie gehabt, behauptet Rolf Breuer. „Ich habe so viele Interessen – ich wusste, ich würde mich nicht langweilen.“ 73 Jahre ist er jetzt alt, der frühere Chef der Deutschen Bank, Vorgänger von Josef Ackermann. Seit neun Jahren ist er nicht mehr Bankchef – und vor fünf Jahren hat er den Aufsichtsratsvorsitz abgegeben. Seither ist er im Ruhestand. „Der zweite Schritt war für mich der gravierendere“, sagt Breuer. „Er bedeutete den Abschied vom Geschäftsleben.“
Rolf Breuer ist das Musterbeispiel eines Managers im Ruhestand, der sich gleich neue Aufgaben gesucht hat. Für den der Abschied von den Insignien der Macht einen Einschnitt bedeutete. Der erlebt, wie sein Netzwerk kleiner wird. Der zugleich aber, ausgestattet mit dem nötigen Kleingeld, sein Leben jetzt selbstbestimmt gestalten kann wie nie zuvor im stressigen Alltag seiner Berufslaufbahn.
Auf seiner Visitenkarte steht heute einfach „Rolf-E. Breuer“. Sonst nichts. Die Vielzahl seiner ehrenamtlichen Tätigkeiten würde ohnehin nicht auf ein kleines Stück Papier passen. Breuer ist Mitglied in mehr als 30 Kuratorien und anderen Gremien überall in Deutschland: von der Alten Oper und dem Hochschulrat der Goethe-Universität in Frankfurt über Museumsinsel und Komische Oper in Berlin bis hin zur Pinakothek der Moderne in München. Eine Flucht vor der Leere? „Nein“, sagt Breuer, „ich versuche, nur noch Dinge zu machen, die mir Spaß machen.“
Residenz der grauen Eminenz
Zusammen mit anderen Ex-Vorständen der Deutschen Bank von Michael Endres bis Hilmar Kopper logiert Breuer heute in einem Bürohaus gegenüber der Frankfurter Bankzentrale. „Elefantenfriedhof“ haben sie in der Bank dieses Haus getauft und „Jurassic Park“: Weil dort die grauen Eminenzen sitzen, die Dinosaurier. Sie teilen sich Sekretärinnen und einen Fahrer-Pool.
Das sei eine der größten Umstellungen gewesen, erzählt Breuer: Dass man nicht mehr ständig einen Fahrer zur Verfügung hatte. Vor allem seine Frau habe sich Sorgen gemacht: Ob er das überhaupt noch könne – selbst Auto fahren? Aber irgendwie hat er das mit dem Lenken doch wieder hinbekommen.
Auch, dass sein neues Büro nicht einmal halb so groß war wie das alte, hat dem früheren Bankchef zunächst zu knabbern gegeben. All die englischen Stilmöbel, die ehedem seine Chefetage zierten, passten in diese bescheideneren Räumlichkeiten nicht mehr hinein.
„Ich gehe nicht jeden Tag ins Büro“
Aber dafür muss der Banker auch nicht mehr so oft ins Büro. Einige Vorgänger, wie der Nachkriegsschef der Bank, Hermann Josef Abs, oder Friedrich-Wilhelm Christians, der Chef der 80er Jahre, waren auch als Pensionäre täglich ins Büro gekommen – wenn sie nicht durch schwere Krankheit oder schlechtes Wetter verhindert waren. „Ich gehe nicht jeden Tag ins Büro“, sagt Breuer. „Ich versuche immer, die Termine in 14 Tagen zu bündeln, um dann auch mal frei zu haben.“ Zur Zeit beschäftigt Breuer vor allem der Kirch-Prozess: Der Münchener Medienunternehmer macht ihn für den Zusammenbruch seines Firmenimperiums verantwortlich. Auch so was gehört zum Leben vieler Manager im Ruhestand: Folgen der aktiven Zeit, die das Rentner-Glück schmälern.
Aus Frankfurt wegzuziehen hat Breuer nie wirklich erwogen. „Leute in meinem Alter, die an den Tegernsee ziehen, bleiben da meistens Fremde. Das wollte ich nie.“ Stattdessen hat er nach seiner Pensionierung mit fünf Freunden Bridge spielen gelernt, „richtig mit Lehrerin“. Aber weil alle jetzt immer so viel unterwegs sind, ist es gar nicht leicht, Termine zu finden. „Früher waren wir alle öfter in Frankfurt“, sagt er. „Jetzt ist einer in Portugal, der zweite auf Mallorca und der dritte auf Sylt.“
Richtig abtauchen geht erst jetzt
Auch Breuer hat im Ruhestand das Reisen begonnen. Dabei war er als Chef der Deutschen Bank natürlich schon viel unterwegs. Aber das sei etwas anderes: „Als Manager kennen Sie überall in der Welt nur Flughäfen und Büros.“ Schließlich musste er stets erreichbar sein. Richtig abtauchen, das ging nicht. Das holt er jetzt nach, zusammen mit seiner Frau: durch Vietnam in 14 Tagen von Hanoi nach Saigon, durch Patagonien, den Libanon, Syrien und den Rest der Welt. Ein Privileg der Manager unter den Rentnern ist schließlich, dass sie nicht so aufs Geld achten müssen.
Zu Empfängen geht er immer noch. „Es ist aber ein Phänomen, dass Sie als Ruheständler immer weniger Leute kennen“, gibt er zu.
Breuer hat elf Enkelkinder. Die sieht er mehr als damals seine eigenen Kinder. Einige Familien sind extra in seine Nähe gezogen. „Ich habe damals gesagt, Mindestabstand sind fünf Kilometer“, sagt er. „Damit wir nicht dauernd babysitten müssen.“ Genützt habe das aber nichts.
Kein Hausmann geworden
In Kitzbühel hat Breuer ein Haus. Auch wenn er nicht mehr Ski fährt, aus Angst vor dem Fallen. „Dort mache ich auch mal einen ganzen Tag lang nichts.“ Abschied von der Arbeit war für Breuer auch ein Abschied vom Stress – obwohl der selbstbewusste Rheinländer die Last der Verantwortung vergleichsweise gut ertragen konnte. „Schlafen konnte ich immer, sogar im Flugzeug“, sagt er. „Besser war nur Helmut Kohl – der konnte sogar im Hubschrauber schlafen.“
Breuer hat im Ruhestand nicht angefangen zu gärtnern wie Konrad Adenauer, hat sich keinen Hund gekauft. Und ist auch nicht zum Hausmann geworden. In die Falle, irgendwann übers Staubsaugerkabel zu stolpern, wollte er nicht tappen. „Da habe ich meine Ungeschicklichkeit rechtzeitig bewiesen.“ Auf dem Golfplatz hat er sein Handicap verbessert – aber nur noch dort sein wollte er auch nicht: „Sonst wird man dumm.“
Ins Büro geht Breuer immer noch in seiner Banker-Uniform: Zweireiher, Krawatte und Einstecktuch. „Aber zu Hause laufe ich jetzt im Pullover herum.“ Er gibt dem Tag weiter einen festen Rhythmus. Aber nicht mehr ganz so diszipliniert wie früher. „Ich stehe jetzt nicht mehr um halb sieben auf, sondern um halb acht.“ Dann liest er immer noch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Aber jetzt nicht mehr den Wirtschaftsteil zuerst – sondern das Feuilleton.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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