05.06.2009 · Roland Vaubel lehrt Wirtschaftspolitik an der Uni Mannheim. Er meint: Ökonomen sollten sich nicht weniger, sondern – wenn möglich – mehr mit wirtschaftspolitischen Fragen beschäftigen. Daran sei nichts Steinzeitliches. Und: „In Amerika ist nicht alles besser“.
Roland Vaubel lehrt Wirtschaftspolitik an der Uni Mannheim. Er meint: Die Ökonomen an den Uni sollten sich nicht weniger, sondern - wenn möglich - mehr mit wirtschaftspolitischen Fragen beschäftigen. Daran sei nichts Steinzeitliches. Und: „In Amerika ist nicht alles besser“.
Herr Vaubel, wollen die deutschen Wirtschaftspolitik-Professoren zurück in die Steinzeit?
Wir haben dazu aufgerufen, dass sich die Ökonomen an den Universitäten nicht weniger, sondern – wenn möglich – mehr mit wirtschaftspolitischen Fragen beschäftigen sollten. Daran ist nichts Steinzeitliches. Auch die wirtschaftspolitische Analyse bedient sich heute moderner Methoden. Die Umwidmung von Lehrstühlen in Tübingen, Berlin und Köln hat aber zur Folge, dass man sich immer weniger mit Wirtschaftspolitik beschäftigt. In vielen Fakultäten hat sich inzwischen die Mehrheit der Professoren von der Wirtschaftspolitik abgewandt. Auch finanzwissenschaftliche Lehrstühle werden umgewidmet. Da erschien mir unser öffentlicher Aufruf dringend notwendig.
Ist die Trennung in Lehrstühle für Theorie und Wirtschaftspolitik zeitgemäß?
Ja. Wir brauchen Vielfalt und Spezialisierung. Das heißt natürlich nicht, dass jemand, der einen Wirtschaftspolitik-Lehrstuhl hat, sich nicht auch mit theoretischen Problemen beschäftigen dürfte – oder umgekehrt. Aber wer einen Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik hat, ist verpflichtet und fühlt sich auch in der Regel verpflichtet, im Schwerpunkt einen Bereich der Wirtschaftspolitik zu beackern.
In Amerika sind die Bezeichnungen ganz anders. Da hat jemand seinen Schwerpunkt in Mikro- oder Makroökonomik. Ist das nicht die Zukunft?
Ich habe drei Jahre in England und dann in den Vereinigten Staaten studiert. Ich habe auch an einer amerikanischen Universität gelehrt. Meine Erfahrung war, dass sich die amerikanischen Kollegen erschreckend wenig mit wirtschaftspolitischen Problemstellungen befassen. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass in Amerika alles besser ist.
Hat die alte deutsche Berufungspraxis Provinzialismus gefördert? Sollte man nicht schauen, was ein Kandidat in den großen, meist amerikanischen Journalen publiziert hat?
Es hat Fälle von Provinzialismus gegeben, das ist kein spezielles Problem des Faches Wirtschaftspolitik. Aber gerade die wirtschaftspolitische Forschung hat sich stark internationalisiert und modernisiert. Eine größere Zahl deutscher Institutionenökonomen publiziert in angesehenen internationalen Zeitschriften wie „Public Choice“ oder dem „European Journal of Political Economy“.
Ihr Aufruf kritisiert indirekt die stark mathematisch-formalistische Ökonomik als zuweilen realitätsfern. Stimmt das?
Das Wort Mathematik kommt in unserem Aufruf nicht vor. Man muss klar unterscheiden, ob die Mathematik empirisch angewandt wird – wie in der Ökonometrie – oder ob damit logische Übungen veranstaltet werden. Die moderne Ökonometrie ist gerade für die wirtschaftspolitische Analyse von größter Bedeutung; denn die Auswirkungen der wirtschaftspolitischen Instrumente und Institutionen auf die wirtschaftspolitischen Zielgrößen können ja nur empirisch geklärt werden. Anders ist es, wenn die Mathematik als reine Wirtschaftslogik betrieben wird: Vorne steckt man einige selbstgewählte Annahmen hinein, dann folgen ein paar logische Transformationen. und hinten kommt eine Schlussfolgerung heraus, die bereits vollständig in den Annahmen angelegt ist. Solche Kunststückchen kann man machen; aber sie sind wenig geeignet, wirtschaftspolitische Probleme zu lösen. Wirtschaftspolitische Fehler beruhen in der Regel nicht auf logischen Fehlern. Das war unser Einwand. Wir sind nicht generell gegen Mathematik, überhaupt nicht.
Was kann Ordnungsökonomik, die vorwiegend verbal argumentiert, zum Verständnis der aktuellen Krise beitragen?
Die Ordnungsökonomik zeigt zum Beispiel, dass die Wirtschaftspolitik Regeln braucht. Für die Finanzkrise bedeutet das, dass es falsch wäre, jetzt den Aufsichtsbehörden noch mehr diskretionäre Eingriffsrechte – zum Beispiel in die Kreditvergabe, die Dividendenausschüttung und so weiter – zu übertragen. Stattdessen müssen die Regeln verschärft werden – zum Beispiel für die Eigenkapitalquote und die Offenlegungspflichten der Banken. Eine wesentliche Leistung der Ordnungsökonomik ist, dass sie Prinzipien und Grenzen für die Tätigkeit des Staates begründet.
Der aktuelle Streit unter den deutschen Ökonomen – beschädigt er das Ansehen der Wirtschaftswissenschaft?
Das ist kurzfristig durchaus möglich. Aber es ist wichtiger, dass die Öffentlichkeit erfährt, dass immer mehr wirtschaftspolitische und finanzwissenschaftliche Lehrstühle abgeschafft werden und dass die wirtschaftspolitische Lehre und Forschung in Deutschland auf breiter Front zurück gedrängt wird. Die Bürger und die Politiker müssen wissen, was hier gespielt wird, damit sie entscheiden können, ob sie das wirklich wollen.
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